Schmerzen und eine eingeschränkte Beweglichkeit des Schultergelenkes

Manchmal hilft nur noch der Gelenkersatz

Haare kämmen, Zähne putzen oder das Trinken aus einer Tasse sind alltägliche Dinge, die einem erst dann bewusst werden, wenn sie nur unter Schmerzen oder aufgrund einer eingeschränkten Beweglichkeit kaum noch möglich sind. Eine längerfristig eingeschränkte Funktion führt dann zwangsläufig zu einem Arztbesuch. Patientenbefragung, körperliche Untersuchung und ein Röntgenbild (eventuell auch noch eine ergänzende Kernspintomographie) schließen andere Ursachen der Beschwerden aus, und führen schließlich zur Diagnose – Arthrose (Gelenkverschleiß) der Schulter!

Zum Aufbau des Schultergelenkes

Das Schultergelenk stellt das beweglichste Gelenk des menschlichen Körpers dar. Oberarmkopf und Schultergelenkspfanne bilden zusammen ein sog. Kugelgelenk, welches Bewegungen in alle 3 Ebenen erlaubt. Da die Schultergelenkspfanne relativ flach angelegt ist, existieren zusätzliche Stabilisatoren die das Auskugeln (Luxation) verhindern sollen. Das sog. Labrum sitzt dem Rand der Schultergelenkspfanne auf und erhöht somit deren Tiefe. Die Gelenkkapsel, Bänder und ein kräftiger Muskelmantel (Bicepssehne und Rotatorenmanschette) halten den Kopf in der Pfanne.

Knie- und Hüftgelenke sind wesentlich häufiger betroffen

Die Arthrose (Knorpelverschleiß) des Schultergelenkes tritt seltener als die Arthrose des Hüft- oder Kniegelenkes auf und macht etwa 3% aller Arthrosen aus. Der Altersgipfel liegt bei etwa 60 Lebensjahren, Männer sind dabei häufiger betroffen als Frauen. Der Verschleiß des Schultergelenkes kann entweder ohne erkennbare Ursache auftreten (sog. primäre Arthrose) oder ist als Folge anderer Erkrankungen (z. B. Rheuma), einer Fehlanlage oder von Verletzungen des Schultergelenkes

anzusehen.

Schon das Waschen der Haare wurde zum Problem

Am Anfang stehen langsam einsetzende, belastungsabhängige und zum Teil diffuse Schmerzen, die häufig bei Tätigkeiten auftreten, die mit einem Anheben oder Abspreizen des Armes über die Horizontale einhergehen, so zum Beispiel beim Waschen der Haare. Typisch sind auch Beschwerden beim Drehen des Armes. Im Verlauf kommen eine schlechtere Beweglichkeit und auch Schmerzen in Ruhe hinzu. Da es sich bei der Arthrose um einen chronischen, nichtbakteriellen Entzündungsprozess handelt, ist der phasenhafte Schmerzverlauf charakteristisch – im entzündlichen Schub („aktivierte Arthrose“) gibt der Patient häufig stärkere Beschwerden an, die sich im weiteren Verlauf wieder spontan bessern können. Der Patient hat häufig auch nachts beim Schlafen auf der betroffenen Schulter Beschwerden und nimmt eine Schonhaltung ein, die zu einer Rückbildung der Muskulatur und einer Kraftlosigkeit führen können. Nicht selten werden ein bewegungsabhängiges „Reiben“ oder „Knirschen“ angegeben.

Typische Veränderungen auf dem Röntgenbild

Ein fortgeschrittener Verschleiß kann häufig anhand eines einfachen Röntgenbildes diagnostiziert werden. Auffällig ist eine Verschmälerung des Gelenkspaltes, was auf eine Abnahme der Knorpeldicke schließen lässt. Weitere Zeichen können eine Deformierung des Oberarmkopfes, eine Zerstörung der Schultergelenkspfanne und Knochenanbauten (sog. Osteophyten) sein. Ist der Oberarmkopf nach oben aus der Pfanne verschoben, spricht dies für eine Sehnenschädigung (Rotatorenmanschette). Die Durchführung einer Kernspintomographie (MRT) ist nur in den Anfangsstadien oder bei besonderen Fragestellungen notwendig.

Die Diagnose steht – was nun?

Die Behandlungsform der Arthrose ist von einigen Faktoren abhängig: OP - ja oder nein? Wesentliche Kriterien sind das Ausmaß der Schmerzen und der Funktionseinschränkung sowie der Umfang der Gelenkzerstörung - Lebensqualität ist das Stichwort. Weiterhin sind natürlich das Operations- und Narkoserisiko zu berücksichtigen. Liegen der Leidensdruck und der Grad der Gelenkzerstörung im Rahmen, sollten am Anfang jeder Therapie nichtoperative Behandlungsverfahren stehen. Entzündungshemmende Maßnahmen (Salben, Tabletten), Eisbehandlung und Krankengymnastik dienen der Schmerzlinderung, dem Erhalt bzw. der Verbesserung der Gelenkfunktion und dem Muskelaufbau. Ergänzend können andere Therapieformen, wie zum Beispiel die Elektrotherapie oder Akupunktur, eingesetzt werden.

 

Trotz intensiver nichtoperativer Behandlung weiterhin Schmerzen

Ist die konservative (nichtoperative) Therapie fehlgeschlagen und bestehen weiterhin Schmerzen, kann – sofern die Notwendigkeit für ein künstliches Schultergelenk aufgrund des relativ geringen Abnutzungsgrades noch nicht gegeben ist – eine Gelenkspiegelung durchgeführt werden. Im Rahmen einer solchen Arthroskopie können zum Beispiel der Knorpel geglättet, eine entzündete Gelenkinnenhaut entfernt und Knochenvorsprünge (Osteophyten) abgetragen werden. Es handelt sich dabei um symptomorientierte Maßnahmen, die nicht für jeden Patienten geeignet sind – die Arthrose lässt sich dadurch nicht „heilen“.

Das künstliche Schultergelenk – Verbesserung von Schmerz und Funktion

Das Versagen der genannten Therapie führt zwangsläufig zu der Frage, ob das Einsetzen eines künstlichen Schultergelenkes sinnvoll ist. Ziele einer solchen Operation, die derzeit in Deutschland jährlich etwa 25.000 mal durchgeführt wird, sind die Verbesserung der Schmerzsituation und der Funktion. Kunstgelenke der dritten Generation werden zementfrei oder mit Knochenzement verankert und erreichen mittlerweile eine Überlebensdauer von 10 bis 15 Jahren. In der Regel werden beide Gelenkanteile - Oberarmkopf und Schultergelenkspfanne – im Rahmen der Arthrosebehandlung ersetzt, selten ist das Einsetzen einer sog. „Hemiendoprothese“, die nur aus einem Oberarmkopfanteil besteht, sinnvoll. Der Trend geht dahin, möglichst kleine knochensparende Implantate einzusetzen, damit im Falle einer Lockerung eine möglichst gute Knochensubstanz verbleibt, die eine notwendige Wechseloperation erleichtert. Kappenprothesen, bei denen der Oberarmkopf nur entknorpelt wird und der gesamte Knochen erhalten bleibt, haben häufig leider nicht zu dem erhofften Ergebnis geführt. Regelmäßig eingesetzt werden hingegen knochensparende Kunstgelenke, die auf einen längeren Stiel verzichten. Die sog. „inverse“ Schulterendoprothese wird bei Patienten mit einer hochgradigen Arthrose bei Rotatorenmanschettenmassendefekt oder mit komplizierten Oberarmbrüchen bevorzugt eingesetzt.

Über den Autor

Prof. Dr. med. Jens Kordelle
Prof. Dr. med. Jens Kordelle
Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin
Agaplesion Evangelisches Krankenhaus Mittelhessen

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