Was sind „Alkoholkonsummarker“ und welche Aussagekraft haben sie?

Alkohol wird im Gegensatz zu zahlreichen anderen Substanzen (z.B. Medikamenten und Drogen) relativ rasch aus dem Organismus eliminiert und selbst ein Mensch mit erheblichen Alkoholproblemen ist häufig noch in der Lage, beispielsweise zu einer angekündigten Kontrolluntersuchung nüchtern zu erscheinen. Von Interesse sind daher Indikatoren, die auch im Nüchternzustand Aussagen über die Alkoholgewöhnung und evtl. damit in Zusammenhang stehende Probleme machen. Solche Fragen stellen sich beispielsweise in Verbindung mit der Überwachung einer Therapie oder Beurteilung der Fahreignung (Wiedererlangung der Fahrerlaubnis). Auch bestimmte Berufsgruppen (z.B. Beschäftigte in Kernkraftwerken oder Verkehrspiloten) werden häufig routinemäßig überwacht, da eine Abhängigkeit in diesen Bereichen besonders gravierende Konsequenzen haben kann.

Wenig zuverlässige Methoden zur Alkoholerkennung

Häufig wird versucht, aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes einer Person Rückschlüsse auf den Alkoholisierungsgrad oder die Blutalkoholkonzentration (BAK) zu ziehen. Hierzu zwei wichtige Warnhinweise:

- Das Fehlen einer sog. „Alkoholfahne“ spricht vor allem bei bewusstlosen Personen keinesfalls gegen eine schwere Alkoholintoxikation.

Ursachen für das Fehlen einer Alkoholfahne können beispielsweise sein:

  • geringer Eigengeruch bestimmter Getränke (Wodka u.a.)
  • oberflächliche Atmung des Patienten
  • Beeinträchtigung des Riechvermögens des Beobachters durch Erkältungskrankheiten oder andere Einschränkungen.

Andererseits kann allerdings bereits durch den Genuss geringer Alkoholmengen (z.B. eines Schluckes Bier) unter Umständen eine starke Alkoholfahne hervorgerufen werden. Es ist sehr schwierig und problematisch, eine bestimmte Symptomatik einer bestimmten Blutalkoholkonzentration zuzuordnen. Zuordnungstabellen (s. Tabelle 1) sind grundsätzlich zur Orientierung hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen einer bestimmten Blutalkoholkonzentration und den häufig zu erwartenden Ausfallerscheinungen (Leistungseinbußen) geeignet. Es werden jedoch ständig Ausnahmen von diesen mehr oder weniger groben Zuordnungsregeln beobachtet.

Tab. 1. Häufig beobachtete Stadien der Alkoholwirkung (BAK = Blutalkoholkonzentration)

BAK [‰]

Stadium der Alkoholisierung

Symptome

0 - 0,3

 

meist klinisch keine auffälligen Veränderungen (außer bei Intoleranz)

0,3 - 0,5

 

bereits feststellbare Leistungseinbußen

0,5 - 1,5

leichte Trunkenheit

Euphorie, Kritikschwäche, Nachlassen der Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit, Antriebsvermehrung, Rededrang, leichte Gleichgewichtstörung, Pupillenreaktion verlangsamt, Nystagmus, Spinalreflex abgeschwächt

1,5 - 2,5

mittlere Trunkenheit

Symptome des vorigen Stadiums verstärkt, dazu Sehstörungen, Gehstörungen, Distanzlosigkeit, Uneinsichtigkeit

2,5 - 3,5

schwere Trunkenheit

starke Geh- und Sprechstörungen (Torkeln, Lallen), zunehmende psychische Verwirrtheit, Orientierungsstörungen, Erinnerungslosigkeit

über 3,5

schwerste Trunkenheit

unmittelbare Lebensgefahr, Bewusstsein meist stark getrübt bis aufgehoben, „alkoholische Narkose“, Reflexlosigkeit, Gefahr der Aspiration von Erbrochenem und des Erstickens in hilfloser Lage, häufig Tod durch Unterkühlung oder Atemlähmung

Die Ausprägung der klinischen Symptome wird auch von zahlreichen individuellen, physischen und psychischen Faktoren beeinflusst, wie z.B. Alter, Geschlecht, Konstitution, Ermüdung, Alkoholgewöhnung, Wechselwirkung mit Medikamenten.

Valide Methoden

Für die Praxis von Bedeutung sind daher Messgrößen (sog. Klinisch-chemische Parameter), die sozusagen einen tieferen Einblick in den Umgang einer Person mit der „Volksdroge Alkohol“ gestatten. Dazu eignen sich. Alkoholkonsumparameter (früher auch „Alkoholismusparameter“ genannt), die besonders in den letzten Jahren im Bereich der Klinischen Chemie entwickelt und evaluiert wurden.

Tab. 2 Wichtige Alkoholkonsummarker

Indikator (Marker)

Hinweis

Blutalkoholkonzentration (BAK)

Akuter Alkoholkonsum, Momentaufnahme der Alkoholisierung

CDT

Mehrwöchiger massiver Alkoholkonsum (ca. 60 – 80 g Alkohol täglich)

γ –GT

Langfristiger (chronischer) Alkoholkonsum (ca. 80 – 200 g Alkohol täglich)

Mittleres korpuläres Erythrozyten-Volumen (MCV)

Längerfristiger Konsum moderater Alkoholmengen (< 40 g Alkohol täglich)

Methanol

Alkoholkonsum ohne wesentl. Nüchternphase

Aceton u. iso-Propanol

Alkoholinduzierte Stoffwechselstörungen

Fettsäureethylester (FAEE)

Kurzzeitmarker im Blut

Ethylglucuronid (EtG)

valider Abstinenzmarker (spezifisch für Alkohol)

Ethylsulfat (EtS)

ebenfalls valider Abstinenzmarker

Beispiele für Alkoholgehalte üblicher Getränke:

80 Gramm Alkohol sind in etwa 2 Liter Bier oder 1 Liter Wein enthalten (Durchschnittswerte / Ausnahmen möglich)

Erläuterungen zur Tabelle 2:

Besondere Bedeutung von CDT

CDT (= Carbohydrate Deficient Transferrin) ist eine Variante des Transferrins. Bei längerem Alkoholkonsum (meist täglichen Mengen über 60 Gramm Ethanol über mehrere Wochen hinweg) treten Strukturänderungen der Transferrinmoleküle auf, die in Form des CDT messbar sind. Die diagnostische Spezifität und Sensitivität von CDT werden als relativ hoch bezeichnet.

Besondere Bedeutung von Methanol

Erhöhte Methanolkonzentrationen im Blut werden grundsätzlich als Hinweis auf chronischen Alkoholkonsum angesehen.

Besondere Bedeutung von Ethylglucuronid (EtG)

Ethylglucuronid ist ein ausschließlich aus Ethanol gebildetes nicht flüchtiges Stoffwechselprodukt, das daher auch in die Haare eingelagert wird und somit eine längerfristige Abstinenzkontrolle mit Haaren als Untersuchungsmaterial gestattet. Ein Nachweis von EtG im Blut und Harn beweist eine Alkoholaufnahme selbst dann, wenn im Blut kein Alkohol mehr feststellbar ist.

Als weitere sog. Alkoholkonsummarker (s. Tabelle 2) werden neben einer erhöhten γ-GGT (Gamma-GT = Gamma-Glutamyl-transferase) und dem MCV (= mittleren korpulären Erythrozytenvolumen) häufig auch das Auftreten von Aceton und die Anwesenheit von iso-Propanol als Indikator für alkoholinduzierte Stoffwechselstörungen angesehen, die allerdings auch andere Entstehungsursachen haben können.

Quintessenz:

Ein einzelner „erhöhter Leberwert“ kann somit, isoliert betrachtet, niemals beweiskräftig für Alkoholismus bzw. Alkoholmissbrauch sein. Er muss stets mit Hilfe anderer Methoden abgesichert und bestätigt werden. Der Autor dieses Berichts erlebte im Verlauf seiner 40-jährigen Tätigkeit als forensischer Toxikologe zahlreiche Fälle, bei denen z.B. die Werte der γ-GGT (Gamma-GT) bei ansonsten normalen „Leberwerten“ deutlich erhöht waren, obwohl eine langfristige Abstinenz auch von Angehörigen glaubhaft versichert wurde. Ursache in diesen Fällen kann beispielsweise durchaus eine unerkannte („stumme“) Hepatitis sein.

Über den Autor

Prof. Dr. rer. nat. Harald Schütz
Prof. Dr. rer. nat. Harald Schütz
Forensischer Toxikologe
Institut für Rechtsmedizin der Universität Gießen

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