Das Kind ist da - und dann?

Was passiert mit mir im Wochenbett? Diese Frage stellen sich viele junge Mütter. Nicht nur dass sich im Körper einiges verändert, die Brust bereitet sich auf das Stillen vor, die Gebärmutter verkleinert sich wieder und der Nachtschlaf muss sich den Bedürfnissen des Kindes anpassen, auch seelisch gibt es Änderungen. Plötzlich gibt es einen kleinen neugeborenen Menschen, der in seiner Hilfsbedürftigkeit der gesamten Aufmerksamkeit der Mutter bedarf. Zahllose Mythen ranken sich um das Thema Wochenbett.

Aber der Reihe nach:

Das Wochenbett beginnt mit der Geburt der Plazenta, jetzt ist der eigentliche Geburtsvorgang abgeschlossen, auch wenn evtl. noch eine Naht der Geburtswege erforderlich ist. Abgeschlossen ist das Wochenbett nach ca. 6-8 Wochen.

Die Plazenta produziert u.a. die - gerade auch für das Wohlfühlen - wichtigen weiblichen Hormone Östrogen und Progesteron. Deren Wirkspiegel fallen nach der Geburt rapide ab. Vermutlich liegt es u.a. auch daran, dass die Wöchnerin in den ersten Tagen nach der Geburt manchmal etwas melancholisch wird. Eine leichte Melancholie ("Baby blues") in den ersten Tagen ist völlig normal. Wichtig ist es, dass die Familie dies akzeptiert und nicht nur dem Neugeborenen, sondern insbesondere auch der jungen Mutter in liebevoller Zuwendung begegnet. Doch zu diesem Thema später noch mehr.

Sollte eine junge Mutter nicht stillen, beginnt die Hirnanhangdrüse schon nach ca. 10 Tagen mit der Ausschüttung des Follikelstimulierenden Hormons (FSH) und des Luteotropen Hormons (LH), beide verantwortlich für die Stimulation des Eierstocks. Unter dem Einfluss dieser Hormone nimmt der Eierstock nach der Schwangerschaft seine Arbeit auf, ein neues Eibläschen entsteht und somit bekommt die Mutter auch wieder die Eierstockshormone. Bei diesen Frauen setzt nach ca. 5-10 Wochen die erste Menstruationsblutung ein. Bei den meisten stillenden Müttern dauert dies deutlich länger und lässt sich nicht vorhersagen. Selten haben voll stillende Mütter schon - zumeist unregelmäßige - Monatsblutungen, meist treten diese aber erst auf, wenn nur noch nachts gestillt wird, oder das Brustfüttern völlig eingestellt wird. Diese blutungsfreie Zeit bei stillenden Frauen nennen wir "Still-Amenorrhoe".

Was passiert aber zwischenzeitlich mit der Gebärmutter?

Nach der Geburt wiegt die Gebärmutter um 1000 Gramm. Durch das Zusammenziehen der Muskelfasern, bei gleichzeitigem Gewebeabbau verkleinert sich die Gebärmutter wieder auf ihr Ausgangsgewicht von ca. 50-60 Gramm. Dieser Vorgang unterliegt ebenfalls einer hormonellen Steuerung. Verantwortlich hierfür ist das Hormon Oxytocin aus der Hirnanhangdrüse. Diese wird zusätzlich beim Stillen aktiviert, weswegen die Rückbildung der Gebärmutter bei stillenden Mütter häufiger problemloser und schneller abläuft. Diese Muskelkontraktionen ("Nachwehen") werden bisweilen als schmerzhaft empfunden, vor allem bei Mehrgebärenden. Durch den Gewebeabbau entsteht der Wochenfluss ("Lochien"), der immer bakteriell besiedelt ist. Diese bakterielle Besiedelung stört den Wundvorgang nicht, ist aber der Grund, weswegen die stillende Mutter vor dem Stillen die Hände waschen oder besser desinfizieren sollte, damit keine Entzündung an der Brustwarze entsteht.

Wie ist der Ablauf nach der Geburt?

Während der ersten beiden Stunden nach der Geburt wird die junge Mutter mit ihrem Kind in der Regel im Kreißsaal überwacht. Direkt nach der Geburt wird das Kind zum Kuscheln der Mutter gegeben und in ein vorgewärmtes Badetuch warm eingepackt. Vor allem bekommt es ein Mützchen aufgesetzt, da das Neugeborene gerade über den Kopf sehr viel Wärme verlieren kann. Schließlich muss das Neugeborene sich erst einmal auf die kalte Umgebungstemperatur außerhalb des mütterlichen Körpers einstellen. Jetzt erfolgt - nach der Untersuchung der Lebenszeichen und der Einstufung des APGAR-Index, der die Hautfärbung, die Beweglichkeit des Kindes, die Herzfrequenz und die Atmung direkt nach der Geburt beurteilt - eine gründlichere Untersuchung des Kindes, um zu überprüfen, dass keine behandlungsbedürftigen Erkrankungen vorliegen, da wir ansonsten spätestens jetzt einen unserer Kinderärzte rufen würden. Jetzt wird das Baby auch gewogen. Doch zu den Untersuchungen des Neugeborenen kommen wir später noch ausführlicher.

Ganz wichtig ist im Wochenbett die sogenannte Frühmobilisation, als Thrombosevorbeugung. Deshalb darf die Wöchnerin auch auf Wunsch schon im Kreißsaal duschen

Auf der Wochenbettstation wird darauf geachtet, dass die Rückbildung der Gebärmutter gut und zeitgerecht verläuft. Deshalb wird täglich der Höhenstand der Gebärmutter mittels einer schmerzlosen Tastuntersuchung durch die Bauchdecke ermittelt. Dabei wird dann auch auf die Menge, Farbe und Geruch des Wochenflusses geachtet. Die Wöchnerin kann diese Rückbildungsvorgänge durch regelmäßiges Entleeren von Blase und Darm zusätzlich unterstützen. Der Stuhlgang setzt in der Regel am 2. Tag nach der Entbindung ein. Sollte die junge Mutter bisweilen schon in der Schwangerschaft unter einer Verstopfung gelitten habe, empfiehlt es sich, dies bitte bei Visite anzugeben, der Stuhlgang kann dann mit einem milden Laxans (Abführmittel) angeregt werden.

Bei der Wochenbett Versorgung durch die Krankenschwestern und Hebammen wird regelmäßig der Blutdruck, der Puls und auch die Temperatur kontrolliert. Leichte Temperaturerhöhungen können ganz natürlich beim "Milcheinschuß" auftreten, wenn die Brustmilchproduktion in Gang kommt. Die Blutdruckkontrolle ist wichtig, weil in seltenen Fällen erst im Wochenbett ein erhöhter "Schwangerschaftsbluthochdruck" auftreten kann.

Auf eine ausgewogene, vitaminreiche Kost mit reichlicher Flüssigkeitszufuhr (ca. 2,5 l/Tag) - zur Förderung der Stillleistung - wird genauso geachtet, wie auf eine Vorbeugung gegen eine Kropfbildung (Strumaprophylaxe), weswegen - wie schon in der Schwangerschaft - auf die Einnahme von 200 µg Jodid nicht verzichtet werden sollte. Am einfachsten nimmt die Wöchnerin das Präparat, das sie in der Schwangerschaft als Nahrungsergänzungsmittel nutzte, auch in der Stillzeit weiter.

Ernährung des Säuglings

Kommen wir zum Stillen. Möchte eine Wöchnerin nicht stillen, erhält sie sofort auf Station eine Tablette zum Abstillen. Es ist nur eine einmalige Tabletteneinnahme notwendig.
Da die Brustmilchzusammensetzung exakt auf das Neugeborene von Natur aus vorbereitet ist, außerdem ein Infektionsschutz über Antikörper in der Muttermilch gewährleistet wird, ist die Brustmilchgabe natürlicherweise die optimale Ernährung für den Säugling und sollte, wenn möglich auch genutzt werden.

Schon während der Schwangerschaft wird die Brustdrüse auf die Milchproduktion vorbereitet. Maßgeblich verantwortlich hierfür sind die in der Schwangerschaft steigenden Östrogen- und Progesteronspiegel, die vom Mutterkuchen (Plazenta) gebildet werden. Daher nimmt auch im auf Laufe der Schwangerschaft die Empfindlichkeit der Brustwarzen zu. Das Drüsengewebe in der Brust schwillt an und verdrängt das Fettgewebe.
Nach der Geburt entfällt die Stimulation durch die Plazentahormone. Dies übernimmt nun der Saugreiz des Kindes, weswegen ein frühes Anlegen des Neugeborenen, möglichst in der ersten Stunde nach Geburt, wichtig für die Brustmilchbildung ist. Durch den Saugreiz des Kindes gibt die Brust die sogenannte Vormilch (Kolostrum) ab. Durch den Saugreiz wird durch die Hirnanhangdrüse das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon kennen wir schon: Es ist verantwortlich für die Rückbildung der Gebärmutter. Jetzt wird auch klar, weswegen stillende Mütter häufig eine schnellere und komplikationsfreiere Rückbildung der Gebärmutter haben. Ein weiteres wichtiges Hormon der Hirnanhangdrüse tritt jetzt auf den Plan: das Prolaktin. Es ist für die weitere Milchproduktion (Galaktogenese) verantwortlich. Es spielen noch weitere Hormone hierbei eine Rolle, auf die wir aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchten.
Nach 2-4 Tagen erfolgt - verursacht durch den wiederholten Saugreiz des Kindes - der Milcheinschuß. Die junge Mutter bemerkt häufig schon Veränderungen an der Brust: Hautvenen werden sichtbar und die Brust kündigt durch ein Anschwellen den bevorstehenden Milcheinschuß an. Gelegentlich treten - wie oben schon erwähnt - leichte Temperaturen auf, wir nennen dies "subfebrile" Temperaturen, bis 38°C, außerdem fühlt die Brust sich häufig wärmer an, als der übrige Körper.

Am dritten Tag trinkt der Säugling ca. 100 ml, bis zum 10. Tag nimmt die Trinkmenge dann täglich um 50 ml zu. Überwacht werden kann dies durch das Wiegen des Babys vor und nach dem Stillen. Im Gegensatz zur Kuhmilch enthält die Frauenmilch mehr Milchzucker (Laktose) und weniger Eiweiß. Dass die Kuhmilch anders zusammengesetzt ist, ist von Natur aus sinnvoll, schließlich kann ein Kälbchen schon kurz nach der Geburt stehen und beginnt zu laufen.
Bisweilen können flache Brustwarzen das Stillen beeinträchtigen, doch hierfür gibt es Stillhütchen, die vom Kind problemlos angenommen werden und ein Stillen ermöglichen.

Sollte das Stillen aber trotzdem nicht möglich sein, ist auf eine volladaptierte Ersatzmilch zu achten. Falls in der Familie vermehrt Allergien aufgetreten sind, kann ein besonderes hypoallergenes Präparat verwendet werden.

Aufpassen muss man bei einer medikamentösen Behandlung in der Schwangerschaft. Diese sollte ausnahmslos mit der Gynäkologin/dem Gynäkologen besprochen werden, auch wenn sie von einem Arzt einer anderen Fachrichtung verordnet wurde. Jeder behandelnde Arzt sollte von der Wöchnerin informiert werden, dass sie stillt. Dies gilt besonders für Beruhigungsmittel (Sedativa), eine antiepileptische Behandlung, Psychopharmaka, bestimmte Antibiotika und natürlich Zytostatika, wie sie häufig auch von Patientinnen mit rheumatischen Erkrankungen eingenommen werden. Falls eine solche Therapie nicht vermieden werden kann, muss u.U. die Brustmilch abgepumpt und verworfen werden, manchmal, bei langfristiger Therapie, muss evtl. sogar abgestillt werden. Für den Fall, dass die stillende Mutter die Brustmilch abpumpen muss, kann ein Rezept über die leihweise zur Verfügungstellung einer Milchpumpe ausgestellt werden. Die Milchpumpe erhalten Sie in der Apotheke vor Ort.

Bei jeder Mahlzeit sollte das Kind an jeder Brust angelegt werden, wobei zunächst die vollere Brust leergetrunken werden sollte. Zur Vorbeugung von feinen Hautrissen (Rhagaden) neben und an der Brustwarze, muss die Brustwarze vorsichtig aus dem Mund des Säuglings herausgenommen werden, ohne dass das Kind gleichzeitig daran saugt. Als eine gute Entzündungsvorbeugung hat sich das Trocknen der Brustwarze an der Luft bewährt. Sollten Beschweren an der Brustwarze auftreten empfiehlt es sich, gleich Kontakt zur Hebamme und/oder Frauenärztin/Frauenarzt aufzunehmen, um mit Salben oder Laserbehandlung für eine rasche Abheilung zu sorgen.
Am besten gelingt das Stillen, wenn das Kind regelmäßig dann angelegt wird, wenn es sich meldet ("feeding on demand"), lediglich auf eine Spätmahlzeit gegen 22 Uhr ist zu achten. Die Stillmenge kann über die Gewichtskontrolle des Babys überprüft werden, in den ersten Wochen reicht es i.d.R. einmal täglich, später einmal wöchentlich.

Übrigens: In den ersten Tagen nach der Geburt nimmt das Neugeborene bis zu 10% seines Geburtsgewichtes wieder ab, holt dies jedoch in den ersten 10 - 14 Tagen wieder auf. Das ist völlig normal.

Und wie schütze ich mich vor einer raschen ungewollten Schwangerschaft?

Während der ersten sechs Wochen nach der Entbindung sollte - wegen der Gefahr einer Gebärmutterentzündung - auf Geschlechtsverkehr verzichtet werden, wie auch auf Wannenvollbäder oder Schwimmen.

Während des Stillens ist unter den hohen Prolaktin- und Oxytocinspiegeln der Eierstock meist ruhiggestellt, so dass eine Schwangerschaft weniger wahrscheinlich eintritt. Leider kann man sich darauf aber nicht verlassen. Daher sollte auf jeden Fall zusätzlich verhütet werden. Allgemein gilt die Empfehlung, dass mindestens ein Jahr bis zur erneuten Schwangerschaft gewartet werden sollte, zum einen, um die Rückbildungsvorgänge im Körper der Mutter nicht zu beeinträchtigen, zum anderen aber auch, damit die junge Familie ihr neues Glück genießen kann und Zeit für sich und den Säugling hat.

Eine hormonelle Verhütung über einen Ovulationshemmer ("Pille") kann jedoch nicht empfohlen werden - hauptsächlich wegen der erhöhten Thrombosegefahr im Wochenbett, diese kann bis zu einem halben Jahr andauern. Dies gilt auch für alle anderen östrogenhaltigen Hormonpräparate, die über den Körper aufgenommen werden, wie den Vaginalring oder ein Verhütungspflaster.

Möglich sind Kondome, die aber leider nicht sehr sicher sind. Betrachtet man den Pearl-Index, mit dem die Sicherheit einer Verhütungsmethode angegeben ist, so beträgt dieser bei optimaler Anwendung von Kondomen 2, bei der typischen Anwendung aber 15, was leider auf eine große Unzuverlässigkeit hinweist.

Sinnvoller ist die Anwendung einer reinen Gelbkörperpille, diese hemmt nicht die Stilleistung und geht auch nicht in nennenswertem Umfang in die Brustmilch über. Hier beträgt der Pearl-Index bei optimaler Anwendung 0,8, bei typischer Anwendung aber 8.

Wer seinem Körper keine zusätzlichen Hormone zuführen möchte kann eine sichere Verhütung direkt an der Gebärmutter durchführen, entweder über eine Kupferspirale, hier beträgt der Pearl-Index 0,8 und da diese Verhütungsmethode anwenderunabhängig zuverlässig ist entspricht dies auch dem Pearl-Index bei typischer Anwendung. Das liegt daran, dass man z.B. nicht wie bei der Pille die Einnahme einer Pille vergessen kann, wo durch die Sicherheit der Verhütungsmethode nicht mehr gewährleistet ist. Da die Spirale einmalig bei der Frauenärztin/dem Frauenarzt in die Gebärmutterhöhle eingesetzt wird und für zumindest drei Jahre kontinuierlich wirkt kann es keine Einnahmefehler geben.
Noch etwas sicherer ist das Intrauterinsystem, das ebenfalls in die Gebärmutterhöhle eingesetzt wird. Hierbei wird nur lokal, innerhalb der Gebärmutter, sehr niedrig dosiert das Gelbkörperhormon Levonorgestrel freigesetzt. Dieses bewirkt, dass der Muttermundsschleim auch während des Eisprungs zähflüssig bleibt, so dass keine Samenfädchen in die Gebärmutterhöhle gelangen können. Mit einem Pearl-Index von 0,2 handelt es sich um eine der sichersten Verhütungsmethoden überhaupt und gleichzeitig um eine der nebenwirkungsärmsten.

Welche Methode aber für die einzelne junge Mutter individuell am sinnvollsten ist, bespricht man spätestens bei der Wochenbettabschlußuntersuchung nach ca. 6 Wochen mit der Frauenärztin/dem Frauenarzt.

Bis hierhin haben wir Ihnen einen Überblick gegeben, wie das Wochenbett normalerweise und bei den meisten Frauen abläuft. Bisweilen gibt es jedoch auch krankhafte Veränderungen. Welche dies sind und wie Sie diese erkennen können, werden wir Ihnen in der nächsten Ausgabe erläutern.

Über den Autor

Assem Hossein, Constance Scholl, Dr. med. Axel Valet,
Assem Hossein, Constance Scholl, Dr. med. Axel Valet,
Fachärzte für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Lahn-Dill-Kliniken, Dillenburg

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Aktuelle Ausgabe1/2018