Vorlesen kann therapeutische Wirkung haben

Mit Bilderbüchern lernen, seine Angst zu lieben

Niemand in unserer Gesellschaft kann von sich behaupten, frei von Angst zu sein. Angst trägt dazu bei, dass wir nicht frei von Vernunft handeln, vorsichtig sind und auf uns und unsere Mitmenschen achten. Manchmal aber wird die Angst größer, als gut für uns ist. Sie hindert uns daran, das Haus zu verlassen, sie droht uns mit einer hoffnungslosen Zukunft, führt schlimmstenfalls zu Atemnot, Panikattacken, Depression. Angst ist großes Thema, das auch in Bilderbüchern aufgegriffen wird. Diese Bücher können helfen, die eigene Angst zu verstehen und sie als gesunden Schutzfaktor in unser Leben zu lassen. Sie ermutigen dazu, dass wir unsere Ängste zulassen können; sie finden aber auch poetische Bilder für Situationen, in denen die Angst alles überlagert und tragen damit zu mehr Verständnis für Menschen in unserem Umfeld bei, die an Angst erkrankt sind.

Für Kinder besonders gut verständlich ist das 2013 zum ersten Mal erschienene und jetzt neu aufgelegte Bilderbuch „Schwarzhase“, in dem ein kleines, weißes Häschen sich vor seinem Schatten ängstigt. Wie sehr es auch rennt, Schwarzhase verfolgt es und weicht nicht von seiner Seite. Erst, als sich auch ein Wolf vor dem großen, dunklen Schatten fürchtet und das Häschen deshalb nicht frisst, erkennt der Hase, was das Dunkle ist - ein Teil seiner selbst, den es nicht ablegen kann und der zwar unheimlich ist, aber auch hilft. Das abschließende Bild zeigt den Hasen Hand in Hand mit seinem es dreifach überragenden Schatten - ein wunderbares Bild von Akzeptanz und Zuversicht.

Aus literaturpädagogischer Sicht ist „Schwarzhase“ noch aus einem weiteren Grund sehr zu empfehlen. Das Buch regt nicht nur dazu an, schon mit dreijährigen Kindern über Ängste zu sprechen, es verleitet auch dazu, mit Schatten zu spielen - Lichtquellen so zu stellen, dass der Schatten mal größer und mal kleiner wird, mit mehreren Lichtquellen zu experimentieren und den Schatten so zu verdoppeln und verdreifachen - und natürlich lassen sich mit den Händen wunderbare Schattenmonster formen, vor denen wir uns jetzt nicht mehr zu fürchten brauchen.

Francesca Sanna lässt ihre Geschichte „Ich und meine Angst“ unter Kindern spielen. Aus der Sicht eines Mädchens erfahren wir, dass sie schon immer eine winzige Freundin namens Angst hat, an deren Seite sie viel erlebt und Neues entdeckt hat. Nach einem Umzug ist die kleine Freundin größer geworden; sie wächst und nimmt auf den in zarten Pastelltönen gehaltenen Doppelseiten immer mehr Raum ein. Dadurch, dass die Illustratorin sie weich und weiß zeichnet, fürchten sich Kinder, die sich das Buch anschauen, nicht vor dieser Angst. Lächelnd umhüllt die Angst ‚ihr‘ kleines Mädchen, schirmt sie vor allem ab - auch vor Kindern, die ihre Freunde werden könnten. So sorgt sie nicht länger nur für Schutz, sondern auch für Einsamkeit und Traurigkeit. Es dauert eine Weile, bis ein Schulkamerad diese Mauer durchbricht und die Angst in seiner Gegenwart wieder kleiner wird, so klein, dass das Mädchen endlich genauer hinschauen kann und bemerkt, dass auch alle anderen Kinder in ihrer Klasse eine kleine Angst bei sich haben. So erfahren Kinder mit Hilfe dieses Bilderbuchs in anschaulicher und sehr sanfter Art, dass man seine Ängste zulassen kann, sich aber nicht von ihnen beherrschen lassen muss. Sehr gut gemacht!

Das derzeit wohl schönste Buch zum Thema Angst für Kinder und Erwachsene liefern derzeit Kerstin Hau und Julie Völk. Sie erzählen von zwei Fantasiewesen, dem Struppigen, das in der Dunkelheit lebt, und dem Hellen, das im Sonnenschein badet. Jedes von ihnen weiß um die andere Welt, aber sie trauen sich nicht hin. Doch weil sie beide neugierig sind, wagen sie sich immer weiter vor an den Rand der jeweils anderen Welt, bis sie sich gegenüberstehen und nach einem ersten beidseitigen Erschrecken miteinander anfreunden. Mit dem Zarten an seiner Seite fürchtet sich das Struppige nicht länger vor der Helligkeit und dem Farbenleuchten, sein dunkles Fell bekommt helle Flecken. Eines Tages wagt es zum ersten Mal allein den Schritt ins Licht - um dort festzustellen, dass der Freund verschwunden ist. Wo sein Zuhause war, klafft ein dunkles Loch. Ohne eigenes Zutun ist das Zarte von der Dunkelheit verschluckt worden, wo es sich nicht auskennt und große Angst hat. Das Struppige tröstet, so gut es vermag und leitet das Zarte ganz langsam wieder an die Grenze mit dem Dämmerlicht. Doch bis sich das Zarte wieder in seine alte Welt zurückwagt, wird es eine Weile dauern.

An diesem Buch ist eigentlich alles zauberhaft - von Julie Völks außergewöhnlichen Cyanotopie-Illustrationen in wundervollen Blautönen über die leise Sprache bis hin zu den poetischen Bildern, die Kerstin Hau für die Angst findet, ohne sie dabei zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Auch dass hier nicht nur einer der Starke ist, sondern sich die beiden Wesen gegenseitig tragen und bestärken, wobei jeder sein eigenes Tempo bestimmen kann, trägt zu der heilenden Kraft dieses bemerkenswerten Bilderbuchs bei. Sehr zu empfehlen!

 

Die in dieser Rubrik vorgestellten Bilderbücher werden von der AG Bücher für Vorleser des Wetzlarer Projekts „Vorlesen in Familien“ empfohlen. Die besten Titel werden den ehrenamtlichen Vorlesern zur Verfügung gestellt, die die regelmäßig mit Bilderbüchern in ihnen zugeteilte Familien gehen und letztlich nicht nur ihr Vorlesekind, sondern die ganze Familie unterstützen.

Nähere Informationen zur Ausbildung zum Vorleser und zum Projekt selbst finden sich auf der Homepage:

https://www.phantastik.eu/projekte/vorlesen-in-familien.html

Das Projekt finanziert sich zum großen Teil aus Spenden und ist deshalb ganzjährig auf Unterstützung angewiesen.

IBAN: DE49 5139 0000 0012 9129 00

BIC: VBMHDE5F (Volksbank Mittelhessen)

Stichwort: ViF

Über den Autor

Maren Bonacker
Maren Bonacker
Lese- und Literaturpädagogin
Phantastische Bibliothek Wetzlar

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Aktuelle Ausgabe4/2019