Wenn es beim Kauen knackt...

Die osteopathische Sichtweise des Kiefergelenkes

Das Kiefergelenk ist eines der wichtigsten Gelenke in unserem Körper, da es mehr als andere Gelenke einen sehr starken Einfluss auf die Gesamtstatik des Körpers hat und somit vielfältige Probleme verursachen kann. Daher steht es auch im Zentrum des komplexen Krankheitsbildes welches als craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) bezeichnet wird. Die hieraus entstehenden Beschwerden, reichen von leichten muskulären Nackenverspannungen, über Kopfschmerzen, bis zu hin zu einem Tinnitus (Ohrgeräuschen) oder sogar Schwindel.

Grund genug, ein paar Hintergrundinformationen zu diesem Bereich zu betrachten:

Anatomisch besteht das Gelenk aus zwei Knochen, dem Schläfenbein, welches die Gelenkpfanne des Oberkiefers bildet und dem Unterkiefer, dessen Fortsätze in dieser Gelenkpfanne sitzen. Die Gelenkflächen von Ober-und Unterkiefer sind sehr unterschiedlich und ungleichmäßig und die Gelenkkapsel ist sehr locker. Dadurch kann das Kiefergelenk sehr komplexe Bewegungen ausführen und hat einen großen Bewegungsradius. Zusammengehalten werden die Gelenkpartner durch einen Halteapparat, der aus Muskeln und Bändern besteht. Im Gelenk selbst befindet sich eine Knorpelscheibe, der Diskus. Dieser löst das so häufige Problem des „Knackens“ bei Mundöffnung oder-schliessung aus. Eigentlich hat er die Aufgabe, die Ungleichheit, sowie den Größenunterschied der beiden Knochen auszugleichen. Zusätzlich verbessert er die Druckverteilung innerhalb des Gelenkes, da dieses während der Kauphasen starken Kräften und Belastungen ausgesetzt ist.

Nur durch ein harmonisches Zusammenspiel aller Strukturen des Kiefergelenkes kann eine ungestörte Funktion gewährleistet werden. Ist diese jedoch gestört kommt es in der Folge zu Beschwerden, wie die bereits oben erwähnten Schmerzen oder Geräuschen im Kiefergelenk.

Die auslösenden Faktoren für die Entstehung einer Störung sind meist sehr vielschichtig und reichen von Stürze oder Schläge auf das Gesicht, über Veränderungen der Zahnstellungen bis hin zu extreme Mundöffnungsbewegungen (evtl. bei langandauernden zahnärztlichen Eingriffen). Aus osteopathischer Sicht können sich aber auch Probleme des Schultergürtels, der Halswirbelsäule, aber auch Probleme des Beckens und der unteren Extremität auf das Kiefergelenk auswirken.

Eine ebenso häufige Ursache stellen Stress oder psychisch bedingte Problematiken dar, welche zu nächtliche Zähneknirschen oder Zusammenpressen der Zähne führt.

Eine osteopathische Untersuchung bei einer CMD beginnt, wie alle osteopathischen Behandlungen, zunächst mit der intensiven Befragung des Patienten. Anschließend erfolgt die ausführliche körperliche Untersuchung. Hierbei kann der geübte Osteopath sehr schnell erkennen ob es sich um ein auf-oder absteigendes System handelt. Bei einem aufsteigenden System liegt die Ursache der Problematik unterhalb des Kiefergelenkes und das Gelenk ist nur der leidtragende Teil. Umgekehrt verhält es sich bei einemabsteigenden System. Hier liegt die Ursache im Bereich des Kiefers und alle anderen Beschwerden sind nur Folge der Funktionsstörung innerhalb des Kiefergelenkes.

Eine parallel zu osteopathischen Therapie durchgeführte kieferorthopädische Behandlung ist fast immer anzuraten. Hier arbeiten dann beide Methoden Hand in Hand, denn nur durch eine optimale interdisziplinäre Zusammenarbeit lässt sich eine Störung des Kiefergelenks in den Griff bekommen.

Grundsätzlich gilt aber auch beim Kiefergelenk, dass je länger die Beschwerden bestehen, desto schlechter die Prognose ist. Deswegen ist es meist sinnvoll, sich schon beim ersten Auftreten von Symptomen zeitnah in die Hände eines erfahrenen Osteopathen zu begeben.

Über den Autor

Matthias Bernhardt
Matthias Bernhardt
Aktuelle Ausgabe2/2018