Gesundheit - was ist das eigentlich?

Gesundheit ist eines der Top-Themen unserer Zeit. Die UN stuft weltweite Gesundheitsfragen neben Sicherheit, weltweiter ökonomischer Entwicklung und Klima als eines der vier wichtigsten Zukunftsfelder der nächsten Jahrzehnte ein. Wortkombinationen wie Gesundheitssystem, Gesundheitspolitik, Gesundheitsförderung, oder Gesundheitsausgaben begegnen uns nahezu täglich in allen Medienformaten.

Der Artikel möchte erläutern, was Gesundheit ausmacht und warum es wichtig ist, dass es Thema bleibt.

Definition von Gesundheit - ein schwieriges Unterfangen

Versuchen wir zu erklären, was Gesundheit eigentlich ist, werden wir feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Woran liegt das? Jeder hat sicherlich eine etwas andere Vorstellung davon, was Gesundheit ist oder wovon es abhängt, dass man sich gesund fühlt.

Dies spiegelt sich wider in der Definitionenvielfalt des Begriffes. Die Frage nach Wesen und Bedeutung der Gesundheit beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden und die unterschiedlichsten Disziplinen wie Medizin, Philosophie, Soziologie oder Theologie nehmen Einfluss auf sinnhafte Beschreibungsversuche.

So schreibt Galen im 2. Jahrhundert n. Chr. von einem ´Zustand, in dem wir weder Schmerzen leiden noch im Gebrauch der Lebenskräfte behindert sind´. Nach dem Philosophen Arthur Schopenhauer ist `Gesundheit nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts´. (1851). Friedrich Nietzsche empfindet Gesundheit als ´dasjenige Maß, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen´. Für den Soziologen Talcott Parsons ist der gesund, der sich im ´Zustand optimaler Leistungsfähigkeit befindet für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben´. Im Brockhaus liest man: `Das normale subjektive Befinden, Aussehen und Verhalten sowie Fehlen von der Norm abweichender ärztlicher Befunde´.

Neben diesen zum Teil persönlichen Sichtweisen ist die allgemein akzeptierteste Definition die der WHO von 1946: `Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen´. Insbesondere für die Benennung als ´vollständigen´ Zustand ist die WHO häufig kritisiert worden, da dies unerreichbar wäre. Allerdings rückt die Definition - auch unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges - die Bedeutung in dem Mittelpunkt, immer den unter den jeweiligen Umständen bestmöglichen Zustand anzustreben.

Woher kommt diese Heterogenität der Sichtweisen? Gesundheit ist ein nicht scharf abgrenzbarer, vielschichtiger Begriff. Definitionsversuche sind wesentlich geprägt von ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund sowie von der Perspektive der jeweiligen Disziplin, die sich daran versucht.

Störungsfreiheit oder Wohlbefinden?

Eine allgemeingültige Definition ist vor diesem Hintergrund eigentlich nicht möglich. Ist sie überhaupt notwendig? Gesundheit ist ein dynamischer Begriff, der zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich definiert wird. Dies hängt u.a. mit Forschung, Wissenszuwachs und gesellschaftlicher Entwicklung zusammen.

Entscheidend ist vielmehr, Überlegungen anzustellen, welche Dimensionen von Gesundheit wesentlich sind, um z.B. im Rahmen der Weiterentwicklung von Gesundheitssystemen gestalterisch tätig zu werden.

Das bio-medizinische Modell betrachtet die Dimension Störungsfreiheit und definiert Gesundheit eher über die Abwesenheit von Krankheit. Die Hürde, die hier genommen werden muss, ist, dass im Gegenzug auch definiert werden muss, was Krankheit ist.

Ab welcher Grenze habe ich z.B. einen Bluthochdruck? Welche Normwerte gibt es bei Blutuntersuchungen? Weichen meine Werte hiervon ab, bin ich dann krank? Auch für interessante kulturelle Einflüsse gibt es Beispiele. Deutschland ist das einzige Land, in dem zu niedriger Blutdruck (Hypotonie) als Krankheit und deshalb international als ´german disease´ (deutsche Krankheit) bezeichnet wird.

Warum ist es so wichtig Gesundheit von Krankheit abzugrenzen? Letztendlich organisieren sich hierüber weite Teile unseres Gesundheitssystem. So regelt z.B. das Sozialgesetzbuch (SGB V) das Krankenversicherungswesen oder wer welche medizinischen und nichtmedizinischen Leistungen bezahlt.

Die Dimension Wohlbefinden, die auch in der WHO-Definition verwendet wird, hat seit jeher für weitreichende Diskussionen gesorgt. Dies liegt sicherlich daran, dass Wohlbefinden als sehr subjektiv empfundener Begriff schwer fassbar ist und somit an ihm nur schwer medizinische Maßnahmen oder Bezahlstrukturen im Gesundheitswesen ausgerichtet werden können.

Trotzdem wird dem Wohlbefinden als Bestandteil einer Gesundheitsdefinition aus gesundheitspolitischer Sicht Bedeutung beigemessen. In der Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung von 1986 wird die Bedeutung einer gesundheitlichen Selbstbestimmung des Menschen betont. Die Voraussetzungen hierfür zu schaffen obliegt einer gesamtgesellschaftlichen und politischen Verantwortung, z.B. über gesundheitsförderliche Lebenswelten. Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen haben entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit. Eine befriedigende gesamtgesellschaftliche Organisation dieser Bedingungen wird als Basis für eine gesundheitsfördernde Lebensweise gesehen, die das Wohlbefinden steigert.

Leistungsfähigkeit und Rollenerfüllung. Der Zweck von Gesundheit wird in unserer Zeit zunehmend im Zusammenhang mit einer Funktionserfüllung gesehen. Der Prüfstein der Leistungsfähigkeit in unserer Gesellschaft ist nach wie vor die Arbeitsfähigkeit. Wer hat noch nie aus beruflichen Gründen gesagt: ´Jetzt bloß nicht krank werden.` Auch im Falle von Krankheit ist eine der wichtigsten Fragen, wann die Rückkehr in seinen beruflichen Verantwortungsbereich wieder möglich ist. Bewertungsgrundlage für die Gesundheit ist hier die Fähigkeit, eine soziale Rolle auszufüllen und Aufgaben innerhalb der Gesellschaft zu übernehmen.

Die Gretchenfrage

Gesundheit wird von Bedingungsfaktoren (Determinanten) beeinflusst, die am besten das Regenbogen-Modell von Dahlgren veranschaulicht.

Angefangen von persönlichen Voraussetzungen wie Geschlecht und Alter bis hin zu sozioökonomischen, kulturellen Lebens- und Arbeitsbedingungen sind es die sozialen Lebensumstände, die hauptsächlich den jeweiligen Gesundheitszustand bestimmen. Soziale Ungleichheiten sind in diesem Zusammenhang die Hauptursache für gesundheitliche Fehlentwicklungen. Entscheidend ist, dass diese Bedingungsfaktoren positiv durch gesundheitsfördernde Maßnahmen beeinflussbar sind.

Hier stellt sich die Gretchenfrage ´Krankheit behandeln oder Gesundheit fördern?´ Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ2 nehmen weltweit zu. Die Hauptursachen sind Bewegungsmangel, falsche Ernährung, Übergewicht und Rauchen. Ob die Strategie medizinische Behandlung ist oder präventive Ansätze in den ´Lebenswelten´ wie Kita, Schule oder Stadtviertel gesucht werden, hängt davon ab wie Gesundheit in der Gesellschaft definiert wird. Jeder kann daran teilhaben.

Ohne Frage hat medizinische Versorgung wesentlichen Anteil an der Gesundheitsversorgung, aber das Beispiel wirft auch die Frage auf, ob nicht gerade durch Krankheitsvermeidung - wo diese möglich ist - unser Gesundheitssystem bezahlbar bleibt.

Gesundheit ein Menschenrecht

Abschließend möchte ich einen Punkt erwähnen, der nicht landläufig bekannt ist. Das Recht auf Gesundheit ist verbrieftes Menschenrecht (Artikel 12 der UN-Menschenrechtsdeklaration). Die Vertragsstaaten (193 Länder) werden darauf verpflichtet, für die Umsetzung dieses Rechts Sorge zu tragen. Sowohl die medizinische Behandlung im Krankheitsfall aber auch Bedingungsfaktoren wie Bildung, Ernährung, Hygiene oder Wohnen werden explizit genannt. Wie sieht die Realität hingegen oft aus?

Fazit: Wie wir den Begriff Gesundheit definieren, was wir damit verbinden, bestimmt, wie wir unser Gesundheitssystem organisieren. Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen sollten so gestaltet werden, dass jeder einzelne mehr Möglichkeiten für ein gesundes Leben hat.

Über den Autor

Dr. med. Christoph Thesen
Dr. med. Christoph Thesen
MPH
Facharzt für Anästhesiologie, Notfallmedizin, Palliativmedizin, Public Health
Aktuelle Ausgabe3/2018