Neue Erkenntnisse über die turbulenteste Phase unseres Lebens

Pubertät... ewige Herausforderung für Jung und Alt

Da muss jeder durch“: Der jahrelange Übergang vom braven Schulkind zum erwachsenen Jugendlichen ist für jeden einzelnen, seine Familie samt sozialem Umfeld ein spannungsgeladener, aufregender Lebensabschnitt mit unzähligen Konfliktsituationen aber meist doch erfreulicher Entwicklung zu einer ausgereiften Persönlichkeit. Wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte der Hirnforschung: Neurobiologie, Biochemie und Sozial/Psychologie lassen die Pubertät in einem neuen Licht erscheinen. Wir Erwachsenen müssen hinzulernen und umdenken, wenn diese verletzliche Phase bei unseren Schutzbefohlenen glücklich verlaufen soll.

Unter allen Lebewesen macht der Mensch die mit weitem Abstand längste Entwicklungs/Reifeperiode durch. Vom Mutterleib über die rasante Säuglingszeit zum Klein- und Schulkindalter werden faszinierende Fähigkeiten erworben. Mehr oder weniger mühsam erworbenes Können und Wissen kommt dann in der Pubertät (lat.“ Geschlechtsreife“) auf den Prüfstand. Man spricht zu Recht von einer „zweiten Geburt“.

Was ist der evolutionäre Sinn der Pubertät?

Körperliches – zur überlebenswichtigen Arterhaltung sexuelles – sowie geistig, seelisch und soziales „Fitmachen“ für ein ethisch wertebewusstes, individuelles Leben in der Gesellschaft.

Der Mensch ist von Natur aus kein egoistischer Einzelkämpfer, sondern immer Teil einer auf friedliche Kooperation angelegten Gemeinschaft.

Was geschieht während der Pubertät?

Die in Phasen ablaufende Adoleszenz wird durch tiefgreifende „Umbauten“ anatomischer Strukturen sowie hoch differenzierte Stoffwechselabläufe mittels einer genetisch eingestellten “inneren Uhr“ in einem individuell sozialen Umfeld eingeleitet und vollendet. Dieser Lebensabschnitt dauert zumeist vom 8. bis zum 15./18. Lebensjahr. Mädchen „sind früher“ als Jungen.

Alles beginnt im unvorstellbar komplexen Gehirn. Dieses geheimnisvolle Organ ist als Hochleistungscomputer und Generalmanager – entgegen früherer Lehrmeinung - extrem plastisch: Unser ganzes Leben lang wandelbar und anpassungsfähig. Wissenschaftler beschäftigen sich weltweit sehr intensiv und erfolgreich mit dem Phänomen „Pubertät“.

Das Verständnis von Anatomie und Funktion von Groß-, Klein- Basalhirn,

Stammganglien, Mandelkern, Hypothalamus und Hypophyse, alles eng vernetzt durch Neuronen(nerven)bahnen ist sprunghaft angewachsen.

Unser Wissen über Motorik, Informationsaufnahme, -verarbeitung und -speicherung in Kurz- Langzeit -und Arbeitsgedächtnis oder emotionale „Ur/Bauchgefühle“ wie Wut, Hass, Liebe, Selbstschätzung führt zu einer neuen Sicht und Bewertung der jugendlichen Reifezeit.

Moderne Untersuchungsmethoden u.a. die funktionale spezifische Magnetenzephalographie (MEG) erlauben es, Aktivitäten in identifizierten regionalen Hirnarealen während bestimmter Handlungen oder Emotionen gezielt nach zu weisen. Biochemiker unterscheiden mittlerweile mehr als 150 Hormone und hochspezifische Botenstoffe mit ihrem typischen „Schlüssel – Schloss – Prinzip“. Standardisierte psychologische Testverfahren lassen individuelle Verhaltensmuster und soziale Interaktionen nach vollziehbar werden. Das geheimnisvolle Zusammenspiel von Leib und Seele in der Pubertät ist in seiner „Verrücktheit“ verständlicher geworden.

Wir wissen heute, dass sich die Hirnstruktur Jugendlicher in einer ersten Reifephase verändert: Gehirnzellen werden abgebaut! Manch früh erlernte Fähigkeit und Wissen werden nicht mehr benötigt, Platz für neue Hirnzellen wird zur Bewältigung neuer Herausforderung gebraucht. Durch eine starke Neuummantelung der vernetzten Hirnleitungsstränge wird Leitungsgeschwindigkeit und damit Leistungsvermögen enorm gesteigert. Das Gehirnvolumen nimmt wieder zu. Keine Tierart hat ein ähnlich formbares Gehirn wie der Mensch.

In der Pubertät gehen komplexe hormonelle Befehle vom Gehirn nicht nur zu den Geschlechtsdrüsen (Hoden und Eierstock) mit sichtbaren körperlichen, geschlechtstypischen Veränderungen für Mädchen und Jungen - inklusive Wachstumsschübe bis zu 9 cm/Jahr - sondern auch neue emotionale Verhaltensmuster bestimmen in dieser „Sturm und Drangzeit“ den Alltag.

Umbauten in der Hirnstruktur und ein „Überfluten und Neuprogrammieren“ mit Botenstoffen aller Art sind jahrelange Baustellen der Jugend. Gefühle und Empfindungen bestimmen während der Adoleszenz die Handlungsweise oftmals mehr als der Verstand.

Auswahl aus dem „Hormon Cocktail“ (nicht nur) während der Pubertät

Östrogen: vielseitigstes weibliches Geschlechtshormon, „Lusthormon“ zuständig für typisch weiblichen Körperbau

Testosteron: männliches Sexualhormon (Androgen), Körperbau, Antrieb,

Oxytocin: Kuschel - Treue - Bindungshormon

Melatonin: Taktgeber zur inneren Uhr mit Schlaf/Wachrhythmus: Jugendliche

benötigen mehr Schlaf . . .

Dopamin: Glücks – und Belohnungshormon in allen Lebenslagen

Adrenalin: Aktivitäts/Stresshormon in Belastungssituation

Serotonin: vielseitiges biogenes Amin: Stimmungslage, Depression, Schmerz,

Pheromone: sexuell stimulierende Duftstoffe,

Was geschieht mit mir? Wie komme ich mit meiner Sexualität klar?

Wer bin ich eigentlich und was bedeute ich für andere? Bin ich normal?

Wie komme ich vom ICH zum WIR?

Solche Fragen stellen sich Pubertierende unentwegt.

Sie suchen Antworten für alle Lebensbereiche: sexuelle und körperliche Entwicklung und Orientierung, erste Erfahrung in Partnerschaft und Liebe, verunsichernde Gemüts-schwankungen „Himmel hoch jauchzend zu Tode betrübt“, Risiko und Suche nach dem

„letzten Kick“, egoistisch oder in Peer Groups, Schulanforderungen, Freizeitgestaltung mit „Abhängen, Chillen“, neue Hobbys oder Bedeutung der Familie - wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Alles wird in Frage gestellt und neu „sortiert“. Nur selten geschieht dies jedoch ohne Widerstand und mannigfaltige Blessuren.

Ratschläge zur Hilfe

Jugendliche benötigen in der Pubertät trotz und gerade wegen ihrer großen Verunsicherung die Unterstützung und emotionale Sicherheit ihrer Familie sowie wohlwollender Erwachsener. „Ehrliche“ Ansprechpartner, die vor allem Zeit und Verständnis für sie aufbringen sind gesucht. Positive Impulse, nach vollziehbare Ratschläge sind – ohne ständig

zu „nerven“ – gefragt. Gerade in Konfliktsituationen aufklären, korrigieren und klar positionieren –wenn nötig: „Kante zeigen“ und selbst angemessene, nachvollziehbare Strafmaßnahmen sind angezeigt. Provokation als pubertätstypische Umgangsform bedeutet eigene Urteilsfindung, unverzichtbares Austesten von Grenzsituationen. Nicht immer alles zu ernst nehmen, „5 einmal gerade sein lassen“, ein gesunder Humor zur Entspannung der Gewitteratmosphäre entwickelt sich erst in der Pubertät.

Jugendliche sind verunsichert, was zu Konflikten führt. Sie benötigen eine größere hormonelle Stimulation, um gleiche Zufriedenheit wie Erwachsene zu erreichen. Daraus resultiert ihre Gefährdung - so bei Einschätzung und Missbrauch von Alkohol, Drogen, „Kiffen“, Nikotin, unzureichende Medienkompetenz bis zur Internetsucht, beängstigendes Risikoverhalten bei exzessivem Konsum, ungeschützter Sex, Tattoos, Geschwindigkeitssucht usw. In zahlreichen Lebenslagen erwarten Jugendliche neben kompetenter empathischer Aufklärung und Information auch Schutz, Orientierung und Freiheit in einer gleichaltrigen “Peer Group“. Dabei es geht um Gruppenakzeptanz, Vergleich körperlicher Entwicklung und Hierarchiebildung. Ressourcen werden ausgelotet und man erlebt seine „Resilienz“ als Widerstandsvermögen und Belastbarkeit.

Jugendliche brauchen unsere Zuwendung: Beruhigen, trösten, Körperkontakt suchen, die ganze Klaviatur lebenswichtiger positiver Emotion und Belohnung. Gemeinsam entspannend Lachen, Musizieren, Sport aller Art sind unverzichtbare Ausgleichsaktivitäten.

Erfolg und Lob, aktives Zuhören, Zeit nehmen erweisen sich als unverzichtbare Motivationshelfer.

Eltern müssen ihren Kindern auch nach einer Trennung lebenslange, verlässliche Begleiter sein. Türen sollten immer offenbleiben.

Begegnen wir jungen Menschen auf dem Weg zu sich selbst nicht nach dem Motto: „Wir haben das schon durchgemacht und wissen, was Euch gut tut . . .!“ sondern mit ehrlichem Interesse an ihnen. Immerhin gestalten sie auch ganz wesentlich unsere eigene Zukunft.

Eine Darstellung der Pathologie (krankhafte Störung) der Pubertät würde den Rahmen dieser Übersicht sprengen. Setzen Sie sich bei jedem Verdacht einer Abweichung - sei es verfrühte oder spät einsetzende Pubertät, körperliche und seelische Auffälligkeit aller Art -frühzeitig mit ihrem Kinder-Jugendarzt und anderen „Frühen Hilfen“ in Verbindung.

Wenn mein Bericht Ihre Neugierde geweckt hat, empfehle ich Ihnen aus der Flut von Veröffentlichungen zu diesem Thema das kürzliche erschienene Buch sehr:

Abenteuer Pubertät – was sich die Natur dabei gedacht hat“ von Dr. Bernhard Stier und Katja Höhn – Köselverlag ISBN978-3-466-31057-9 Preis 19,99 €

Der erfahrene Kinder-Jugendarzt und seine Tochter als Psychologin beschäftigen sich ungemein einfühlsam, wissenschaftlich seriös und gut verständlich mit den neuesten Erkenntnissen zur Adoleszenz. Sie erklären humorvoll und didaktisch gekonnt, geben handfeste Ratschläge sowie ausführliche Hinweise auf weitere aktuelle Informationsmöglichkeiten.

Eine kurzweilige Lektüre eigentlich für alle – Erwachsene und Pubertierende.

Nützliche Internetadressen

BzgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung): www.bzga.de/infomaterialien/

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: www.kinderaerzte-im-netz.de

Über den Autor

Dr. med. Josef Geisz
Dr. med. Josef Geisz
Kinder-Jugendarzt/Allergologie, Wetzlar
Aktuelle Ausgabe3/2018