Vorlesen kann therapeutische Wirkung haben

Mit Bilderbüchern lernen, zu sich selbst zu stehen

Jedes fünfte Kind zwischen neun und vierzehn Jahren soll sich angeblich eine kosmetische Operation wünschen. Es wird diskutiert, ob für einen solchen Eingriff das Einverständnis der Eltern ausreicht oder ob Gesetze greifen müssen. Aber sollten wir nicht vielmehr nach den Ursachen suchen und unseren Kindern klarmachen, dass sie okay sind, wie sie sind? Popsongs wie „Mother’s Heart“ von Stefanie Heinzmann und „Wie schön du bist“ von Sarah Connor tragen in entscheidendem Maße dazu bei, das Selbstbewusstsein von Jugendlichen und Teenagern zu stärken. Mit dem Vorlesen der richtigen Bilderbücher vermitteln wir aber auch schon den jüngsten Mitgliedern unserer Gesellschaft, dass jeder irgendwie mit seinem Aussehen zufrieden sein kann - es kommt immer nur auf den richtigen Blickwinkel an.

Roberta ist nicht nur unzufrieden mit ihrem Aussehen, sie ist zutiefst unglücklich! Ihr Hals ist zu lang, findet sie. Zu lang, zu dünn, zu fleckig, zu … halsig. Entsetzlich! Die verzweifelte Giraffe versucht, ihren Hals vor den anderen Tieren zu verbergen und stellt sich hinter Büsche, in Gräben und sogar in den Fluss. Jeder andere Hals eines jeden anderen Tieres erscheint ihr attraktiver, und in all ihrem Klagen merkt sie gar nicht, dass niemand wirklich versteht, worüber sie eigentlich jammert. Bis Roberta Henry begegnet, der schüchtern zugibt, wie sehr er schon immer gerade Robertas Hals bewundert habe. Er selbst hat als Schildkröte nur einen sehr kurzen Hals und kommt nie an die leckeren Blätter an den Bäumen heran. Die Bilder, mit denen Lane Smith die komischen Versteckversuche der Giraffe und die vergeblichen Streckversuche der kleinen Schildkröte einfängt, sind so großartig, dass kleine und große BilderbuchbetrachterInnen aus dem Kichern nicht mehr herauskommen. Und Jory John, der eingefleischten Kinderbuchlesern von der urkomischen Reihe „Miles und Niles“ (cbj) her bekannt sein dürfte, legt sein ganzes komödiantisches Können in den Bilderbuchtext, der damit den Vorlesern nicht weniger Spaß macht als den Kindern. „Roberta und Henry“ (Carlsen) handelt vom wundervollen Beginn einer sehr ungewöhnlichen Freundschaft, die auf gegenseitiger Ermutigung und Bestärkung basiert. Das Buch ist ausschließlich in der wörtlichen Rede geschrieben - meist erzählt Roberta selbst, später mischt sich Henry ein. So entsteht ein humorvoller Dialog, den geübte Vorleser gern wie ein Theaterstück mit verschiedenen Stimmen präsentieren können. Dass über das Lesen auch der Fokus auf das eigene Aussehen gelegt wird, ergibt sich dabei ganz von selbst. Spielerisch kann man sich darüber austauschen, was man an sich selbst nicht mag, und worin das Gegenüber vielleicht große Vorteile sieht - so wie Roberta und Henry, die sich beide am Ende der Geschichte jeder auf seine Art richtig toll finden.

Mit einem frechen Bilderbuch aus Schweden macht jetzt im Frühjahr der Klett-Kinderbuch-Verlag auf das Thema Bodyshaming aufmerksam. „Überall Popos“ lautet der Titel dieser fröhlichen Schwimmbadgeschichte, in der wir nicht nur die Schwimmhalle zu sehen bekommen, sondern auch die Umkleide und die Duschräume der Damen. Hier seien schüchterne Vorleser und Vorleserinnen gewarnt: Im Buch geht es recht nackig zu! Das Mädchen Mila, das sich hier so freut, ins Schwimmbad zu kommen, ist nämlich gerade in dem Alter, in dem genaues Hingucken genauso wichtig ist wie lautstarkes Kommentieren. Momente, an die sich Eltern allesamt erinnern und dabei mehr oder weniger rote Wangen bekommen dürften … Dahin, wo Mila schaut, wird auch der Blick der Buchbetrachter gelenkt. Titel und Cover bereiten ausgiebig darauf vor: Hier sind überall Popos. Von Buchen und Brüsten ganz zu schweigen. Und als Milas Papa in seiner zu engen Badehose auch noch einen wilden Sprung ins Wasser wagt, ist selbst da ein Popo zu sehen, wo die Badegäste eigentlich bekleidet sein sollten … Anika Leones Geschichte ist unkonventionell und witzig und wird von Bettina Johansson geradezu schonungslos umgesetzt - sehr zur Freude kleiner Leserinnen und Leser, die sich hier endlich einmal richtig sattsehen können, ohne dass Mama oder Papa peinlich berührt die Augen verdrehen müssen. Die Botschaft ist klar: Körper sehen alle unterschiedlich aus, aber jeder ist so, wie er ist, voll und ganz in Ordnung. Je unverkrampfter wir mit unseren Kindern darüber sprechen können, desto mehr tragen wir dazu bei, ihr Körperbewusstsein zu stärken. „Think PoPo-Positiv!“ heißt es so passenderweise auch auf den Stickern, die jedem Buch beiliegen und - wie könnte es anders sein - einen netten rosa Po abbilden.

In einer Zeit, in der die Werbung mit Photoshop und Insta-Filtern arbeitet und den Menschen oft ein Körperideal vorgaukelt, bei dem sicherlich nicht die körperliche und vor allem seelische Gesundheit der Betrachter im Vordergrund steht, ist „Überall Popos“ ein herrlich unverkrampftes Gegenmittel, das sehr dazu beitragen kann, alles wieder ein bisschen zurechtzurücken.

Ob Kinder, die früh ein gesundes Körpergefühl entwickeln, später einmal immun gegen den Wunsch sein werden, sich mit einer Schönheits-OP zu verändern, muss sich erst noch zeigen - aber ganz sicher sind die hier vorgestellten Bücher ein guter Schritt in die richtige Richtung.

 

Viele der in dieser Rubrik vorgestellten Bilderbücher werden von der AG Bücher für Vorleser des Wetzlarer Projekts „Vorlesen in Familien“ empfohlen. Die besten Titel, zu denen im Jahr 2019 auch „Roberta und Henry“ gehörte, werden den ehrenamtlichen Vorlesern zur Verfügung gestellt, die die regelmäßig mit Bilderbüchern in ihnen zugeteilte Familien gehen und letztlich nicht nur ihr Vorlesekind, sondern die ganze Familie unterstützen.

Nähere Informationen zur Ausbildung zum Vorleser und zum Projekt selbst finden sich auf der Homepage:

https://www.phantastik.eu/projekte/vorlesen-in-familien.html

Das Projekt finanziert sich zum großen Teil aus Spenden und ist deshalb ganzjährig auf Unterstützung angewiesen.

IBAN: DE49 5139 0000 0012 9129 00

BIC: VBMHDE5F (Volksbank Mittelhessen)

Stichwort: ViF

 

Über den Autor

Maren Bonacker
Maren Bonacker
Lese- und Literaturpädagogin
Phantastische Bibliothek Wetzlar

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