Erfahrungsbericht „Klettern in der Psychotherapie“

Seit Januar bieten wir in der Konstellation Psychotherapeutin und Kletterlehrer, beide mit Zusatzausbildung im psychotherapeutischen Klettern, dieses im Kletterzentrum Cube an. Bis jetzt haben 8 TeilnehmerInnen daran teilgenommen. Die Motivation dafür war unterschiedlich:

  • Mutiger werden

  • Einfach mal dieses Angebot für mich nutzen und schauen was passiert

  • Die Angst vorm Loslassen verlieren

  • Ausprobieren, ob ich wirklich Höhenangst habe

  • Neue Erfahrungen machen

Die Altersspanne reichte von 28 bis 63 Jahre, es waren mehr Frauen als Männer.

Schon bei der Begrüßung und der Aufwärmrunde im Boulderbereich herrschte eine gelöste Stimmung. Die mitunter ängstliche Spannung in Erwartung „was so auf einen zukommt“, wurde schnell überwunden. Nach der Einführung über die Klettertechnik und ein paar Begriffserklärungen und dem Anlegen des Klettergurtes ging es dann los. Gestartet wurde im niedrigen Kletterbereich Höhe 4 Meter. Bei einzelnen Teilnehmern war die Erwartungshaltung zuerst sehr gering, für diese war es schon ein Ziel, die Hälfte zu schaffen. Beim ersten Kletterversuch schafften es ausnahmslos alle bis oben hin- auch der Blick nach unten war nicht so schwierig. Bei einer Teilnehmerin, die als Herausforderung das Loslassen beim Herunterlassen angegeben hatte, war die Erleichterung sehr groß, als sie es geschafft hatte. Durch die emotionale Anspannung können da auch schon mal ein paar Glückstränen fließen…Nachdem die Teilnehmer jeweils zwei Kletterversuche im Anfängerbereich erfolgreich beendet hatten, ging es hinunter in die große Halle mit einer Höhe von 13 Metern. Der Respekt vor dieser Höhe war allen deutlich anzumerken, aber auch hier schafften es ausnahmslos alle bis oben hin. Der Spaßfaktor war ebenfalls hoch und zum Teil wurden sogar schon schwierigere Routen angegangen. In der abschließenden Feedback-Runde gab es strahlende Gesichter.

Aussagen der Teilnehmer:

„Ich habe mich wieder in meine Kindheit versetzt gefühlt, damals sind wir viel auf Bäume geklettert. Das war ein gutes Gefühl, ich habe meine Alltagsprobleme total vergessen.

„Ich bin so froh, dass ich Vertrauen finden und loslassen konnte. Ich werde versuchen, dieses Gefühl mit in den Alltag zu nehmen.“

„Meine Erfahrung beim Klettern spiegeln genau mein Verhalten im Alltag wider. Auch dort bin ich zu schnell und mache oft zwei Schritte auf einmal, statt abzuwarten und noch mal nachzudenken. Ich muss lernen, es langsamer angehen zu lassen und meine Kräfte zu sparen“

„Ich habe festgestellt, dass ich viel mutiger bin als ich dachte. Es war ein tolles Gefühl, mal etwas völlig Neues auszuprobieren. Das möchte ich jetzt öfters machen“

Als Fazit kann ich feststellen, das Klettern im Rahmen einer Psychotherapie einen großen Nutzen hat und ganz neue Möglichkeiten aufzeigen kann. Es ist auch sehr gut geeignet für Menschen, die sich gerade in einer Umbruchsituation befinden und nach neuen Wegen suchen. Es kann dann mit einer Gesprächsstunde im Vorfeld, einer Einheit Klettern und einer Stunde Nachbereitung durchgeführt werden.

 

Über den Autor

Dr. Kerstin Büring
Dr. Kerstin Büring
Psychotherapie, Wetzlar
Aktuelle Ausgabe2/2020