Knie und Schmerz

Da sitzen sie also vor mir, die Ranken, die Schlanken. Die Gemütlichen und die unruhigen Geister, die Mageren und die, die keine Kostverächter sind. Die Marathonläufer und die Sprinter. Die liebe Omi und die wilde Hilde. Der Pacifist und der Karatekämpfer. Sie sind doch alle so verschieden und doch kommen sie zu mir aus ein und demselben Grund: weil sie sich nicht bewegen können, so wie sie es wollen.

Natürlich kommen die Patienten mit Schmerzen in den unterschiedlichsten Körperpartien zu mir, aber über alle kann ich heute nicht schreiben. Deswegen sagen wir mal, dass der der heutige Patient „Knie“ hat.

Es gibt das Vorurteil über uns Orthopäden, dass wir eher die Ärzte mit den einfachen Gedankengängen sind. Was mich betrifft, stimmt das voll und ganz. Dementsprechend kann ich den Patienten immer meine zwei naja zweieinhalb Fragen stellen und bin damit meistens schon ganz zufrieden.

Meine erste Frage lautet: Wobei haben sie Schmerzen? Alle Patienten können mir dann schon sehr gut die Bewegung zeigen, die ihnen Probleme bereitet. Ist es eine endgradige Beugung im Schneidersitz oder das simple Hinabsteigen in den Keller. Leiden sie an einem stetigen Brennen im Kniegelenk bei der Bewegung oder ist sogar das Gegenteil, die Entlastung, die Ruhe, deutlich schmerzhafter. Wird der Patient wach vom Schmerz?

Die zweite Frage muss ich meistens gar nicht mehr stellen. „Hatten Sie einen Unfall?“ Für viele Patienten war der Unfall so einschneidend in ihrem Leben, dass selbstverständlich von diesem berichtet wird. Oft war der Unfall aber auch schon längere Zeit her und wenn man aufgeregt dem Doktor gegenüber sitzt, erinnert man sich nicht mehr so gut, weil man bloß an alles Wichtiges jetzt in dem Moment der Gegenüberstellung denken will. Also frage ich noch einmal nach: „Hatten Sie einen Unfall?“ und schiebe auch manchmal noch meine zweieinhalbte Frage hinterher „und wissen Sie auch noch, wie sich ihr Knie damals bewegt hat?“

Mit dieser Vorgeschichte im Gepäck kann ich mich dann an den mindestens genauso wichtigen Punkt meiner Arbeit machen: die Befundung. Wie sich das Kniegelenk in meinen Händen anfühlt, ist für mich mit der wichtigsten Informationsquelle. Ich teste die Stabilität der Bänder, die Bewegungsausmaße- eingeschränkt oder superbeweglich-. Durch die Wärme der Haut kann ich schlussfolgern ob eine entzündliche Hitze oder eine schlechte Durchblutung vorliegt. An der Griffigkeit des Muskelgewebes kann ich „sehen“ ob der Patient sich gerne und viel oder vielleicht sogar zu viel bewegt.

Dann gibt’s ja auch noch immer die Leute, die wollen mir aber nicht verraten, wie ihr Kniegelenk sich bewegt. Das ist auch ihr gutes Recht. Weil sie zum Beispiel vier Jahre alt sind und es schon gestern keinen Nachtisch gab und heute schon wieder nicht, weil man schon früher aus dem Kindergarten abgeholt worden ist, weil man zu diesem blöden Doktor fahren musste. Dass ist schon in Ordnung. Dann kann der Patient ruhig wieder gehen. Und zwar am besten vor mir aus dem Zimmer heraus. Nicht nur bei Kindern kann man sehr gut Rückschlüsse auf Fehlhaltungen oder Schmerzvermeidungen ziehen, in den Momenten, wenn sie sich nicht als Patient beobachtet fühlen.

Na klar, gibt es dann noch sehr hilfreiche technische Unterstützungen. Röntgen, Ultraschall, Laboruntersuchungen, MRT und CT, Laufbandanalysen helfen hervorragend die Diagnose zu finden und zeigen mir und dem Patienten, wo der „Hase im Pfeffer“ sitzt.

Mit der Diagnose kann dann auch die Therapie gemeinsam mit dem Patienten geplant werden. Manchmal reicht eine leichte Umstellung der Beinachse durch Einlagen, um eine Verbesserung zur er erzielen. In bestimmten Fällen hilft eine Bandage oder eine Umstellung von Trainingsübungen. Akupunktur, Hyaluron, Stammzelltherapie oder manchmal auch die gute alte Tablette Ibu sind gute Begleiter auf dem Weg zum schmerzfreien Knie. Der Gewinn von Stabilität und die Verbesserung von Beweglichkeit durch Physiotherapie, Rehasport oder jede Form von Eigenbeübungen sind schon für sich sinnvoll und verbessern zudem jede andere Therapie. Wenn das Kniegelenk sich in wichtigen Strukturen deutlich geschädigt zeigt, werden operative Maßnahmen notwendig. Dabei können kleinere Veränderungen mit der minimal invasiven Gelenksspiegelung behoben werden. Instabile Bänder können genäht oder auch ersetzt werden. Ausgeprägte Defekte können mit dem Oberflächenersatzes des Kniegelenks im Sinne einer Knieendoprothese angegangen werden.

Ziel bleibt bei allen diesen unterschiedlichen Patienten mit ihren unterschiedlichen Problemen doch immer dasselbe: dass sie sich so wieder bewegen können, wie sie das wollen.

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Dr. Georg Springmann
Dr. Georg Springmann

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Aktuelle Ausgabe3/2020