Zahngesundheit bei Parkinson

Regelmäßige Besuche beim Zahnarzt, verbunden mit einer guten Zahn- und Mundhygiene, sind für alle gewünscht und notwendig. Für Parkinson-Patienten hat der Zahnarzt jedoch eine besondere Bedeutung. Aktuell geht die Wissenschaft ja davon aus, dass Parkinson im Darm beginnt. Der Weg aus der Umwelt zum Darm führt unweigerlich über Mundhöhle und Rachen. Eine gesunde Mundflora und gesunde Zähne sind deshalb dringend erforderlich. Dabei versteht man unter Mundflora die Gesamtheit aller Mikroorganismen, welche Mundschleimhaut und Zahnoberfläche besiedeln, das sind einige Millionen. Sie ist von Mensch zu Mensch verschieden. Jeder Mensch besitzt eine ganz individuelle Zusammensetzung.

Die Mundflora hat eine wichtige Schutzfunktion. Die Mikroorganismen der Mundhöhle beschützen uns vor schädlichen Umwelteinflüssen, sie wehren gefährliche Keime ab und helfen uns, aufgenommene Nahrung vorzuverdauen. Sie sorgt dafür, dass Zähne und Zahnfleisch gesund bleiben. Verschiebt sich das Gleichgewicht zu Gunsten schädlicher Bakterien, ist die Mundgesundheit in Gefahr, Mundgeruch, Karies (Zahnfäule durch Anreicherung von Zahnbelag = Plaque Akkumulation), Zahnfleischentzündungen mit Zahnfleischbluten (Gingivitis) oder Entzündungen des Zahnhalteapparates (Parodontitis) sind die Folge. Die größten Feinde der Mundhygiene bei M. Parkinson sind eine unzureichende Zahnpflege, Mundtrockenheit und eine falsche Ernährung.

Insbesondere nach längerer Krankheitsdauer wird die Zahnpflege bei Parkinson jedoch zum Problem. Studien zufolge ist das Risiko für Karies, Paradontitis und Zahnverlust bei Patienten mit M. Parkinson (MP) erhöht.

Gefährdungen der Zahngesundheit bei PS

Motorische Probleme

Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung bereitet bereits der Gang zum Zahnarzt Probleme, insbesondere, wenn der Betroffene nicht mehr selbst Auto fahren kann oder er gar rollstuhlpflichtig ist.

Die typischen motorischen Störungen bei MP wie Steifheit (Rigor) oder Zittern (Tremor) führen nicht nur zu Störungen der Grobmotorik sondern auch der Feinmotorik. So wird das Zähneputzen mit Zunahme der motorischen Behinderung immer schwieriger.

Auch die Zunge bewegt sich langsamer und steifer und kommt ihrer Funktion, Mundboden, Gaumen und Zahnzwischenräume zu reinigen nicht mehr nach.

Nächtliches Zähneknirschen (Bruxismus), bei Parkinson häufig beschrieben, führt zu einer Druckbelastung der Zahnoberflächen und des Kieferknochens. Die Zähne werden schmerzempfindlich und zunehmend porös. Neben Zahnverlust kann es auch zu schmerzhaften Verspannungen mit Kiefer-, Nacken-, Gesichts- und Kopfschmerzen kommen.

Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium kann es auch zu unwillkürlichen Bewegungen (Überbewegungen, Dyskinesien) kommen, nicht nur in den Armen und Beinen, sondern auch im Bereich der Gesichts-, Mund- und Kiefermuskulatur, ebenfalls eine unnatürliche Druckbelastung der Zähne, es kann zu Rissen im Zahnschmelz kommen.

Der häufig beschriebene Speichelfluss, eine Folge des zu seltenen Schluckens, führt zu einem Mangel an Speichel in der Mundhöhle, der, wie oben beschrieben, eine wichtige Funktion bei der Aufrechterhaltung einer hygienisch sauberen Mundhöhle hat. Fehlt er, kommt es zu Mundtrockenheit (Xerostoma) und die Mundhygiene leidet. Zudem ist die Zusammensetzung des Speichels bei einigen Patienten verändern, was zu einem zähen Speichel führt, der schlecht abgeschluckt werden kann. Dadurch sind Pilzinfektionen (Soor der Mundhöhle) und Entzündungen im Bereich der Mundwinkel (Rhagaden) möglich. Viele Patienten schlafen mit geöffnetem Mund, der Speichel fließt auf das Kopfkissen, die Mundhöhle trocknet aus. Durch den fehlenden Speichel ist das Risiko für Karies, Zahnfleisch- und Zahnwurzelentzündungen erhöht.

Nichtmotorische Störungen

Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Depressionen und Vergesslichkeit können dazu führen, dass der Betroffene der täglichen Zahnhygiene weniger Aufmerksamkeit schenkt. Manchmal ist der Patient damit auch einfach nur überfordert.

Das verminderte Riechvermögen und die damit verbundene Geschmacksstörung fördert eine ungesunde Ernährung mit einem zu geringen Anteil an Ballaststoffen, der schlechte Zahnstatus lässt schwer kaubare Lebensmittel aus. Die Lust auf Süßes, typisch für MP, führt zur Mangelernährung.

Durch das Nachlassen des Schmerzempfindens in der Mundhöhle werden Signale der Zähne nicht mehr wahrgenommen, dringend nötige Zahnarzttermine bleiben aus, die Gefahr von Karies und Zahnfleischentzündung steigt.

Die durch die Überbewegungen häufig vorhandene Gewichtsabnahme führt auch zu einem Schwund des Kieferknochens mit der Gefahr des Zahnverlustes, Prothesen halten schlecht oder gar nicht.

Strategien zur Verbesserung der Zahnpflege

Was können Sie zuhause tun?

Versuchen Sie es mit einer Zahnbürste mit großem Griff (es gibt universale Griffverdickungen, siehe Abbildung 1) und weichen Borsten. Ein kleiner Bürstenkopf erreicht die Ecken besser. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung einer modernen elektrischen bzw. Ultraschallzahnbürste. Die feinen, sich wiederholenden Bewegungen der elektrischen Bürste schützen Zähne und Zahnfleisch effektiv. Für die Zahnzwischenräume sind kleine Interdentalbürstchen gut geeignet, wenn die Anwendung von Zahnseide schwierig wird. Kommt es zu Pilzinfektionen der Mundhöhle, sollte auch einen Zungenbürste zur Anwendung kommen.

Die Zähne sollten nach jeder Mahlzeit drei Minuten lang geputzt werden. Moderne Elektrozahnbürsten haben dafür ein integriertes Leuchtsignal. Sofern es unmöglich ist, die Zähne nach dem Essen zu putzen (weil man vielleicht unterwegs sind), sollte die Mundhöhle mit Wasser ausgespült werden. Alternativ kann ein Zahnpflegekaugummi verwendet werden. Er fördert zudem die Speichelproduktion mit o.g. Vorteilen. Morgens und abends sollten die Zahnzwischenräume zusätzlich mit Zahnseide oder kleinen Interdentalbürstchen gereinigt werden, sofern der Patient dazu feinmotorisch nicht mehr in der Lage ist, sollte der pflegende Angehörige/Pflegekraft diese Aufgabe übernehmen. Liegt bereits eine Entzündung vor, sollte das Zahnfleisch vor und nach der Reinigung mit einer Lösung benetzt werden (z.B. Kamillosan Mund- und Rachenspray).

Sind bereits Schluckstörungen vorhanden, sollten Mundspülungen nur erfolgen, wenn sich der Patient dabei nicht verschluckt. Zu empfehlen sind Mundspülungen ohne Alkohol, z.B. mit Chlorhexidin oder Fluorid. Bei größeren feinmotorischen Störungen kann der Zahnarzt einen Pinsel- oder Schwammapplikator empfehlen (siehe Abbildung 2). Nach Rücksprache mit dem Zahnarzt kann ein Zahnfluoridgel verwendet werden.

Wenn bereits künstlicher Zahnersatz vorhanden ist, sollte dieser nach jeder Mahlzeit entfernt und gesäubert werden (spülen, bürsten). Über Nacht sollte die Zahnprothese nach der Reinigung in eine Lösung eingelegt werden.

Verfügt ein Patient mit Schluckstörungen bereits über ein Heimabsauggerät, können Zahnbürsten mit Absaugfunktion verwendet werden (z.B. OroCare™ Aspire). Diese Zahnbürsten werden an das Absauggerät angeschlossen, so dass bei der Zahnreinigung gleichzeitig übermäßiger Speichel oder flüssige Mundpflegeprodukte abgesaugt werden können.

Optimierung der zahnärztlichen Versorgung

Der Termin beim Zahnarzt sollte so gelegt werden, dass sich der Patient in einer Phase der guten Beweglichkeit (ON) befindet. Sind die Wirkungsschwankungen nicht mehr berechenbar, besteht die Möglichkeit 30 – 60 Minuten vor dem Termin eine zusätzlich L-Dopa-Dosis einzunehmen. In der Regel reichen 50 – 100 mg. Dies sollte die zahnärztliche Untersuchung erleichtern, sowohl für den Patienten, als auch für die Zahnarzthelferin und den Zahnarzt.

Bei der Terminvergabe sollte darauf hingewiesen werden, dass der Patient unter Parkinson leidet, insbesondere, wenn der Patient unter starken Überbewegungen oder einem starken Kopftremor leidet. Möglicherweise sollte man sich nach Rücksprache mit den Neurologen ein Beruhigungsmittel in Tablettenform verschreiben lassen. Bestehen ausgeprägte Schluckstörungen, ist der Zahnarzt ebenfalls darauf hinzuweisen, da durch die normalen Spülungen während der Behandlung Aspirationen (Verschlucken) möglich sind. Der Zahnarztstuhl sollte bei Aspirationsgefahr aufrecht eingestellt werden.

Bezüglich der Medikation sollte der Zahnarzt informiert werden, falls der Patient Rasagilin oder Selegilin einnimmt. Im Falle einer Anästhesie könnte es hier zu Wechselwirkungen kommen. Auch sollte ein Lokalanästhetikum ohne Adrenalinzusatz verwendet werden.

Es empfiehlt sich, bereits in frühen Krankheitsstadien ein umfassende Zahnsanierung vornehmen zu lassen (schlechtsitzenden Zahnersatz austauschen, Kronen und Brücken sanieren oder ersetzen). Dies garantiert eine leichtere Nachsorge, wenn es die Motorik nicht mehr zulässt. Engere Untersuchungstermine (Recallintervalle) garantieren eine zusätzliche regelmäßige professionelle Mundhygiene.

Nach größeren Eingriffen unter Anästhesie ist es möglich, dass mehr Zeit für die Erholung eingeplant werden muss. Auch sollte die Notwendigkeit vorher mit dem Neurologen besprochen werden.

Gute Nachricht für Parkinson-Patienten mit Pflegegrad – neue Richtlinie

Bereits früher hatten Pflegebedürftige besondere Ansprüche auf zahnärztliche Vorsorgeleistungen. Dies war gemäß § 22a SGB V geregelt. Art und Umfang der Leistungen waren darin jedoch nicht im Einzelnen definiert. In Ergänzung zu diesem Paragraphen hat der Gemeinsame Bundesausschuss daher im Rahmen des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes eine Richtlinie zur genaueren Bestimmung der Leistungen beschlossen. Die Richtlinie ist ab 2018 in Kraft.

Zu den in der neuen Richtlinie konkretisierten zahnmedizinischen Leistungen gehört die Erfassung des gesamten Status der Mundgesundheit. Dies umfasst Zähne, Zahnfleisch und Mundschleimhäute ebenso wie eventuellen Zahnersatz. Der Status soll einmal pro Kalenderjahr erfolgen. Auf seiner Grundlage wird ein Gesundheits­plan erstellt. Dieser individuelle Plan umfasst in erster Linie Empfehlungen zu Hygiene, Vorsorge, Zahnpflege und Ernährung.

Ebenso gehören Beratungsleistungen zur Mundgesundheit zum Leistungsumfang. Dies umfasst Erläuterung und praktische Anwendungshilfe von Maßnahmen, wie die Vermeidung von Mundtrockenheit oder die Anwendung von Fluorid. Auch diese Aufklärung erfolgt einmal jährlich. Eine weitere wichtige neue Leistung ist zudem die Entfernung von harten Zahnbelägen. Versicherte können diese einmal pro Halbjahr in Anspruch nehmen.

Wie finden Sie einen Zahnarzt für Haus­besuche

Um Patienten zu Hause zahnmedizi­nisch zu betreuen, benötigen Zahn­ärzte eine entsprechende Ausrüstung. Trotz der gesetzlichen Regelung, die eine Vergütung für Haus­besuche durch den Zahn­arzt regelt, sind Zahn­ärzte aber weiterhin nicht verpflichtet, Haus­besuche durch­zuführen. Pflegebedürftige Versicherte, deren Angehörige oder deren Betreuer sollten deshalb zunächst beim betreuenden Zahn­arzt nach­fragen, ob er auch Haus­besuche vornimmt. Ist dies nicht der Fall, können sie bei der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung eine Liste mit Telefon­nummern und Ansprech­part­nern bekommen. Diese benennen Zahn­ärzte in ihrer Region, die für die Behand­lung auch nach Hause oder ins Pfle­geheim kommen.

Zahnarztsuche vor Ort (alle Zahnärzte):

  • https://www.kzbv.de/zahnarztsuche.1078.de.html

https://www.krankenkassenzentrale.de/magazin/bessere-zahngesundheit-fuer-menschen-mit-behinderung-und-pflegebeduerftige-70031#

Quellen:

James M. Noble, MD, MS, CPH, Michelle R. Ciucci, PhD, SLP, and the Dental Lifeline Network

https://focus-arztsuche.de/magazin/krankheiten/wie-sie-eine-gesunde-mundflora-aufbauen

Abbildung 1:

https://www.amazon.de/Universale-Griffverdickung-Handgriffverdickung-Greifhilfe

Abbildung 2:

https://de.aliexpress.com/i/32832869558.html

 

Über den Autor

Dr. Ilona Csoti
Dr. Ilona Csoti
Ärztliche Direktorin
Gertrudisklinik Biskirchen

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Aktuelle Ausgabe4/2020