Ambulante Herzsportgruppen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen in Deutschland mit 40 % der Sterbefälle nach wie vor die Rangliste der Todesursachen an. In der Vorbeugung und Therapie von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems spielen Ernährung, Fitness, körperliche Aktivität und das Vermeiden sitzender Tätigkeiten eine entscheidende Rolle. So werden durch körperliche Aktivität die Gesamtsterblichkeit um 33 % und die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit um 35 % gesenkt. Die Hälfte der Abnahme der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit in den letzten Jahren ist auf die Reduktion von Risikofaktoren wie hoher Blutdruck, Rauchen, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes mellitus zurückzuführen, 45 % auf die medikamentöse Behandlung, und nur 5 % auf die Herzkatheterbehandlung von stabilen Patienten mit koronarer Herzkrankheit.

Lange Zeit galt das „Prinzip der körperlichen Schonung“ als wichtiges Behandlungsprinzip nach Auftreten einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. So bestand die Therapie nach Herzinfarkt aus kompletter Ruhigstellung mit dem Ziel, das geschädigte Organ zu entlasten. Die Krankenhausaufenthaltsdauer betrug 6 Wochen. Begründet war dies mit Befunden aus der Pathologie, wonach ein Herzinfarkt erst nach 6 Wochen vollständig vernarbt war. Das Konzept der Frühmobilisierung im Akutkrankenhaus und der stationären/ambulanten Anschlussheilbehandlung/Rehabilitation setzte sich erst langsam durch.

Der Erfolg einer Anschlussheilbehandlung soll im ambulanten Bereich gesichert werden. Bei Patienten mit einem geringen Risiko für ein Folgeereignis spricht sicherlich nichts gegen ein regelmäßiges Training im Fitnessstudio, vorausgesetzt die Betreuer/Trainer vor Ort wurden in Anlehnung an die Ausbildung „Sport in Herzgruppen“ weitergebildet und die entsprechende Notfallausrüstung liegt vor. Risikopatienten müssen in ambulanten Herzgruppen, ggf. auch unter (teil)stationärer Überwachung betreut und unter ärztlicher Aufsicht angeleitet werden.

Eine ambulante Herzgruppe stellt eine Gruppe von Patienten mit koronaren oder anderen Herzerkrankungen dar, die sich unter Leitung einer qualifizierten Fachkraft regelmäßig auf ärztliche Verordnung unter Überwachung trifft. Es werden Übungs- (< 1 Watt/kg Körpergewicht) von Trainingsgruppen (> 1 Watt /kg Körpergewicht) unterschieden, zumeist handelt es sich jedoch um sogenannte Mischgruppen mit Patienten beider „Leistungsklassen“. Ganzheitliche Konzepte, bestehend aus Bewegungs- und Sporttherapie, Erlernen von Stressmanagementtechniken, Änderungen im Ess- und Genussverhalten und psychosozialer Unterstützung sollen dazu beitragen, die Folgen der Herzkrankheit zu kompensieren.

Dabei wird deutlich, dass neben Sporteinheiten die Vermittlung zusätzlicher Inhalte, z.B. Entspannung, aber auch Themen wie Raucherentwöhnung, Ernährung, Medikamente etc. von Bedeutung sind. In der Regel treffen sich die Teilnehmer von ambulanten Herzsportgruppen 1- bis 3-mal wöchentlich für 60 – 90 Minuten. Dies reicht an die in den meisten Empfehlungen geforderten Bewegungsumfänge von mindestens 150 Minuten nicht heran. Das zentrale Ziel der ambulanten Herzsportgruppen ist es daher, die Patienten zu einer nachhaltigen Lebensstiländerung und damit Risikoreduktion zu motivieren.

Heute gibt es etwa 6.000 ambulante Herzgruppen in Deutschland, die etwa 100.000 Patienten integrieren. Von den Kostenträgern werden im Herzsport 90 Lerneinheiten für maximal 2 Jahre unterstützt. Eine Folgeverordnung für jeweils 45 Übungseinheiten innerhalb von 12 Monaten ist nur bei einem zeitnahen Nachweis einer eingeschränkten Belastbarkeit sowie einer Zunahme des Schweregrades der Herz-Kreislauf-Erkrankung (Herzstillstand, Herzinfarkt, Bypassoperation) möglich. Gründe gegen die Teilnahme an dem Trainingsprogramm einer ambulanten Herzsportgruppe sind Brustenge in Ruhe oder bei geringer körperlicher Bewegung (instabile Angina pectoris), schwergradige Herzklappenerkrankungen, eine Herzschwäche mit Kurzatmigkeit in Ruhe und gravierende Herzrhythmusstörungen.

Trotz der nachgewiesenen Erfolge nutzen nur 50 % der Patienten im Anschluss an ein Herz-Kreislauf-Ereignis die Möglichkeit einer Anschlussheilbehandlung, und davon wiederum gehen nur 13 – 40 % in eine ambulante Herzgruppe. In der Regel handelt es sich um Patienten, die ein entsprechendes Interesse an der eigenen Gesundheit, aber auch die Zeit für eine regelmäßige Teilnahme an den Terminen der ambulanten Herzsportgruppen haben. Darüber hinaus sind Frauen mit nur etwa 20 % nach wie vor unterrepräsentiert, auch wenn sie mindestens ein Drittel der Infarktpatienten ausmachen.

Zusammenfassend ist der Nutzen der Bewegungstherapie nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen gut belegt. Die alleinige Trainingstherapie, wie sie derzeit in den ambulanten Herzgruppe stattfindet, muss aber ergänzt werden durch eine multimodale Intervention, in der auch die anderen Themen wie Ernährung, Blutdruck, Rauchstopp oder Stressmanagement angesprochen werden.

Die Medizinische Klinik I betreut ärztlich zwei ambulante Herzsportgruppen, die sich im Rehazentrum „kerngesund“ in der Nähe des Klinikum Wetzlar treffen. Informationen sind unter der Telefonnummer 06441/449 38 0 zu erhalten.

 

Über den Autor

Prof. Dr. med. Martin Brück
Prof. Dr. med. Martin Brück
Chefarzt der Medizinischen Klinik I
Klinikum Wetzlar

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