Flugangst – ein Interview

Mehr als ein Drittel der Deutschen empfinden ein Unbehagen oder gar Flugangst, wenn sie ein Flugzeug besteigen. Für die nähere Betrachtung dieses Themas steht der Experte Sascha Thomas zur Verfügung. Herr Thomas ist Diplom-Psychologe mit eigener psychotherapeutischer Praxis in München und als Seminarleiter der Agentur „Entspanntes Fliegen“, die in Kooperation mit der Lufthansa Flugangst-Seminare gibt, tätig. Des Weiteren ist er seit mehr als 20 Jahren Flugbegleiter bei der Lufthansa, kennt also aus seiner täglichen Praxis „beide“ Seiten.

Herr Thomas, was ist die sogenannte Flugangst?

Wenn Leute sagen, dass sie Flugangst haben, können sie damit ganz unterschiedliche Ängste meinen. Die „eine“ Flugangst gibt es nicht. Außerdem ist die Spannweite groß; so umfasst die Aussage „ein Drittel der Deutschen“ auch Menschen, die Unbehagen verspüren, aber sich nicht in einem kompletten Angstzustand beschreiben würden.

Was sind typische Gründe oder Befürchtungen, die Flugangst auslösen und wie äußert sich diese bei den betroffenen Personen?

Wie bereits erwähnt gibt es nicht die „eine“ Flugangst, jedoch lassen sich verschiedene Gruppen mit entsprechenden Angstauslösern differenzieren. Oft entsteht Flugangst aufgrund von Unwissenheit über das Fliegen. Die Betroffenen haben dann Angst vor technischem Versagen. Auch unbekannte Bewegungen und Geräusche beim Fliegen können Angst auslösen. Der „Klassiker“ sind Turbulenzen. Flugangst entsteht häufig nach einem stark-turbulenten Flug. Die Turbulenz ist für das Flugzeug zwar objektiv ungefährlich, wird subjektiv aber als bedrohlich erlebt und löst dann die Angst beim Fliegen aus.

Eine weitere Gruppe hat Befürchtungen bezüglich ihrer eigenen körperlichen Reaktionen, sozusagen „Angst vor der Angst“. Hauptschwerpunkt ist hier die Angst vor der eigenen körperlichen Reaktion in einem Raum (Flugzeug, S-Bahn o.ä.), welcher kurzfristig nicht zu verlassen ist. Häufig haben Betroffene bereits vorher schon einmal eine Panikattacke erlebt und befürchten nun, dies erneut durchleben zu müssen.

Weitere Gründe können außerdem die Enge des Raumes oder auch die Höhe sein, in der das Flugzeug fliegt. Neben diesen kann auch die Notwendigkeit, sich einem anderen, oftmals unbekannten Menschen (Pilot), anzuvertrauen ein Angstauslöser sein. Nicht zu vernachlässigen sind auch persönliche Veränderungen. So können auch Vielflieger plötzlich Flugangst entwickeln, beispielsweise durch ein einschneidendes persönliches Erlebnis. Der Verlust einer nahestehenden Person, welcher rational nichts mit dem „Fliegen“ zu tun hat, kann beispielsweise ein Auslöser sein.

Die Reaktionen bzw. der Umgang mit der Flugangst können bei jedem Menschen unterschiedlich sein. So gibt es Betroffenen, die gar kein Flugzeug besteigen, also eine Konfrontation vermeiden. Wenn die Angstpatienten aber trotz Unbehagen fliegen müssen, z.B. aus beruflichen Gründen, können verschiedene Symptome auftreten. Bei einigen tritt Wochen vor der Flugreise oder schon bei der Buchung eine Aufregung bzw. Erwartungsangst ein: Die Gedanken kreisen um die bevorstehende Reise. Andere können bis zum Flughafen oder gar bis zum Besteigen des Flugzeugs ihre Gefühle verdrängen. Insgesamt sind die Symptome geprägt von starken körperlichen Empfindungen wie Herzrasen, Atemnot oder Schwindel.

Welche Möglichkeiten der Behandlung gibt es, um die ja teilweise erheblichen Einschränkungen sowohl im Privat- als auch im Berufsleben durch Flugangst zu vermeiden?

Für die verschiedenen „Angstgruppen“ gibt es ebenso unterschiedliche Optionen. Für alle Arten ist vor allem Information und Aufklärung sowohl aus technischer als auch psychologischer Hinsicht sehr wichtig. Am Ende gilt natürlich die Konfrontation mit der Angst. Die meisten Teilnehmer von Flugangstseminaren kommen aufgrund von der Notwendigkeit, aus beruflichen Gründen zu fliegen, oder weil sich ein Lebensabschnitt ändert, der Fliegen unerlässlich macht, wie etwa der Umzug eines Familienmitglieds. Für diese ist ein Coaching oder Seminar sehr geeignet. Einige andere bemühen sich um ein Seminar, jedoch ohne eindeutige Motivation, etwa wenn sie von jemand anderem „gedrängt“ werden. In diesem Fall ist erst einmal zu klären, was der Teilnehmer wirklich möchte. Falls ein Flugangst-Coaching zur Lösung des Problems alleine nicht ausreicht, gibt es immer noch die Möglichkeit, sich im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie Unterstützung zu suchen.

Die Agentur für die Sie arbeiten wurde 2012 mit zwei Anbietern verglichen und schnitt mit der Note sehr gut (1,5) als beste Agentur ab. Wie ist der typische Ablauf eines ihrer Seminare?

Zu Beginn des 2-tägigen Seminars werden zunächst die individuellen Angstauslöser besprochen. Dann beginnt sozusagen die „Behandlung“. Ein Pilot informiert über Technik und Sicherheit des Flugzeugs, ein Psychologe über die psychologischen und auch biologischen Hintergründe. Im Kern der Sache sind die Gedanken, die eine Flugangst auslösen, irrational, das Spüren und Erleben der Angst hingegen sehr real - man denke nur an die körperlichen Auswirkungen. Neben Information und Aufklärung werden deswegen auch Entspannungs- und Atemtechniken, die zur Bewältigung in der Praxis beitragen, erlernt. Zum Abschluss erfolgt die Konfrontation mit der Angst durch einen gemeinsamen Flug.

Aufgrund der Tatsache, dass ein Seminar bei Ihnen ziemlich kostspielig ist, erlauben Sie mir die Frage, wie das generelle Feedback der Teilnehmer ist? Gibt es Informationen über kurz-bzw. langfristige Verbesserungen für die betroffenen Personen?

Direkt nach dem Seminar sind die Teilnehmer höchst euphorisch. Für viele - im Durchschnitt sind die Teilnehmer seit 10 Jahren nicht geflogen, teilweise sogar noch nie - ist zu Beginn die Teilnahme an dem Abschlussflug unvorstellbar. An diesem nehmen aber zwischen 95-98% teil, es gelingt also über die zwei Tage ein riesiger Fortschritt.

Insgesamt sind die langfristigen Ergebnisse ebenfalls äußerst positiv. So können rund 80% der Betroffenen danach mit ihrer Angst umgehen und haben das Gefühl, diese kontrollieren zu können. Ein Drittel der Seminarabsolventen empfindet sogar gar keine Angst mehr oder Unbehagen. Das Flugverhalten ändert sich ebenfalls, so fliegen die Teilnehmer im Durchschnitt 7-mal häufiger als vor dem Seminar. Der Effekt des Seminares verpufft in der Regel nur, wenn die Teilnehmer dann wieder lange nicht fliegen, also sich ihrer Angst erneut nicht stellen. Fliegen die Teilnehmer aber fortan regelmäßig, stellt sich ein bei der Vielzahl ein sehr positiver und nachhaltiger Effekt ein.

Generell ist also zu sagen, dass es ganz verschiedene Gründe für das Erleben von Flugangst gibt, welche oft aus ganz anderen Erlebnisse oder einer grundsätzlichen Ängstlichkeit rühren. Nichtsdestotrotz kann theoretisch jeder in gewissem Maße eine Flugangst entwickeln. So gibt es - natürlich ein eher weniger populäres Thema - auch Flugbegleiter, die plötzlich Unbehagen verspüren. Doch der Erfolg der Seminare zeigt, dass Flugangst zwar menschlich, aber kein Problem ist, welches nicht lösbar wäre.

Der Interviewgast Sascha Thomas arbeitet für die Münchner Agentur „Seminar für entspanntes Fliegen“, welche mit über 30 Jahren Erfahrung 2-tägige Flugangst-Seminare in Kooperation mit der Lufthansa anbietet. Jährlich finden um die 60 Seminare deutschlandweit statt. Die Kosten betragen 840€ inklusive dem Trainingsflug (Hin-&Rückflug). Nähere Informationen können Sie der Homepage „flugangst.de“ entnehmen.

Aktuelle Ausgabe3/2018