Adipositas

Verhaltenstherapeutischer Ansatz zur Änderung von Ess-Gewohnheiten bei ADIPOSITAS

Erster Teil

Wie wir Menschen alle wissen, gehört es zu den schwierigsten Aufgaben, unser Verhalten zu verändern. Das Ablegen von „lieb gewordenen Gewohnheiten“ gefällt uns allen nicht, selbst wenn wir genau wissen, dass es gut für uns wäre.
Dies trifft in ganz besonderem Maß für unsere Essgewohnheiten zu.

Warum ist das so?
Unser Großhirn ist extrem leistungsfähig. Es ist neben vielen Dingen auch verantwortlich für unser „Bewusstsein“ also dafür, dass wir wissen wer wir sind. Es ist hervorragend dazu geeignet Probleme zu erkennen und zu lösen, also zu denken. Während unserer Schulzeit wurde es auf hohes Niveau trainiert.
Allerdings verbraucht das Großhirn, wenn es arbeitet sehr viel Energie und ist trotzdem sehr langsam. Deswegen gibt es gerne einmal erlernte Dinge in einen anderen Hirnabschnitt ab, der wesentlich schneller, energiesparender, effektiver und unbewusst arbeitet. Unbewusst verrichten wir ca. 95% aller Tätigkeiten an einem Tag, angefangen vom Zähneputzen morgens bis zum Essen des Abendbrotes.
Unsere „Gewohnheiten“ wurden ebenfalls auf diese Weise gelernt, man hat sie sich irgendwann „angewöhnt“. Eine Änderung einer Gewohnheit gelingt nur dann, wenn wir bereit sind, die „neue Gewohnheit“ so lange stur zu üben, bis sie selbstverständlich geworden ist.
Dies braucht erstens das Wissen über die Zusammenhänge, den festen Willen zur Veränderung, ein genau formuliertes erreichbares Ziel (neue Gewohnheit), Hartnäckigkeit und Widerstandskraft gegen Störungen und die Bereitschaft täglich immer wieder zu üben, so wie man früher einmal in der ersten Klasse geübt hat zu schreiben.

Warum nehmen wir eine Gewohnheit an, und warum fällt es uns schwer sie abzulegen?
Das Annehmen von Gewohnheiten hat immer damit zu tun, dass sie eine Belohnung versprechen. Die Gewohnheit macht uns zufrieden. Deswegen kann ein „Vorsatz“ wie beispielsweise, „Ich höre jetzt auf zu rauchen“ oder noch schlechter „Ich MUSS jetzt endlich mal aufhören zu rauchen“ nicht funktionieren, da keine Belohnung in Sicht ist, die ähnliche Zufriedenheit verspricht, wie beispielsweise der Genuss der Zigarette nach dem Essen. Man könnte sagen...“aber der langfristige Gewinn“.... Leider ist hier der langfristige Gewinn nur „rational“, also durch unser Großhirn erfahrbar und nicht „emotional“ wie der Genuss einer Zigarette oder eines Stücks Schokolade. Deswegen verliert unser Großhirn regelmäßig diesen Kampf.

Welche Faktoren spielen sonst noch eine Rolle?
Die Entschuldigung:
Da wir ja wissen, dass wir uns manchmal falsch verhalten und dies nicht ändern, leiden wir sehr schnell unter Schuldgefühlen. Das hat kein Mensch gerne. Also suchen wir unbewusst nach Gründen, die unser Verhalten entschuldigen können. Das kann beispielsweise beruflicher Stress, familiäre Belastung oder Zeitmangel sein. Dabei ist es völlig unwichtig, ob diese Faktoren „wirklich vorliegen“ und unser Verhalten beeinflussen oder ob sie nur „vorgeschoben“ sind. Die Entschuldigung dient dazu, nichts ändern zu müssen.

Unverständnis und Ablehnung im sozialen Umfeld:
Im Bekanntenkreis wird jede Gewohnheit, die wir haben, als zu uns gehörig erlebt. Dies verschafft Sicherheit, da wir meinen unser Gegenüber gut zu kennen. Plötzlich macht jemand etwas ganz anders als vorher. Er wird uns fremd und unsere „unbewussten Denkmodelle“ vermitteln uns das sanfte Gefühl einer „möglichen Gefahr“. Das hört sich jetzt vielleicht etwas drastisch an und ist es auch, aber im Grundsatz stimmt diese Regel der Verbindung „Fremdheit – Gefahr“ immer – übrigens auch in ganz anderen sozialen Situationen. Um sie zu lösen müssen wir sie uns bewusst machen.

Was können wir tun? - Anwendung auf unser Essverhalten!
Zunächst einmal ist es wichtig, sich längere Zeit geistig mit dem Gesamtproblem der Verhaltensänderung zu beschäftigen, um in unserem Gehirn den „Boden für eine dauerhafte Veränderung“ vorzubereiten. Gespräche mit verständnisvollen Mitmenschen können helfen, auch ein Termin mit einem Verhaltenstherapeuten. Man muss sich wirklich darüber im Klaren sein, wie die Mechanismen in der Entwicklung von Gewohnheiten sind. Es geht als erstes um den Erwerb von WISSEN.

Das Treffen einer Entscheidung!
Als nächstes muss die ganz bewusste Entscheidung getroffen werden, wirklich eine Verhaltensweise, in diesem Falle und im Folgenden – das Essverhalten - ändern zu wollen. Am besten legt man diese Entscheidung schriftlich mit Datum nieder und vermerkt ab welchem Zeitpunkt man damit anfangen wird (nicht...will).
Am besten sucht man noch einen guten Grund für diese Entscheidung aber bitte nicht negativ orientiert „ich MUSS jetzt endlich mal etwas für mich tun“ sondern positiv wie „ich MÖCHTE mir dieses Kleid kaufen und damit gut aussehen“.
(negative Orientierung der Begründung bewirkt Schuldgefühle, wenn es nicht funktioniert, positive Orientierung bewirkt lediglich Trauer, wenn es nicht funktioniert und Stolz wenn es gelingt).
Erst, wenn die Entscheidung getroffen ist, das Essverhalten wirklich ändern zu wollen und wenn man sich über die verhindernden Mechanismen intensiv Gedanken gemacht hat, gibt es die Chance auf einen dauerhaften Erfolg.

Im so genannten „Multimodalen Therapiekonzept“ der Krankenkassen zur Gewichtsreduktion, welches aus den drei Säulen „Ernährungsumstellung und Reduktion der Kalorien“, „körperliche Bewegung in Form eines konsequenten Sportprogramms“ und „Verhaltensänderung“ besteht, ist der letzte Punkt meines Erachtens der eigentliche Schlüssel zum Erfolg, denn die anderen beiden Säulen werden wirkungslos, wenn sie nicht konsequent durchgeführt werden.
In der nächsten Ausgabe werde ich über die Tricks und Fallstricke auf dem Weg zur Gewichtsabnahme berichten.

 

Über den Autor

Dr. med. Thomas Friedrich-Hoster
Dr. med. Thomas Friedrich-Hoster
Leitender Oberarzt Allgemeine, Viszerale und Onkologische Chirurgie Klinikum Wetzlar
Ärztlicher Leiter des Adipositaszentrum

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Aktuelle Ausgabe02.07.