Blutdrucktabletten – morgens oder abends einnehmen?

Der Blutdruck des Menschen unterliegt tageszeitlichen Veränderungen und zeigt normalerweise eine nächtliche Absenkung sowie einen morgendlichen Wiederanstieg. Dieser Verlauf ist am besten mit einer 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM) nachvollziehbar, die neben einer Erfassung der Blutdruckmittelwerte die Beurteilung deren tageszeitlicher Schwankungen erlaubt.

Ein normales Blutdruckverhalten zeigt einen Abfall nächtlicher Blutdruckwerte von 10 Prozent. Folgende Erkrankungen gehen mit erhöhten nächtlichen Blutdruckwerten einher: Diabetes mellitus, eine eingeschränkte Nierenfunktion, Bluthochdruck und Schlafapnoe. Ein fehlender nächtlicher Blutdruckabfall führt zu einer verminderten Lebenszeit.

Eine Anpassung des Zeitpunktes einer Medikamenteneinnahme kann zu einer Verbesserung des Blutdruckprofils über 24 Stunden führen und wird in der Medizin unter dem Begriff „Chronopharmakologie“ zusammengefasst. Durch die Verschiebung der Tabletteneinnahme in die Abendstunden kann die Blutdruckeinstellung über Nacht bei fehlendem nächtlichem Blutdruckabfall verbessert werden.

So kommt es durch die abendlichen Einnahme von Calciumantagonisten (z.B. Amlodipin, Lercanidipin) zu einer verstärkten Senkung des nächtlichen Blutdrucks, zum anderen treten geschwollene Unterschenkel, die mit 13 Prozent bei morgendlicher Einnahme eine typische Nebenwirkung darstellen, bei abendlicher Gabe nur in 1 Prozent auf.

Das entwässernde Medikament Torasemid führt bei morgendlicher Einnahme von 5 mg zu einer systolischen/diastolischen Blutdrucksenkung von 7,3/3,7 mmHg am Tag und 4,3/2,5 mmHg in der Nacht. Bei Einnahme der gleichen Torasemiddosis am Abend ist die systolische/diastolische RR-Senkung mit 15,6/9,9 mmHg am Tag und mit 12,5/8,0 mmHg in der Nacht deutlich stärker ausgeprägt. Dabei kommt es nicht, wie allgemein für Diuretika postuliert, zu einem gehäuften nächtlichen Wasserlassen.

 

Die Verschiebung der morgendlichen Einnahme von Sartanen in die Abendstunden kann zu einer Verminderung der Eiweißausscheidung über die Niere führen und damit sowohl die Verschlechterung der Nierenfunktion als auch das Herzkreislaufrisiko reduzieren.

Betablocker sind eine Substanzklasse, die in der Regel morgens eingenommen werden sollten. Dies liegt in den bekannten tageszeitlichen Schwankungen des Stressniveaus begründet, das am Tag höher liegt.

 

Allerdings dürfen diese Erfolge bei der Blutdruckeinstellung nicht dazu führen, dass jeder Patient mit erhöhtem Blutdruck seine Medikation in die Abendstunden verlegt. Eine überschießende Nachtabsenkung des Blutdrucks verursacht Durchblutungsstörungen des Herzens, des Gehirns und der Netzhaut des Auges.

 

Die unkritische Propagierung einer generellen abendlichen Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten entbehrt jeder wissenschaftlichen Begründung und hat schon zu vielen Verunsicherungen geführt. Wichtig ist eine individuelle Beurteilung der tageszeitlichen Rhythmik und der individuellen Nachtabsenkung mittels einer ambulanten 24-Stunden-Langzeitblutdruckmessung. Anhand dieser Ergebnisse sollte dann über die Sinnhaftigkeit einer abendlichen Einnahme blutdrucksenkender Medikamente entschieden werden.

Über den Autor

Prof. Dr. med. Martin Brück
Prof. Dr. med. Martin Brück
Chefarzt der Medizinischen Klinik I
Klinikum Wetzlar

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