Chirurgischer Ratgeber:

Worüber man in der Kaffeerunde nicht plaudert:

Der After, ein komplizierter Verschlussmechanismus

Thema Enddarmerkrankungen…nein, das sind keine schicken Beschwerden.

Das Ganze ist ein Tabu-Thema, selbst Ehepartnern gegenüber werden die Beschwerden verschwiegen. Oft wird versucht zunächst mit Eigenbehandlung zurecht zu kommen, als Folge sehen wir oft verschleppte und schlimme Krankheitsbilder, nicht selten werden bösartige Erkrankungen zu spät entdeckt. In Deutschland leiden schätzungsweise mehr als 20 Mio. Menschen an Hämorrhoidalbeschwerden.

Was ist der Anus?

Ohne Frage ist er ein hochkomplizierter Verschlussmechanismus. Der Anus, auch Analkanal genannt, ist das unterste Ende des Mastdarms.

Die Wand des Anus besteht aus sehr unterschiedlichen Gewebeschichten, die Gefäßpolster in sich tragen und in der Lage sind, sich zu füllen oder zu entleeren und so helfen, eine ideale „Abdichtung“ zu erlangen. Äußerst schmerzempfindlich ist die Übergangszone von normaler Haut „außen“ zum „inneren After“, gebildet von sehr strapazierfähigem Gewebe.

Die Schließmuskeln am Anus

Die Ringmuskelschicht der Dickdarmwand ist im Anus zum starken inneren Schließmuskel verstärkt, der unwillkürlich arbeitet – er lässt sich also nicht willentlich beeinflussen. Über diesem liegt der äußere Schließmuskel, der willkürlich beeinflussbar ist.

Die beiden Schließmuskeln zusammen haben eine starke Dauerspannung, den man spüren kann, wenn man versucht, ein Zäpfchen einzuführen oder wenn der Arzt eine Untersuchung mit dem Finger durchführen will. Als Ergänzung zu dem muskulären Verschluss kommt das Venengeflecht in der Darmwand dazu, dessen Füllung den dichten Verschluss garantiert.

Welche Funktion hat der Anus?

Die Darmentleerung ist ein komplexes Geschehen. Die Füllung des Enddarmes führt zu einer Erschlaffung des inneren Schließmuskels, der äußere Schließmuskel spannt sich an.

Das Gefühl auf „Entleerung“ macht sich bemerkbar, das sich aber unterdrücken lässt, indem man den äußeren Schließmuskel bewusst in Spannung hält.

Wenn man ihn hingegen bewusst entspannt, kommt es zur Stuhlentleerung, vorangetrieben durch die muskuläre Tätigkeit des Mastdarmes und des Enddarmes. Eine Anspannung der Bauchmuskulatur kann die Stuhlentleerung noch fördern.

Den häufigsten Krankheitsgrund nennt man „Hämorrhoiden“

Leider verstecken sich aber weitere Erkrankungen, oft sehr schmerzhaft, unter diesem Begriff. In Wahrheit handelt es sich um Analfissuren und Schließmuskelverengung, Fisteln, Darmschwäche bis zum Vorfall und gar Mastdarmkrebs.

Konservative Behandlungsmaßnahmen verwenden Salben und Zäpfchen, die die anfänglichen lokalen Beschwerden wie Juckreiz und Brennen lindern helfen. Liegt aber ein oder mehrere „Knoten“ außerhalb des Afters, können nur noch operative Verfahren vorgenommen werden.

Bei Blutspuren auf dem Toilettenpapier oder Blutbeimengungen im Stuhlgang muss man hellhörig werden. Die Früherkennung einer bösartigen Darmerkrankung gelingt mittels der Dickdarmspiegelung (Koloskopie), sie steht ganz im Vordergrund der Diagnostik.

Was sind die Hauptursachen?

Begünstigt wird das Leiden durch zu wenig Bewegung, ballaststoffarme Kost, zu wenig Flüssigkeit, unregelmäßiger und wechselhafter Stuhlgang, lange Sitzungen auf der Toilette, starkes Pressen beim Stuhlgang, Missbrauch von Abführmittel, Gewürze, fettreiche Kost, Alkoholgenuss, starke körperliche Belastung und Schwangerschaften und vor allem eine angeborene Bindegewebsschwäche.

Wie ist der Krankheitsverlauf

Da sich die „Hämorrhoiden“ ständig vergrößern, teilt man die Krankheit in Stadien ein, die eine jeweils spezielle Behandlung erfordern.

Stadium 1:

Die Hämorrhoiden sind nur an Ort un Stelle vergrößert und stärker durchblutet.

Stadium 2:

Die Hämorrhoiden treten beim Stuhlgang aus dem After, ziehen sich aber spontan wieder zurück.

Stadium 3:

Die Hämorrhoiden treten beim Stuhlgang oder unter körperlicher Belastung aus, können aber mit dem Finger wieder zurückgeschoben werden.

Stadium 4:

Die Hämorrhoiden treten dauerhaft aus dem After und nicht mehr zurückgeschoben werden

Welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen?

Die Beschwerden im 1. und 2. Stadium werden konservativ behandelt.

Linderung schaffen Salben und Zäpfchen. Die schmerzlose „Verödung“, also eine kleine Spritze führt zur Linderung. Die Behandlung besteht in 2 bis 3 Sitzungen. Bei entsprechender Änderung der Lebensweise kann der Erfolg über Jahre anhalten. Bei erneutem Auftreten von Beschwerden kann sie bedenkenlos wiederholt werden.

Im Stadium 2 kann auch eine meist schmerzlose Abbindung der vergrößerten Hämorrhoide mit einem Gummiring („Barron-Ligatur“) helfen. Dabei wird die Blutzufuhr der Hämorrhoide unterbrochen, die Hämorrhoide trocknet ab und wird nach einer bis 3 Wochen meist unbemerkt mit dem Stuhlgang ausgeschieden.

Im 3.Stadium muss operiert werden. Moderne Verfahren (Longo-Methode) verkürzen den Krankenhausaufenthalt und vermindern die postoperativen Schmerzen. Der berufliche Ausfall beträgt oft nur 1-2 Wochen.

Bei Hämorrhoiden 4.Grades wird „klassisch“ operiert, die Operation ist deutlich schmerzhafter, die Heilung wesentlich langwieriger und mit einem längeren Klinikaufenthalt und einer längeren Arbeitsunfähigkeit verbunden.

Wie kann ich Letzteres vermeiden?

Beschwerden am After sollten so früh wie möglich abgeklärt und behandelt werden, damit man im Anfangsstadium auf Hämorrhoiden einwirken kann um eine spätere Operation möglichst zu vermeiden.

Oft quält sich ein Patient jahrelang.

Mit großer Angst geht er schließlich zur Operation um danach festzustellen, dass nach etwa 6 Wochen postoperativ „das Leben neu anfängt“.

 

Über den Autor

Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold
Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold
Aktuelle Ausgabe4/2020