Suchtmittel: Alkohol

Darstellung der suchtmittelbezogenen Verbrauchsdaten in der Bevölkerung 

 

Teil 1 Alkohol

Versuchen wir einmal über unsere Corona Brille hinaus zu schauen und uns zu fragen wie sich der Verbrauch von Suchtmitteln in den letzten Jahren gestaltet hat, so können wir ganz interessante Entwicklungen feststellen. In dem ersten dieser Artikel wird es um den Konsum von Alkohol gehen, gefolgt in den nächsten Ausgaben von einer Darstellung der Entwicklung des Umgangs mit Tabak, psychotropen Medikamenten und letztendlich Drogen.

Fast man die aktuellen Daten aus dem Jahre 2019 (Seitz et.all) zusammen, dann haben insgesamt 6,7 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren einen riskanten Alkoholkonsum der sich bei Männern z.B. definiert in einem täglichen Konsum von 0,6-1,6 l Bier oder 0,25-0,75 l Wein und bei Frauen von 0,3-1 l Bier oder 0,14 – 0,5 l Wein. In Bezug auf die Frage nach einem Rauschtrinken geben 16,3 % der Männer an im letzten Monat an 4 oder mehr Tagen einen Rausch gehabt zu haben, bei den Frauen sind dies immerhin 7,4 %. (Seitz) Besonders häufig gibt die Altersgruppe der 18 bis 20-jährigen die Frage nach dem Rauschtrinken in dem letzten Monat mit 22,5 % an, gefolgt von den 21 bis 24-jährigen mit 18% und den 25 bis 29-jährigen mit 14,5 %. In Bezug auf die durchschnittliche Menge an Alkohol pro Woche führen die 60-64-jährigen Männer mit immerhin 2,5 L. pro Woche! Die Diagnose einer Abhängigkeit erfüllen nach medizinischen Kriterien 3,1 % der 18 bis 64-Jährigen, das sind immerhin 1,6 Millionen Personen. (Atzendorfet all 2019)

Während nahezu über alle Altersgruppen hinweg die Frage nach dem Alkoholkonsum in den letzten 30 Tagen von 2012-2018 um circa 2 % abgenommen hat, nehmen noch knapp ein Sechstel der jungen Erwachsenen (18 bis 25-jährigen) gesundheitlich riskante Alkoholmengen zu sich. Das Rauschtrinken hat sich von 2014-2 2018 sogar um 2 % erhöht. So gaben 16,2 % der männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren an, im letzten Jahr regelmäßig riskanten Konsum von Alkohol praktiziert zu haben, bei den Mädchen waren dies 8,4 %. Demgegenüber ist interessanterweise das Alter des ersten Alkoholrausches sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen von 2010-2018 leicht angestiegen (von 15,9 auf 16,3 Jahre).

Versucht man einmal die durch schädlichen Alkoholkonsums entstandenen Kosten zu berechnen, dann kann man für 2018 insgesamt 57,03 Milliarden € (Effertz 2019) feststellen. Davon entfallen 16,59 Milliarden auf direkte Kosten wie Krankheitskosten, Pflegekosten, Rehabilitationsmaßnahmen etc. und 40,44 Milliarden € auf indirekte Kosten wie Ressourcenverluste durch frühere Sterblichkeit, Arbeitslosengeld etc..

Bei den Straftaten unter Alkoholeinfluss im Jahr 2018 fällt auf, dass vor allem die Schwerkriminalität mit Mord, Vergewaltigungen und Körperverletzung mit Todesfolge mit einer Rate zum Teil deutlich über 20 % überdurchschnittlich häufig vertreten sind.

Betrachtet man die Statistik der Alkoholunfälle im Straßenverkehr so ist sehr erfreulich, dass sich zwischen dem Jahr 2000 und 2018 die Anzahl der Alkoholunfälle von 22548 auf 13403 nahezu halbiert hat. Die dabei Getöteten hat sich mit vormals 704 auf 225 sich sogar auf ein Drittel reduziert.

Der Konsum alkoholischer Getränke je Einwohner, gemessen an dem pro Kopfverbrauch reinen Alkohols in Litern hat sich von 2012-2018 leicht reduziert. Vor allem der Schaumweinkonsum ist deutlich zurückgegangen, Bier gering, Wein sowie Spirituosen nicht. (für 2020 liegen uns Corona bedingt jedoch deutliche Steigerungszahlen vor).

Im internationalen Ranking liegt Deutschland 2017 mit 10,9 l reinen Alkohols pro Einwohner an der 9. Stelle, führend mit 12,3 l ist Litauen dahinter Länder wie Österreich, Frankreich, Tschechien, Luxemburg, Lettland, Irland und Ungarn. Der leicht gesunkene Verbrauch an alkoholhaltigen Getränken spiegelt sich auch in den Steuereinnahmen wieder. Allerdings ist die Reduktion von 3,28 Milliarden € Steuern in 2012 auf nur 3,18 Milliarden € in 2018 zurückgegangen.

Insgesamt gesehen, kann man also festhalten, dass durchschnittlich der Alkoholverbrauch in den letzten Jahren leicht gesunken ist. Schaut man jedoch genauer hin, dann lässt sich dieser Rückgang zwar mit einem erhöhten Angebot an alkoholfreien Getränken erklären und einordnen, die Daten hinsichtlich des Alkoholmissbrauches und der Alkoholabhängigkeit haben sich jedoch in keinster Art und Weise positiv verändert.

Gerade die Tatsache, dass in einer auch psychisch so schwer belasteten Zeit wie die, der Corona Pandemie, zu einem mitunter bis zu 30 bis 33-prozentigen Anstieg des Konsums von Bier, Wein und Spirituosen gekommen ist, macht deutlich, wie sehr Alkohol eingesetzt wird um ungute Gefühlszustände zu verdrängen. Alkohol ist und bleibt Suchtmittel Nr. 1 in unserer Gesellschaft.

Quellen: Seitz et al 2019, Effertz 2019, Atzendorf et all 2019

 

Um selbst einmal eine kleine Einschätzung der Haltung zum Alkohol gegenüber zu bekommen hat sich ein kleiner Fragenkomplex sehr bewährt:

Erfassung von Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit (CAGE-Fragebogen)
Der CAGE-Fragebogen ist ein kurzes, international anerkanntes und in der Praxis bewährtes Screening-Instrument zur Erfassung von Alkoholmissbrauch/ -abhängigkeit.

Cutt Down Drinking

Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?

0 Ja

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Annoyance

Haben Sie jemals bei anderen Menschen Anstoß erregt, weil Sie nach deren Meinung zu viel trinken?

 

0 Ja

0 Nein

Uilty

Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?

0 Ja

0 Nein

Eye Opener

Haben Sie jemals morgens als erstes Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren oder einen Kater loszuwerden?

0 Ja

 

0 Nein

Bei zwei und mehr Ja-Antworten ist schädlicher Gebrauch/Alkoholmissbrauch oder eine Alkoholabhängigkeit wahrscheinlich. Um eine Abgrenzung zwischen schädlichem Gebrauch und Alkoholabhängigkeit vorzunehmen, empfiehlt es sich, sich beraten zu lassen.

Über den Autor

Dr. med. Thomas Klein
Dr. med. Thomas Klein
Ärztlicher Leiter
Klinik Eschenburg
Aktuelle Ausgabe4/2020