Der Meerrettich – Heilpflanze des Jahre 2021

Schon im Juni 2020 wurde der Meerrettich zur Heilpflanze des Jahres 2021 gekürt. Lateinisch heißt die Pflanze Armoracia rusticana, in Süddeutschland wird sie Kren (wohl verkürzt aus tschech. Kořen = Wurzel) genannt und gehört zur Familie der Brassicaceen (Kreuzblütler).

Damit wird Interesse geschaffen für eine heute eingebürgerte, ursprünglich in der russischen Steppe beheimatete Pflanze, deren Zubereitungen uns in der Küche oft begegnen und die zur Verfeinerung oder Würzung von Fisch- und Fleischgerichten sowie an Gemüse oder Soßen verwendet wird. „Meerrettich“ hat weder mit „Meer“ noch mit „Rettich“ zu tun. Rettich und Radieschen gehören botanisch zur Gattung Raphanus, die auch zur Familie der Kreuzblütler gehört, „Meer“ leitet sich von mittelhochdeutsch “mēr“ ab im Sinne von mehr, größer. Der Meerrettich sieht also aus wie ein großer Rettich, ist mit diesem aber nicht eng verwandt. In der Familie der Kreuzblütler finden sich auch andere „scharfe“ Pflanzen wie z.B. Senf, Radieschen und Kresse, aber auch Rauke, Kohl, Raps, Schaum- und Gänsekräuter.

Meerrettich ist eine ausdauernde Staude mit großen, ungeteilten Blättern und kann deutlich über 1 m hoch werden; die weißen Blüten stehen in dichten Trauben. Die starke, senkrechte Pfahlwurzel ist bis zu 6 cm dick und kann über 40 cm lang werden, bei kultvierten Pflanzen noch kräftiger. Sie ist von beißendem Geruch und Geschmack. Diese „Schärfe“ ist sowohl Grund für die Verwendung in der Küche als auch für die Anwendung als Heilpflanze.

Meerrettich – Wurzeln und Zubereitungen

Die Pflanze kommt auf Feldern, Triften und feuchten Wiesen vor, steht aber auch an Flußufern oder Bahndämmen. In Deutschland erfolgt der Anbau vorwiegend in Franken um Bamberg, Nürnberg und Forchheim, im Badischen und im Spreewald.

Volkstümlich findet Meerrettichwurzel Anwendung bei Atemwegserkrankungen, grippalen Infekten und als verdauungsförderndes Mittel sowie äußerlich zur hyperämisierenden Behandlung leichter Muskelschmerzen. Pharmazeutisch sinnvoll ist die Einnahme bei Katarrhen der oberen Luftwege und zur unterstützenden Therapie bei Harnwegsinfektionen. Dabei wird heute nicht mehr die frische Wurzel verwendet, sondern Tabletten mit einem standardisierten Wirkstoffgehalt. Wirksames Prinzip des Meerrettichs sind Glucosinolate, Vorstufen der Scharfstoffe, die den typischen Geschmack ausmachen. Durch das Enzym Myrosinase, das in den Zellen getrennt von den in der Vakuole gelagerten Glucosinolaten aufbewahrt wird, werden aus den Glucosinolaten bei Zerstörung der Zellen unter Zuckerabspaltung Senföle gebildet, die wir riechen und schmecken können. Beim Meerrettich liegt hauptsächlich Sinigrin als Glucoinolat vor, das enzymatisch zu Allylsenföl (= Allylisothiocyanat) umgewandelt wird, wobei chemisch betrachtet eine Lossen-Umlagerung stattfindet. Daneben entsteht in geringerem Umfang aus Gluconasturtin das 2-Phenylethylsenföl.

Diese Senföle wirken äußerlich hautreizend und erklären die Hautrötungen bei Anwendung von frisch geriebenem Meerrettich (Zubereitungen mit maximal 2% Senfölen) bei Muskelschmerzen. Innerlich angewendet zeigen sie eine ausgeprägte antimikrobielle Wirkung und hemmen im Urin das Wachstum von Keimen wie Escherichia coli, Staphylococcus aureus und anderen Verursachern von Harnwegsinfekten. Wegen ihrer Flüchtigkeit entfalten die Senföle auch bei Atemwegsinfekten eine gute antimikrobielle Wirkung. So kann in frühen Infektstadien sehr erfolgreich mit diesen pflanzlichen Arzneimitteln gearbeitet werden. Werden sie früh und ausreichend hoch dosiert eingenommen, kann oft die Gabe chemischer Antibiotika vermieden werden; auch in der Infektprophylaxe tun sie gerade bei rezidivierenden Erkrankungen gute Dienste. Daß Thiocyanate und Thiooxazolidone, die ebenfalls aus Glucoinolaten entstehen können, die Jodretention in der Schilddrüse oder die Bildung von Schilddrüsenhormonen beeinflussen, behält man im Hinterkopf; bei normaler Dosierung gibt es diesbezüglich aber keine Probleme.

Über den Autor

Dr. Karl-Heinrich Horz
Dr. Karl-Heinrich Horz
Apotheker

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Aktuelle Ausgabe4/2021