Rehabilitation nach Amputationen

In Deutschland werden jährlich rund 55.000 Amputationen an der unteren Extremität vorgenommen. Trotz erheblicher Bemühungen, die Amputationszahlen zu senken, bleiben diese seit Jahren relativ konstant. Mit ca. 67 Amputationen /100.000 Einwohner jährlich liegen wir in Deutschland über dem europäischen Mittel. Wo liegen die Ursachen dafür? Wie lassen sich Amputationen vermeiden? Und wie lebt man, sollte eine Amputation doch erforderlich geworden sein? 75% der Amputationen an den Beinen werden aufgrund einer fortgeschrittenen Durchblutungsstörung vorgenommen. Andere seltenere Ursachen sind Tumoren, Infektionen und Verletzungen. Man unterscheidet prinzipiell Minoramputationen (Amputationen an den Zehen und dem Fuß) von Majoramputationen (Amputationen oberhalb des Sprunggelenkes). Beide Amputationsformen kommen etwa gleich häufig vor. Eine große Rolle spielt der Diabetes mellitus. Dieser liegt bei 64% der Minor- und 86% der Majoramputationen als alleinige oder zusätzlich erschwerende Diagnose vor. War in den 60iger Jahren nur 1% der Bevölkerung vom Diabetes betroffen, sind es mittlerweile 10%. Es ist daher nachzuvollziehen, dass Diabetiker die Mehrzahl der zu amputierenden Patienten darstellen. Klassischerweise sind beim Diabetiker die kleineren Gefäße am Fuß und Unterschenkel von der Arterienverkalkung betroffen. Daher erfolgen beim Diabetiker entsprechend mehr Amputationen an Zehen und Teilen des Fußes. Nach langjährigem Nikotinkonsum sind die größeren Arterien des Beckens und der Oberschenkel betroffen, so dass hier eher Majoramputationen vorgenommen werden müssen. Männer sind mit 68% häufiger betroffen als Frauen. Seit 2005 ist die Anzahl der Majoramputationen um ca. 30% gesunken. Im Gegenzug steigen allerdings die Minoramputationszahlen um ungefähr den gleichen Wert. Im Jahr 2018 wurden in der gefäßchirurgischen Abteilung der Lahn-Dill-Kliniken 120 Amputationen vorgenommen. Diese verteilen sich wie in Tab. 1 angegeben auf Minor- und Majoramputationen.

 

Amputationen

Eingriffe

Oberschenkelamputationen

29

Kniegelenkexartikulationen

1

Unterschenkelamputationen

11

Vor-/Mittelfußamputationen

12

Zehenamputationen

67

Summe

120

 

Tab. 1 Anzahl der Amputationen 2018 in der Gefäßchirurgie der Lahn-Dill-Kliniken

gelb Majoramputationen, grün Minoramputationen

 

Im Rahmen interdisziplinärer Behandlungskonzepte ist es möglich, Amputationszahlen zu senken und Amputationen zu vermeiden. Man geht davon aus, dass in spezialisierten Zentren die

Amputationsraten um 60 % gesenkt werden können. Im Gefäßzentrum Wetzlar entwickeln Gefäßchirurgen, Radiologen, Internisten und Angiologen gemeinsam individuelle Behandlungskonzepte. Es stehen somit operative Methoden zur Umgehung von Gefäßverschlüssen (Bypassanlagen) wie auch moderne Kathetermethoden zur Wiedereröffnung von Gefäßen (Ballon- und Stentverfahren) zur Verfügung. Oft lassen sich Majoramputationen vermeiden, selbst wenn es bereits zum Gewebeuntergang an den Zehen oder dem Fuß gekommen ist und eine Zehenamputation erforderlich war. Entscheidend für alle amputierten Patienten sind einerseits eine regelmäßige Nachsorge der bestehenden Gefäßerkrankung andererseits die enge Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten, Orthopädischen Schuhmachern, Rehabilitationseinrichtungen und Schmerztherapeuten in der unmittelbar der Operation folgenden Phase. Diese Zusammenarbeit beginnt bereits unmittelbar nach der Amputation. So erfolgt eine qualifizierte Wundbehandlung zum zügigen Abheilen der Wunden, erste krankengymnastische Übungen insbesondere zur Kräftigung des Oberkörpers beginnen, es wird spezielles Schuhwerk angepasst. Nach Majoramputationen erfolgen spezielle Maßnahmen zur Formung des Amputationsstumpfes. Erste Schritte zur Prothesenwahl und –anpassung starten. Selbst nach der Amputation einer einzelnen Zehe ist die Anpassung eines entsprechenden Schuhwerkes dringlich. Dabei geht es im Anfangsstadium um die Druckentlastung der Amputationswunde, später die Vermeidung neuer Wunden und das möglichst unbeeinträchtigte Gehen. Die im Krankenhaus begonnene krankengymnastische Therapie sollte unmittelbar nach Entlassung aus der stationären Behandlung fortgeführt werden. Hier geht es um die Kräftigung des betroffenen wie auch des gesunden Beines, Gleichgewichtsübungen und letztendlich das Erreichen eines normalen Gangbildes. Nach Minoramputationen ist dies ambulant in spezialisierten Rehazentren möglich. Die primäre Rehabilitation nach einer Majoramputation ist eine Domäne der stationären Rehabilitation. Nur für einige wenige jüngere Patienten ist eine ambulante Rehabilitationsmaßnahme möglich und sinnvoll. Bei allen Rehabilitationsmaßnahmen ist nicht nur das Erreichen eines hohen Maßes an Mobilität, sondern die Teilhabe an allen Bereichen des alltäglichen Lebens wichtig. So ist auch für Patienten, die nach einer Majoramputation nicht für eine Prothesenversorgung in Frage kommen, die krankengymnastische Beübung notwendig. Somit sind in den überwiegenden Fällen das selbstständige Umsetzen oder kürzeres Stehen möglich. Um die entsprechenden Behandlungskonzepte umzusetzen, pflegen wir im Gefäßzentrum Wetzlar eine enge Zusammenarbeit mit Orthopädieschuhmachern, stationären Rehabilitationseinrichtungen und ambulant tätigen Physiotherapeuten in der Umgebung.

Wir starten ab Februar 2021 mit einem speziellen Rehabilitationskursangebot für amputierte Patienten im Rehazentrum kerngesund! im Medi-Center am Klinikum Wetzlar. Diese Rehasportgruppe wird sich einmal wöchentlich zum gemeinsamen Training treffen. Der Kurs findet unter physiotherapeutischer Anleitung in den Räumlichkeiten des kerngesund! statt und wird ärztlich durch mich betreut. Der Einstieg in den Kurs ist jederzeit möglich. Eine Verordnung und Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist möglich.

Die Kontaktaufnahme hierzu kann über das Rehazentrum kerngesund! erfolgen.

Über den Autor

Dr. Claudia Ellert
Dr. Claudia Ellert
Leitende Oberärztin der Abteilung für Gefäßchirurgie
Klinikum Wetzlar

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Aktuelle Ausgabe3/2021