Was ist eigentlich Arthrose?

Es muss nicht immer sofort ein künstliches Gelenk sein!

Die Stadien-gerechte und individuelle Therapie der Kniegelenksarthrose.

Häufig stellen Patienten in der Sprechstunde die Frage, was ist eigentlich Arthrose!? Die einfachste Erklärung ist häufig der Vergleich mit einem Auto. Ein Gelenk besteht aus verschiedenen Komponenten und hier insbesondere aus dem Knorpel. Den Knorpel kann man mit dem Reifen bzw. dem Reifenprofil eines Autos vergleichen. Es gibt weiterhin noch Bänder und den sogenannten Meniskus im Kniegelenk. Hier ist der Vergleich mit der Radaufhängung und dem Stoßdämpfer oft sehr hilfreich. Kommt es nun durch verschiedene Ursachen zu einer Abnutzung des Reifenprofils, also des Knorpels, spricht man von Arthrose. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich. Es gibt die genetische Disposition, d.h. Arthrose kommt gehäuft in der eigenen Familie vor, oder aber auch die posttraumatische Arthrose, d.h. nach einem Unfallmechanismus sind zum Beispiel Stoßdämpfer (Meniskus) oder aber Teile der Radaufhängung (Bänder und Knochen) in Mitleidenschaft gezogen. Hieraus kann sich - oft erst nach Jahren - eine Arthrose entwickeln.

Der Arzt stellt die Diagnose anhand der Beschwerden des Patienten, welche sich häufig durch morgendliche Anlaufschmerzen sowie Belastungsschmerzen, aber auch eine Gelenkschwellung oder einen unangenehmen Druck in der Kniekehle äußern können. Meist werden zunächst Röntgenbilder angefertigt und gegebenenfalls je nach individueller Situation durch ein MRT ergänzt. Das Röntgenbild bitte den Vorteil Informationen über das Gelenk unter Belastung zu gewinnen. Das MRT wiederum bietet den Vorteil auch die Gewebe jenseits des Knochens darstellen zu können (Knorpel, Meniskus, Bänder, …).

Arthrose ist jedoch nicht gleich Arthrose. Der Mediziner teilt diese in verschiedene Schweregrade ein. Eine leichte Arthrose bedeutet, dass der Knorpel überall noch vorhanden, jedoch an manchen Stellen ausgedünnt ist. Dies kann flächig oder aber auch nur in einem kleinen Bezirk, ähnlich einem Schlagloch in einer Straße, sein. Bei mittelgradigen Arthrosen ist der Knorpel schon deutlich stärker ausgedünnt und bei der schweren Arthrose finden sich bereits Bezirke, in denen der Knochen frei liegt und Knorpel gänzlich fehlt, man läuft sprichwörtlich „auf der Felge“.

Konservative Behandlungsmethoden

Die konservativen Behandlungsverfahren beginnen bei der Verordnung von stabilisierenden Bandagen, der Einnahme von entzündungshemmenden und schmerzstillenden Medikamenten und der physikalischen Therapie wie zum Beispiel Muskelaufbautraining oder Kräftigungsübungen der stabilisierenden Muskulatur.

Im nächsten Schritt finden sich so genannte Alternative Therapieformen wieder. Lange gebräuchlich und als klassische Therapieform ist das Einspritzen von Hyaluronsäure bekannt. Dies vergleicht der Mediziner häufig mit einem Ölwechsel, das Gelenk erhält neuen Schmierstoff, der gleichzeitig auch den Knorpel ernährt. Ein heute zusätzlich verfügbares Verfahren ist die so genannte Eigenblutbehandlung. Hier wird dem Patienten Blut abgenommen und aus diesem die Wachstumsfaktoren herausfiltriert; das gewonnene Plasma mit den Wachstumsfaktoren wird in das defekte Gelenk gespritzt und wirkt hier wie eine Art Doping für den Knorpel, so dass dieser sich regeneriert und widerstandsfähiger wird, was das Schmerzniveau deutlich senkt. Dies funktioniert jedoch nur noch, wenn der Knorpelschaden maximal mittelgradig ist. Das aus dem Leistungssport stammende Verfahren hat sich in den letzten Jahren zu einer sehr leistungsfähigen Behandlungsmethode entwickelt und kann so oftmals eine Operation vermeiden oder aber hinauszögern. Nachteil aller Alternativen Verfahren ist, dass die gesetzlichen Kassen die Kosten in der Regel nicht übernehmen.

Gelenkerhaltende operative Behandlungsmethoden

Lange Zeit war die Gelenkspiegelung ein gebräuchlicher Eingriff auch schon bei bestehender Arthrose. Heute ist jedoch bekannt, dass der Eingriff bei einer ausschließlichen Arthrose keinen echten Nutzen zeigen kann. Hier muss jedoch ganz klar differenziert werden, was im Gelenk alles defekt ist. Findet sich neben der Arthrose, also der Abnutzung des Knorpels, noch eine mechanische Störung, dann ist die Arthroskopie durchaus (im Einzelfall) sehr sinnvoll. Eine mechanische Störung kann zum Beispiel durch einen zusätzlich eingerissenen Meniskus, also den Stoßdämpfer des Gelenkes, entstehen. Die Gewebsanteile klemmen im Gelenk ein, der Patient hat das Gefühl eines Messerstiches, die Schmerzen sind häufig sehr wechselhaft.

Wird ein umschriebener Knorpelschaden diagnostiziert, das oben bereits erwähnte Schlagloch, dann ist auch die Option der Knorpelzelltransplantation ein wirkungsvolles Werkzeug des Kniechirurgen. Hierbei werden körpereigene Knorpelzellen aus Bereichen geringerer Belastung entnommen und zu einer „Knorpelpaste“ unter Zuhilfenahme körpereigener Wachstumsfaktoren verarbeitet. Bei diesem Verfahren kann die Operation in einem Schritt erfolgen. Weiterhin besteht ein großer Vorteil dieser neuen Methode darin, dass ausschließlich körpereigene Substanzen für die Versiegelung des Knorpeldefektes genutzt werden.

Wie bereits erwähnt, gibt es mannigfaltige Ursachen für eine Arthroseausbildung. Eine weitere ist die sogenannte Beindeformität, besser auch als O-Bein oder X-Bein bekannt. Bei einer derartigen Deformität werden manche Gelenkanteile massiv überlastet, während andere eher geschont werden. Die überlasteten Anteile verschleißen somit schneller und es bildet sich eine Arthrose. Um hier nochmalig das Auto als Vergleich heranzuziehen, kann man von einer „verstellten Spur“ sprechen. Der Reifen wird schräg abgefahren und nutzt sich ab. In diesen Fällen besteht die Option durch Aufhebung der Deformität also die Begradigung des O- oder X-Beines die Schmerzen deutlich zu lindern und den sonst notwendigen Ersatz des Gelenkes durch ein künstliches Gelenk zu vermeiden oder viele Jahre in die Zukunft zu verschieben. Der Kniechirurg wird eine Röntgenaufnahme des gesamten Beines anfertigen, um die Gelenkwinkel zu messen und die Machbarkeit einer sogenannten Umstellungsoperation zu prüfen. Durch Einsatz moderner Titan-Implantate oder sogar teilweise von Carbon-ähnlichen Kunststoffimplantaten haben sich die Ergebnisse dieser Operationsmethode in den letzten Jahren deutlich verbessert. War das Ergebnis noch im letzten Jahrhundert schwer voraussehbar, kann der Mediziner heute millimetergenau arbeiten und die Achse einstellen.

Gelenkersetzende bzw. teilersetzende Behandlungsmethoden

Ist der Knorpel fast vollständig aufgebraucht oder zerstört worden (fortgeschrittene Arthrose), kommt es immer häufiger zu den sogenannten klassischen Verschleißerscheinungen besagten morgendlichen Startschwierigkeiten, Belastungsschmerzen, einer Ergussbildung und/oder Bakerzyste. Meist sind Patienten in diesem Krankheitsstadium mit der Frage eines künstlichen Kniegelenks konfrontiert. Diese weitreichende und endgültige Entscheidung gilt gut überlegt und alle Vor- und Nachteile sollten mit einem (Fach-)Arzt besprochen werden.

 

Generell zählen gelenkersetzende Eingriffe heute zu den Routineoperationen. Ausgeklügelte Sicherheitssysteme, ähnlich wie in der Luftfahrt, sollen potentielle Komplikationen minimieren. Die Weiterentwicklung der Implantate bis hin zu Titan-Beschichtungen (zum Beispiel bei Nickelallergie) und die Verwendung von computergestützten Planungsprogrammen für die korrekte Implantation eines Kunstgelenkes haben die Sicherheit der Eingriffe sowie die Erfolgsquote stark erhöht. Doch ähnlich wie bei der Arthrose selbst, ist ein künstliches Gelenk nicht gleich einem künstlichen Gelenk. Hier gibt es wichtige und deutliche Unterschiede.

Bei halbseitigen Arthrosen zum Beispiel, also wenn nur ein Teil des Gelenkes betroffen ist, bieten sich die sogenannte Schlittenendoprothese an. Diese kommt zum Einsatz, wenn aus verschiedenen Gründen eine Beinachsenbegradigung (Umstellungsoperation) nicht möglich ist. Die Schlittenprothese lässt sich minimalinvasiv über einen kleinen Schnitt einbringen. Dies hat den Vorteil, dass der Patient in der Regel deutlich schneller wieder „auf die Beine kommt“.

Ist jedoch das gesamte Gelenk von der fortgeschrittenen Arthrose befallen, muss auch der Gelenkersatz alle Anteile erreichen. In den weitaus meisten Fällen kann hier jedoch ein Oberflächenersatz, bildlich auch als Krone des Kniegelenkes bezeichnet - ähnlich wie bei einer Überkronung eines Zahnes, zum Einsatz kommen. Die Implantation eines vollständigen künstlichen Gelenkes ist eher die Ausnahme. Bei der Überkronung werden die defekten Knorpelanteile dünnwandig abgeschliffen und mit einem Metallkörper überkront. Der ehemalige Gelenkspalt aus Knorpel und Meniskus wird durch einen anatomisch korrekt geformten Kunststoffkörper ersetzt. Die wichtigen Seitenbänder des Kniegelenkes bleiben bei diesem Eingriff erhalten und es muss keine echte Gelenkführung zum Einsatz kommen. Der Vorteil ist ein sehr Knochensparendes Vorgehen und ein wesentlich naturgetreueres Gefühl des Gelenkes (Vermeidung eines Fremdkörpergefühls).

 

Hat die Arthrose jedoch auch schon zu Schädigung der Bänder geführt oder sind diese durch einen Unfall zerrissen, bleibt als letzte Option das achsgeführte Gelenk, also das komplette künstliche Gelenk zur Auswahl übrig. Auch diese Prothesenmodelle zeigen eine sehr gute Erfolgsquote und können den Patienten enorm viel Lebensqualität wiederbringen. Neben der Reduktion der Schmerzen erfolgt durch dieses Operationsverfahren gleichzeitig auch eine Stabilisierung des Gelenkes, was den Patienten wieder ein sicheres Gangbild ermöglicht.

Welches Verfahren letztlich zum Einsatz kommt, ist bei jedem Patienten im Einzelfall zu prüfen und individuell zu planen. Dies wird der erfahrene Kniechirurg mit dem Patienten im Detail besprechen und erst anhand sämtlicher Befunde eine entsprechende Empfehlung aussprechen.

Über den Autor

Dr. med. René Burchard
Dr. med. René Burchard

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