„Meine Wunde will einfach nicht heilen“

Chirurgischer Ratgeber:

Behandlung von chronischen Wunden und Wundheilungsstörungen

In Deutschland leben etwa 2,7 Millionen Menschen mit chronischen Wunden. Chronisch heißt, nicht Wunden nach einem kleinen oder größeren Unfall oder einer Operation, die 8-14 Tage benötigen, bis eine vollständige Wiederherstellung der Intaktheit vorliegt, chronisch bedeutet, wenn nicht innerhalb von acht oder 12 Wochen beziehungsweise drei Monaten durch regelrechte Reepithelisierung (gesunde Haut) die Wunde geheilt ist.

Wie entstehen chronische Wunden?

Die Wundheilung setzt sich aus einem mehrphasigen Komplex von „Helfern“ zusammen, in dem die physische, chemische, thermische und bakterielle Barrierefunktion der defekten Haut wiederhergestellt wird.

Der ungestörte Ablauf von ineinander übergehenden Phasen (Exsudationsphase, Granulations- oder Proliferationsphase, Epithelisierungsphase, Umbauphase) ist entscheidend für einen erfolgreichen Wundverschluss. Abweichungen oder Störfaktoren während einer jeder dieser Phasen können zu verzögerter oder gestörter Wundheilung und zur Entstehung von chronischen Wunden führen.

Welche Kranken sind gefährdet?

Es sind vor allem 3 Erkrankungen, die mit nicht heilen wollenden Wunden (Ulkus) die Betroffenen quälen: Dazu zählen die Zuckerkrankheit mit dem sogenannten diabetischen Fußsyndrom, das „offene Bein“ (arteriellen oder venösen Gefäßerkrankungen) und das „Offenliegen am Steiß“, der Dekubitus bei immobilen Patienten

Als Hauptursachen sind somit eine Mangeldurchblutung (periphere arterielle Verschlußkrankheit) oder Stoffwechselstörungen (diabetische Mikroangiopathie) oder die chronisch venöse Insuffizienz zu nennen.

Auch akute oder chronische Druckerhöhungen im Gewebe, beispielsweise durch Lymphödeme oder kardial bedingte periphere Ödeme, wirken sich negativ auf die Wundheilungsphasen aus, ebenso wie erhöhter Druck von außen.

Einen weiteren wichtigen Störfaktor stellen Infektionen dar, welche auch durch im Körper verbliebene Fremdkörper aufrechterhalten werden können.

Periphere Nervenschädigungen, beispielsweise eine Polyneuropathie, Bestrahlungsfolgen (Strahlenulcera) oder ein bösartiger Tumor sind weitere Ursachen (siehe Kasten).

Ursachen für chronische Wunden

Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)

Durchblutungsstörungen (arteriell, venös)

Mechanischer Druck (Dekubitus)

Schwaches Immunsystem

Großflächige Gewebezerstörungen bei Unfallverletzten

„Wassereinlagerungen“ bei Lymphödemen

Hautkrebs und Abwehrschwäche bei Krebserkrankungen

Immunschwäche bei schweren Systemerkrankungen

Strahlenulkus

Systemische Ursachen (Vaskulitis, dermatologische Erkrankungen,

psychische Störungen u. w. seltenere Ursachen)

 

Welche Behandlungsorganisation steht zur Verfügung?

Die Wundbehandlung gehört seit alters her zum „Kerngeschäft“ der Chirurgie. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 50 Jahre haben die Strategie der Wundbehandlung zu einem komplexen und umfangreichen Aufgabenfeld entwickelt. In jedem Teilgebiet der Chirurgie, vor allem Allgemeinchirurgie, Gefäßchirurgie, plastische Chirurgie und Orthopädie/Unfallchirurgie sollte eine differenzierte Behandlung von Problemwunden gewährleistet sein. Die gezielte Mitbehandlung durch die Fachgebiete Innere Medizin und Diabetologie, Dermatologie, Onkologie und viele weitere, auch für seltenere Einzelfälle, sind heute selbstverständlich.

Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit engagiert sich vorbildlich in der Versorgung des diabetischen Fußes. Darüber hinaus erfordert die Wundbehandlung eine enge interprofessionelle Zusammenarbeit in erster Linie mit in der Wundversorgung spezialisierten Pflegekräften, aber zum Beispiel auch Krankengymnasten, Orthopädietechnikern und anderen Berufsgruppen.

Diese umfangreiche Behandlung wird in „Wundzentren“ angeboten, die über die behandelnden Ärzte empfohlen werden und im Internet unkompliziert aufgerufen werden können.

Welche Behandlungskonzepte spielen die Hauptrolle?

Lokalbehandlung:

Die sogenannte „feuchte Wundbehandlung“ hat sich zum Meilenstein der Wundbehandlung entwickelt, sie fördert die Inflammations-, Granulations- und Regenerationsphase, sowie die Verhinderung einer überschießenden entzündlichen Situation.

Die chirurgische Entfernung aller die Wundheilung behindernden Gewebeanteile durch radikale Entfernung derselben (Debridement) und der Beseitigung der auslösenden Infekt-Ursache (beispielsweise eines infizierten Fremdkörpers, einer Knochenhautentzündung o. ä.) sowie bei den gesamtkörperlichen Reaktionen der Einsatz einer gezielten Antibiose.

Zum Einsatz kommen bei der „feuchten Wundbehandlung“ enzymatische Produkte, Wundspüllösungen, antiseptische Wundauflagen, die Vakuum- oder negative Druck-Wundtherapie, der Einsatz von biologischen Helfern wie Maden, äußerlich und örtlich anwendbare Antiinfektiva (Antiseptika) oder eine örtliche Therapie mit Bacteriophagen.

Systemische Behandlung:

Die Verbesserung der Durchblutung ist das Ziel der systemischen Behandlung. Dies geschieht durch gefäßerweiternde Techniken die angiologisch, radiologisch-interventionelle oder gefäßchirurgisch erreicht werden können. Bei peripheren Ödemen sind die Entstauungstherapie, Lymphdrainagen sowie Kompressionstherapie anwendbar.

Kompliziertere Behandlungen können CO2-Bäder oder eine hyperbare Sauerstofftherapie einbeziehen.

Die Einstellung des Blutzuckers bei betroffenen Diabetikern ist eine der wichtigsten Aufgaben.

Die „Lagerungstechnik“ für den Dekubitus gehört zu den Grundkenntnissen und wird standardisiert angewendet.

Kann man selbst mithelfen, eine Wundentstehung zu verhindern?

Es sind scheinbar einfache Empfehlungen: Der Fuß soll immer „trocken und warm“ sein, saugfähige Socken sollten täglich gewechselt werden. Der Schuh darf nicht „drücken“, das Fußbett muss mit Einlagen oder Spezialschuh entlastet sein. Die Fußpflege darf keine „Bagatellverletzungen“ erzeugen. Schon kleinste Veränderungen müssen sofort eine Behandlung auslösen. Rauchen ist „Gift“ für jede Durchblutungsstörung! Die bewusste Ernährung und Gesunderhaltung wirkt vorbeugend. Bewegung fördert die Durchblutung. Die Selbstkontrolle des Blutzuckers, des Blutdruckes und des Körpergewichtes sollte kein Problem sein. Weitere Empfehlungen, wie sie für die Verhinderung von Druckstellen durch „Aufliegen“ möglich sind, kann Ihnen Ihr Hausarzt vermitteln.

Vorbeugen ist besser als Heilen!

 

Über den Autor

Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold
Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold

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