Kinder und Jugendliche in den Klauen der „Coronaseuche“

Wie verändert CoV-2 ihr Leben?

Die weltweite bisher bei Menschen unbekannte Virusinfektion hat unsere Gesellschaft medizinisch und psychosozial, wirtschaftlich wie organisatorisch und multimedial rund um die Uhr seit mehr als einem Jahr in beängstigendem Würgegriff. Das Coronavirus macht mit gefährlich genveränderten Mutationen vor keiner Altersgruppe halt. Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche werden wie Erwachsene infiziert und können damit selbst Überträger der Krankheit sein

Eine britische Studie aus einer Stadt in Sambia fand bei der systematischen Untersuchung aller Verstorbenen eines Monats, dass 19 % der Erwachsenen und 10% der Kinder Corona positiv waren.

Infektionen verlaufen in den jungen Altersgruppen oft mit keinen oder nur leichten grippalen Symptomen. Die bislang sehr seltenen Todesfälle stehen- auch im Einzugsbereich unserer großen Unikliniken -nahezu immer in direktem Zusammenhang mit schweren, teils angeborenen Vorerkrankungen: Organmissbildungen, Herz- und Lungenleiden, Malignome neurologische Defekte oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Immunschwäche. Covid-19 zwingt Virologen, Immunologen und Intensivmediziner schnell und kompetent ihren aktuellsten Wissenstand in konkrete präventive Strategien und Therapien umzusetzen. Das kann nur mit kompetenter Unterstützung von Politik, Verwaltungen und breitester Akzeptanz der Bevölkerung gelingen.

Alle vorbeugend bewährten Schutzmaßnahmen sind auch im Kindesalter unverzichtbar. Sie müssen jeweils altersentsprechend immer wieder liebevoll angemahnt werden.

 

A H A+L

Abstand voneinander halten,

Hygiene samt Händedesinfektion und Niesen in die Ellenbeuge

Atemschutz mittels chirurgischer oder FFP2 Mund-Nasen Maske

Lüften regelmäßig und lange und/oder durch Luftreinigergeräte

 

Corona Testungen zum direkten Virusnachweis oder einer bereits bestehenden Immunität sind auch in der Pädiatrie Teil der Prävention. In Deutschland leider erst spät und nicht konsequent genug eingesetzt, informieren sie flächendeckend und gezielt in Familie, Kita, Schule oder bei Veranstaltungen aller Art über den aktuellen Infektionsstatus für nur einen Tag und gefährliche „Hotspots“. Sie ermöglichen in vielen Lebensbereichen den lang ersehnten Lockdown. Ab März sind erschwingliche Schnelltestkits als unkomplizierter Rachen/Speicheltest in ausreichender Menge frei erhältlich.

Die Offizielle Corona Warn App ist in der aktuellen Smartphoneversion nicht sehr effektiv, um Infektionsherde und -ketten früh erfassen und damit unterbrechen zu können. Eine Nachbesserung ist längst über fällig.

Impfstoffe gegen Covid-19 sind nicht nur aus ethischen Gründen bis auf wenige Präparate erst ab dem 18. Lebensjahr zugelassen. Möglichst früher Impfschutz ist aber sowohl für den Aufbau einer Herdenimmunität als auch zum Eigen/Familienschutz unverzichtbar. Unsere Impfstoffe sind von der STIKO und EU zugelassen, es besteht große Aussicht, dass die Altersbegrenzung für Kinder in nächster Zeit schrittweise wegen guter Verträglichkeit und Wirksamkeit aufgehoben werden kann.

Quarantänebedingungen zeigen häufig belastende Nebenwirkung

Erhebliche körperliche, geistig- seelische und psychosoziale Folgen einer strengen Isolation im Lockdown wurden für unsere Kinder und Jugendlichen bis vor wenigen Monaten in ihrer individuell unheilvollen Konsequenz „amtlicherseits“ nicht immer angemessen wahrgenommen und gewürdigt. Expertenwarnungen vor Gesundheitsschäden eines lang andauernden Sozialkontaktentzugs wurden – wie nicht selten beim Thema „Kindeswohl“ – eher verdrängt. Natürlich spielen Familiensituation mit enger Wohnung, berufliche Doppelbelastung, Geldsorgen und Psychostress, Homeoffice und medialer Fernunterricht ebenso eine Rolle, wie fehlende Lebensqualität durch Reduktion bis Entzug von Freizeit, Sport, Freundschaft, Hobby oder Ferien. Vertraute lebenswichtige Sozialkontakte entfallen abrupt mit dem Schließen von Kita, Schule, Spielplatz oder Verein. Ein „entpersonalisiertes“ digitales Studium oder Sorgen um Zukunft und Berufsausbildung machen krank. Kinder aus fremden Kulturkreisen leiden nicht nur wegen der Sprache deutlich schwerer unter Isolation. Alle Lebensbereiche sind essentiell betroffen. Kinder verdienen besondere Beachtung schwindender Lebensqualität durch uns Erwachsene, da sie die häufig wechselnden offiziellen Quarantänebeschränkungen weder verstehen noch dauerhaft akzeptieren können. Mittlerweile gibt es weltweit zu allen Problemfeldern der Pandemie gut belegte Studien mit vergleichbar erschreckenden Ergebnissen. Erhebliche Gewichtszunahme: -Essen zu viel zu süß zu fett! Zunehmende Myopie (Kurzsichtigkeit) beobachten Augenärzte bei exzessiver naher Bildschirmnutzung. Mangelnde Fitness durch unzureichende Bewegung in der frischen Luft ohne Schul-/Vereinssport ohne Spieletreff, kein Fitnessstudio, keine Peer Group Aktivitäten, kein Fitnessstudio. Insgesamt also wenig Abwechslung, Langeweile und Einsamkeit kombiniert mit vielstündigem Medien und „Influencer“ Konsum. Nicht nur digital technische Probleme beim Heimunterricht führen zu Interessensverlust, Zukunftsängsten, Schlafstörungen sowie sozialem Rückzug. „Ich bin nichts mehr wert!“. Suizidale Gedanken und Taten nehmen in der Pubertät ebenso zu, wie Zwangshandlungen mit Nägelkauen, Waschtic oder Phobien. Häufig verstärkt sich in der Quarantäne die Symptomatik bereits bestehender psychischer Erkrankungen wie ADHS, Autismus, Asperger-Syndrom oder Depression. Experten verzeichnen deutliche Rückstände sowohl der motorischen als auch geistig emotional psychischen Verfassung unserer Kinder. Eltern sind in der Pandemie mit strengem Lockdown zusätzlich gefordert, oft auch überfordert, ihre Sprösslinge in deren Entwicklung und Verhalten zu beobachten und gezielt zu unterstützen. Nur allzu verständlich führt die unfreiwillige Vereinsamung auch bei Kindern und gerade in der hochaktivsensiblen Pubertät auch zu vermehrter Aggression - ganz wie bei uns Erwachsenen mit steigender häuslicher Gewalt und Trennungsrate. In dieser schweren Zeit braucht es die verständnisvoll führende Hand der Eltern und Großeltern.

Häusliche Gewaltzunahme registrieren Ärzte und Psychologen, Kliniken und Jugendämter in beängstigendem Ausmaß + 15 % im Vergleich zu Vorjahren durch Demütigung, Vernachlässigung, subtile und brutale Gewalt aller Art auch sexualisierte Delikte. Jugendämter berichten bundesweit über eine erhebliche Zunahme -um30% staatlicher Inobhutnahme schwerstgefährdeter Kinder bei einer hohen Dunkelziffer deutlich mehr Notfallrufe überforderter Eltern und Betreuer als vor der Pandemie. Eine den Beschwerden angemessene komplexe kinderpsychiatrisch/psychologische Therapie ist kaum mehr möglich- geschweige denn als Langzeitbehandlung. Alle arbeiten am Limit!

Quarantäne als Problemfeld für Kindertagesstätte und Schule

Mittlerweile besteht Einigkeit, dass es für eine strenge Quarantäne keine Berechtigung gibt. Strenge Isolation verletzt die Seele und stört die geistige und soziale Entwicklung des Kindes. Wir haben als hoch entwickelte Nation alle Möglichkeiten, sowohl digital durch Fernunterricht oder Konferenzschaltungen als auch räumlich, finanziell und personell die Pandemie zu meistern. Die Ausstattung mit altersgerechten Materialien und elektronischen Geräten und elektronischen Lernprogrammen sollte eigentlich schon seit vielen Jahren selbstverständlicher Standard sein – ist es jedoch nicht flächendeckend. Ungezählte Richtlinien ließen auch viele engagierte Pädagogen vor Ort im Stich. Erst seit März gibt es erstmalig Pandemie S3- Leitlinien für Pädagogen und Fachverbände: Schulen bleiben geöffnet. AHA+L Regeln gelten für alle überall. Vorrangig Präsenzunterricht möglichst in kleinen Gruppen oder Wechselunterricht Dringlicher Ausbau digitaler und online Beschulung sowie Pflichtausbildung aller Lehrkräfte. Kontinuierliche Information über das Pandemiegeschehen, Sport und Musik grundsätzlich möglich. Regelmäßiges Testen und sobald verfügbar Impfen. Alle Umfragen zeigen, dass sich der Nachwuchs auf ein Wiedersehen in ihrer Kita, Schule und Studium herbeisehnt - Enttäuschen wir sie nicht!

Kinderärztliche Versorgungsdefizite: Schwer wiegende Folgen einer elterlichen Infektionsangst bei einem Arztbesuch ist eine alarmierend unzureichende Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen(U3-J2) und eines vollständigen Impfschutzes - insbesondere der Grundimmunisierung gemäß STIKO konformem Impfkalender. In Pandemiezeiten kommt es immer wieder unverantwortlicher Weise zu teils lebensbedrohlicher Verschleppung von notwendigen Operationen, Unfallbehandlungen oder Kontrollen bei chronischen Erkrankungen in allen Altersstufen.

Gefährdete Solidarität. Querdenker, Fake News=Lügen und Corona Leugner untergraben bewusst das Vertrauen in unsere Experten, Politiker und die gesamte Gesellschaft. Sie gefährden damit den Erfolg im für alle mühsamen Kampf gegen Covid-19., das auf lange Zeit unser Leben bedrohen wird -wie Masern oder Aids. Eine Pandemie kann nur mit bester Medizin und gesellschaftlicher Solidarität und Kooperation – auch mit allen ärmeren Ländern – besiegt werden.

 

Weitere Information:

Jugendamt jugendhilfe@lahn-dill-kreis.de

Kinder+-Jugendpsychiatrieklinik: ambulanz-kjp.herborn@vitos-herborn.de

„Ständige Impfkommission“ als Bundesbehörde: rki.de

Infoportal für Kinder, Jugendliche und Eltern: www.corona-und-du.info

BZGA zur Beratung Medien- und Internetnutzung: www.ins Netz gehen.de

Kinderschutzbund Telefon: „Nummer gegen Kummer“0800110550

 

Über den Autor

Dr. med. Josef Geisz
Dr. med. Josef Geisz
Kinder-Jugendarzt/Allergologie, Wetzlar

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