Erkennen - Behandeln - und – Vorbeugen

Lebensbedrohende Notfälle im Säuglings- und Kindesalte

„Ich habe nie geglaubt, dass mein kleines Baby sich schon so lebhaft heftig bewegen und dann vom Wickeltisch fallen kann . . .“

Akute Notfälle bei Kindern bringen alle Beteiligte völlig unerwartet in eine extrem emotionale und medizinisch höchst verantwortungsvolle Situation. Richtige Entscheidungen müssen schnell und kompetent getroffen werden. In der Notfallstatistik sind vital gefährdete Säuglinge und Kinder mit einem Anteil von weniger als 3 % eher selten, aber gerade deshalb sollte jeder Erwachsene - nicht nur Eltern, Großeltern und Betreuer - sich seiner vielleicht lebensrettenden Hilfe durch Erstversorgung und bei der Unterstützung professioneller Helfer seien es Notärzte oder Rettungssanitäter bewusst sein.

Was sind die häufigsten Ursachen und Symptome einer vitalen Bedrohung?

Der vollständige Bewusstseinsverlust - aber auch schon eine deutlich beeinträchtigte Ansprechbarkeit oder fehlende körperliche Reaktion auf Schmerzreize sind immer allerhöchste Alarmzeichen und erfordern sofortigen Arztnotruf -bundesweit 112!

In der Häufigkeit stehen schwere Schädelhirnverletzungen: Sturz auf der unsicheren Treppe ohne Geländer, aus fahrlässig offenem Wohnungsfenster, auf dem Spielplatz von der Schaukel, als Auto/Fahrradunfall ohne altersgerechten Kindersitz oder Fahrradhelm aber auch schwer kriminelle Kindesmisshandlungen an vorderster Stelle Ertrinken ist für Säuglings und Kleinstkinder unbeaufsichtigt selbst in der Badewanne möglich und wie alle Jahre wieder zur Sommerzeit der ungesicherte Gartenteich , die Regentonne oder das Baden im offenen Gewässer. Jedes Kind muss so früh wie möglich schwimmen lernen – insbesondere nach der Schwimmbad- und - sportfreien „Coronazeit“. Vorsicht bissiger Hund! Babys und Kleinkinder sollten nie ohne Aufsicht mit einem noch so „gutmütigem Hausfreund“ alleine gelassen werden! In einen lebensbedrohlichen Schockzustand führen oft schwere Verbrennungen an Herd, Grill und Lagerfeuer. Flüssige Brandbeschleuniger sind in der Nähe spielender Kinder verboten; Wassereimer, Feuerlöscher oder eine Löschdecke in greifbare Nähe

Unverzichtbare Brandvorsorge im Haus sind Feuermelder zumindest in jede Küche und Kinderzimmer. Verbrühungen durch unkontrolliert heißes Bad, Teetasse oder neugierig vom Herd gezogene Kochtöpfe führen immer wieder bei großer und tiefer Wundfläche durch Kreislaufschock, Nierenversagen, Hirnödem und Infektion/Sepsis zum Tode. Frühzeitig Notarzt anfordern, da oft stationäre Intensivbehandlung erforderlich ist. Verätzung von Haut und Speiseröhre durch fahrlässig in der Wohnung umherstehende meist hochkonzentrierte Haushaltsreinigungsmittel aller Art. Vergiftungen durch Hauschemikalien. Alkohol - in bunt verlockender Verpackung -ist ebenso eine große Gefahr wie schöne, giftige Pflanzen im häuslichen Garten und freiem Feld: Goldregen, Efeu, Thuja, Kirschlorbeerfrüchte oder Giftpilze.

Verschlucken und Ersticken bei starkem Hustenreiz, Atemnot, Kreislaufversagen Erstmaßnahmen: Kind am Bauch mit Kopf nach unten halten, mit der flachen Hand fest zwischen die Schulterblätter klopfen, Bauch ruckartig zusammenziehen „Heimlich Handgriff“. Eigene Reanimation – Notarzt! Große Verätzungsgefahr bei Knopfzellbatterien oder Minimalmagneten!

Ein Elektrounfall durch Stromschlag wegen fehlendem Steckdosenschutz oder ungesicherter Leitung kann ebenso lebensgefährlich sein, wie ein Hitzschlag nach exzessivem Sonnenbaden ohne Kopfschutz und Sonnencreme oder. Erfrieren nach Eiseinbruch auf dem See- lange Reanimation oft erfolgreich. Epileptische Anfälle, die immer zu akutem Bewusstseinsverlust führen, treten im Kleinkindalter häufig als einfacher oder komplizierter tonisch -klonischer, selten mehr als 15 Minuten dauernder „Fieberkrampf“ im Zusammenhang eines akuten Infektes bei mehr als 38° C auf. Sie bedürfen sofortiger Erstmaßnahmen zur stabilen Lagerung und bei längerer Dauer krampflösender Medikamente. Eine Sepsis (Blutvergiftung) als Folge einer massiven Infektion mit Bakterien oder Pilzen ist bei Neugeborenen und kleinen Säuglingen die häufigste Todesursache mit dramatischen Symptomen wie sehr hohes Fieber, Herzrasen, schnelle Atmung und fahlblasse Haut. Diverse Stoffwechselerkrankungen können bei Erstmanifestation, akuter Entgleisung oder unregelmäßiger Behandlung zum Bewusstseinsverlust führen. So auch beim Kinder- und Jugenddiabetes, der sowohl durch Unterzuckerung (Hypoglykämie) wie Überzuckerung (Hyperglykämie) im diabetischen Koma – unbehandelt zum Tode führt.

Akutes Herz-Kreislaufversagen als lebensgefährliche Notsituation

Das Versagen des Blutkreislaufes ist durch den plötzlichen und anhaltenden Sauerstoffmangel des Gehirnes und aller lebenswichtigen Organe die Hauptursache für einen Schock mit fatalen Folgen, wenn nicht innerhalb weniger Minuten gezielte Reanimationsmaßmaßnahmen= Atemspende und Herzmassage eingeleitet werden. Angeborene Herzfehler oder auch schon im frühen Alter z.B. durch Herzmuskelentzündung erworbene Herzschwäche können bei akuter Verschlechterung ebenso schnell zur Lebensbedrohung werden wie eine schwere Magen-Darm-Infektion mit häufigem Erbrechen und Durchfall, die besonders bei Säuglingen und Kleinkindern schnell zu einer Exsikkose (Austrocknen durch Flüssigkeitsmangel) führt.

Atemnot mit und ohne Husten

Asthmaanfälle, Bronchiolitis beim Säugling oder Pseudokrupp (Akute Luftröhrenverengung) im Zusammenhang mit einem Virusinfekt, sind oft Ursachen dramatischer Notfälle. Falls die vorhandenen Medikamente keine Besserung der Atemnot mit Giemen, Pfeifen, Bellen, schnelle Keuchatmung und Pulsrasen keine schnelle Besserung zeigen – Notarzt anrufen.

Jedes Asthmakind sollte mit den Eltern möglichst frühzeitig an einem speziellen „Asthmaschulungskurs“ teilnehmen, um ausführlich über die richtige Versorgung für den immer möglichen Ernstfall gerüstet zu sein. Info z.B. z.B. Unikinderklinik Gießen.

Anaphylaxie = akuter allergischer Schock

Durch hochgradige Unverträglichkeit bedingte Reaktion des Immunsystems, die zum Zusammenbruch des Herz-Kreislaufsystems über Bewusstseinsverlust bis zum Tod führen kann. Häufigste Ursachen sind Insektenstiche (Biene, Wespe), Nahrungsmittel-unverträglichkeit oft mit „Kreuzreaktion“ bei Pollenallergie (Nüsse, Äpfel, Gewürze, Karotten u.a.), Tierhaare, Medikamente. Bei bekannter schwerer Allergie sollte immer ein Notfallset mit Adrenalin Injektor, Asthmaspray, Cortison und Antihistaminika griffbereit sein.

Was kann jeder Laie in lebensbedrohenden Situationen leisten?

Ruhe und Übersicht bewahren und auf Anwesende ausstrahlen!

Unverzüglich Rettungsdienst (Notarzt und/oder Sanitäter) mit kurzen, klaren Sätzen zur Situation anfordern oder Zweithelfer dazu auffordern und sich selbst um Patient kümmern -.

Erste Hilfe: Kranke Kinder nie alleine lassen, situationsgerechte stabile Seitenlagerung Bei Atem/Herzstillstand sofortige Reanimation mit Mund zu Mund Beatmung und Herzdruckmassage am unteren Brustbein im Wechsel:15xThoraxkompressoin ohne Pause 2x Beatmen -100/Minute bis zur Beobachtung einer selbstständigen Atmung des Kindes.

Wie kann ich das Rettungspersonal vor Ort am besten unterstützen?

Durch Einwinken eines freien Parkraumes für das Rettungsfahrzeug.

„Arbeitsraum“ für Nothelfer freihalten. Gezielte Informationen zur Vorgeschichte des Geschehens samt Zeitablauf und bisher durchgeführte Maßnahmen – insbesondere verabreichte Medikamente. Die Versorgung schwerstkranker Kinder erfordert immer großes psychosoziales Einfühlungsvermögen sowie schnelles und sicheres Handeln in möglichst ruhiger Umgebung. Die Entscheidung ob, wann, wohin und womit eine Krankenhausaufnahme erforderlich ist -eventuell auch mit einem Rettungshubschrauber – trifft der verantwortliche Notarzt. Schwerkranke, lebensbedrohte Kinder sollen grundsätzlich in eine Kinderklinik mit pädiatrischer Intensivstation eingewiesen werden -Ausnahme wäre eine Spezialklinik für Schwerverbrannte oder bei hohem Blutverlust oder Polytrauma die nächste Klinik zur Sofortversorgung.

„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht“

Grundsätzlich alles im Kopf und Auge behalten, was Kinder vom Säugling bis zur Pubertät in Gefahr bringen kann. Kinder spielen und verhalten allermeist spontan emotional, kennen kaum Gefahr und sind immer neugierig. Sie lernen gerne durch Vorbildverhalten und Alters gemäß, liebevolle Anleitung. Eine abschließbare, aktuelle Notfallapotheke sollte an einem kühlen, trockenen Ort regelmäßig auf Inhalt und Verfallsdatum überprüft werden.

Es lohnt sich, einen Termin zu einem nächsten Erste Hilfe Kurs für sich selbst und speziell für Kinder bei einem Sanitätsrettungsdienst vor Ort auszumachen.

Ein Schwimmkurs sollte – insbesondere nach der „Schwimmbadlosen Coronapandemie“ und für warme Sonnentage auf dem Sicherheitsprogramm stehen. Fahrradtrainingskurse sind bei deutlich zunehmenden Straßenunfällen dringend zu empfehlen

Eine frühe altersgerechte Aufklärung und Mahnung sollte eine Selbstverständlichkeit für Eltern und Großeltern sein. Erwachsene müssen sich ihre Vorbild -und aktiver Schutzfunktion für Kinder in allen Lebensbereichen immer bewusst sein.

Notfallapotheke in kühl, trockenem und verschließbaren Schränkchen

Verbandmaterial: Heft- und Wundpflaster Mullbinden, sterile Kompressen verschiedener Größe,

Medikamente: Fieber- und- Schmerzmittel, Wunddesinfektionsmittel,

Hilfsmittel: Fieberthermometer (digital), Schere, Splitterpinzette, Zeckenzange oder -Karte, Sicherheitsnadeln, Dreieckstuch, sterile Einmalhandschuhe,

Desinfektionslösung/Spray Medikamente: Fiebersenkende und schmerzlindernde Zäpfchen, Tabl. Oder Säfte, Hustenmittel, Kohletabletten Gegen Durchfall Elektrolyt tbl., Tbl. Gegen Bauchschmerzen und Erbrechen.

Regelmäßig Vollständigkeit und Verfallszeiten kontrollieren

Dieser Artikel konnte nur einen Überblick und einige gezielte Hinweise zur pädiatrischer Unfallversorgung geben, weitere detaillierte Beiträge sind in Zukunft geplant.

Weitere Information erhalten Sie unter:

Bundesweiter Notfallruf: 112

Vergiftungszentrale Mainz: 06131 192418

„Ständige Impfkommission“ beim Gesundheitsministerium „rki.de“

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung www.kindergesundheit-info.de

Kinderaerzte-im-netz.de

Über den Autor

Dr. med. Josef Geisz
Dr. med. Josef Geisz
Kinder-Jugendarzt/Allergologie, Wetzlar

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