Tabakentwöhnung

Deutschland hat im Vergleich mit anderen Industrienationen eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Raucherinnen und Rauchern. Gleichzeitig sind die Anstrengungen zur Verhinderung und Therapie der Tabakabhängigkeit unterentwickelt. Obwohl die Mehrzahl der Raucher das Rauchen beenden will, sind die Erfolgsraten unbefriedigend. Ein Fünftel der Raucher versucht jährlich, das Rauchen zu beenden. Davon nehmen nur 13 % effektive Methoden wie Nikotinersatztherapien, ärztliche Kurzberatungen oder Medikamente in Anspruch.

Motivierende Gespräche zur Tabakentwöhnung können kurz sein und trotzdem die Erfolgsraten stark erhöhen. Wichtig ist dabei, dass die Raucher aktiv an ein professionelles Tabakentwöhnungs-programm vermittelt werden. Zur pharmakologischen Unterstützung bei der Tabakentwöhnung stehen insbesondere die Nikotinersatztherapie und Vareniclin (Champix®) zur Verfügung. Im Moment werden die Kosten hierfür von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland nicht übernommen.

Die Nikotinersatztherapie ist wirksam und erhöht die Abstinenzrate um etwa das 1.6-fache. Durch die Kombination von Pflastern und schnell wirkenden Verabreichungsformen wie Nikotin-Mundspray, Kaugummi oder Lutschtabletten erhöht sich die Abstinenzrate weiter auf etwa das 2-fache. Noch effektiver als eine Nikotinersatztherapie ist Vareniclin. Eine pharmakologische Therapie sollte mindestens 8 Wochen durchgeführt werden, um einem Rückfall vorzubeugen.

Die Kombination von Gesprächen und Pharmakotherapie erhöht die Effektivität der Tabakentwöhnung um das 5-fache. Entsprechend zeigen alle wirtschaftlichen Analysen, dass die Tabakentwöhnung eine der kosteneffektivsten Maßnahmen der Medizin ist.

Eine Tabakentwöhnung ist bei Patienten mit Durchblutungsstörungen des Herzens effektiver als eine Therapie mit cholesterinsenkenden Medikamenten (Statine). Bei Patienten mit chronisch obstruktiver Atemwegserkrankung (COPD) bessert sich die Lungenfunktion innerhalb des ersten Jahres nach dem Rauchstopp und fällt in den Folgejahren nur halb so schnell wie bei Rauchern ab. Je jünger der Raucher zum Zeitpunkt des Rauchstopps ist, desto größer ist dabei der Effekt auf die Lungenfunktion. Auch Patienten mit Lungenkrebs profitieren zu jedem Zeitpunkt der Therapie und Stadien-unabhängig von der Tabakentwöhnung. Weitere tabakassoziierte Erkrankungen, bei denen die Effektivität der Tabakentwöhnung abgesichert ist, sind u.a. Patienten mit Diabetes mellitus und Patienten, bei denen eine Operation geplant wird.

Rauchen ist ein erheblicher Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Corona-Infektion. Die Sterblichkeit ist um 39 % erhöht. Diese Befunde sind plausibel, denn auch bei anderen respiratorischen Infektionen wie Lungenentzündung, Influenza oder Tuberkulose ist Rauchen ein wesentlicher Risikofaktor.

Auch von E-Zigaretten geht ein erhebliches Risiko aus. Die Diagnose einer COVID-19-Erkrankung wird 5-mal häufiger bei E-Zigaretten-Konsum gestellt. Beim Erhitzen des E-Liquids werden u.a. giftige und krebserzeugende Stoffe freigesetzt und inhaliert. Einige Schadstoffkonzentrationen sind im Vergleich zu Tabakrauch geringer. Wegen der komplexen Interaktion mit dem menschlichen Organismus kann daraus allein aber nicht auf geringere gesundheitliche Risiken geschlossen werden. Einzelne toxische Produkte sind in den E-Zigaretten sogar höher als in konventionellen Zigaretten. Neuere Untersuchungen belegen gesundheitsschädliche Effekte für die Lunge, das Herzkreislauf-System und das Immunsystem.

Die E-Zigarette ist bei der Tabakentwöhnung wirksamer als Nikotinersatzprodukte. Problematisch ist aber, dass die Mehrheit nach der Entwöhnungstherapie den E-Zigaretten-Konsum nicht beendet, also weiter nikotinabhängig ist. Dies könnte die Rückfallgefahr steigern. Als Folge der fortgesetzten Nikotinabhängigkeit rauchen viele E-Zigaretten-Konsumenten nebenher weiter Tabak.

Über den Autor

Prof. Dr. med. Martin Brück
Prof. Dr. med. Martin Brück
Chefarzt der Medizinischen Klinik I
Klinikum Wetzlar

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