Suchtmittel: psychotrope Medikamente

 

Darstellung der suchtmittelbezogenen Verbrauchsdaten in der Bevölkerung –

Teil 3 psychotrope Medikamente

Zu den so genannten psychotropen Medikamenten gehören Medikamente, die unsere Befindlichkeit verändern.

Da wären an erster Stelle grundsätzlich die Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Angst reduzierende Mittel, Aufputschmittel und im weiteren Sinne auch Schmerzmittel zu nennen.

 

Grundsätzlich können wir froh sein, dass es mittlerweile Medikamente gibt, die uns in schweren körperlichen und psychischen Krisen helfen ohne, dass sie zu viele Nebenwirkungen haben.

Zu beachten ist jedoch, dass diese Medikamente jeweils nur für die entsprechende Erkrankung, in der jeweils angemessenen Dosis und vor allem für die jeweils angemessene Zeit verschrieben werden. Als grundsätzlich großes Problem hat sich in diesem Zusammenhang herausgestellt, dass, solange wir noch keine Gesundheitskarte haben, Patientinnen und Patienten im Sinne eines „Ärztehopping“ von einem zum anderen Arzt gehen und sich, ohne dass die Kollegen etwas davon wissen, Medikamente in nicht mehr medizinisch vertretbarem Rahmen verschreiben lassen.

 

Auch heute noch konsumieren Frauen über 50 Jahre pro Kopf rund 60 % mehr Verordnungen vor allem von Tranquilizern, Antidepressiva und Hypnotika als Männer. Diese Mittel, die häufig wegen Ängsten, Unruhezuständen und Entwertungsgefühlen gegeben werden, sind, gerade bei älteren Menschen, nicht unproblematisch, da sie häufig zu unerwünschten Ereignissen wie Stürzen mit der Folge von gravierenden Knochenbrüchen und daraus bedingter Pflegebedürftigkeit führen.

Insgesamt gesehen hat die Verordnung von so genannten Benzodiazepinen oder chemisch ähnlichen Präparaten wie den sogenannten Z-Medikamente wie Zolpidem oder Zoplicon in den letzten Jahren zwar abgenommen, aber gerade diejenigen, die die Präparate einnehmen, praktizieren dies in einer mitunter gefährlich hohen Dosis und über einen erschreckend langen Zeitraum.

Für junge Menschen ist ein zurzeit in der Rapper Szene gebräuchlicher Benzodiazepin-Tranquilizer Mix mit dem Namen Xanax, welcher dann mit Codein haltigem Hustensaft und Limonade gemischt wird und ein hohes Abhängigkeitspotenzial hat, „in“.

Besondere Beobachtung erfährt in den letzten Jahren die Verordnung von Schmerzmitteln. Während wir in den USA eine extrem starke Verbreitung von Opioid-haltigen Schmerzmitteln verschrieben wurden (2017 wurde deshalb sogar der Nationale Notstand ausgerufen), wurde in Deutschland frühzeitig auf die damit verbundenen Risiken aufmerksam gemacht. Dies hat dazu geführt, dass zwar auch bei uns der Anteil dieser verschreibungspflichtigen Medikamente zugenommen hat, jedoch die Abgrenzung vorwiegend in dem Bereich der tumorinduzierten Schmerztherapie erfolgt. Aufhorchen lässt jedoch, dass in einer bundesweiten Befragung 2018 zum Teil über 60 % der Frauen angaben in den letzten 30 Tagen Schmerzmittel genommen zu haben (Menstruationsbeschwerden?) und bei den Männern immerhin auch über 40 % (kennen die weiblichen Beschwerden nicht)! Bei der mindestens wöchentlichen Nutzung waren es noch über 20%. (Epidemiologischer Suchtsurvey 2018)

In einem am 6. Juni diesen Jahres veröffentlichten Forschungsprojekts, welches durch die Bundesregierung gefördert und vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg koordiniert wurde, kommt man jedoch zu der abschließenden Beurteilung, dass man vor allem noch einmal die Verschreibung von Opioid-haltigen Schmerzmitteln bei Nicht-Tumorpatienten kritisch hinterfragen sollte und, dass der über die Jahre hinweg starke Anstieg der Verschreibung von Antidepressiva intensiv untersucht werden sollte.

Obwohl das Suchtpotenzial von Antidepressiva in Fachkreisen noch sehr konträr diskutiert wird, sollten alternative Behandlungsmöglichkeiten bei Menschen mit psychischen Belastungssymptomen in Zukunft einen größeren Stellenwert einnehmen. In der schon oben zitierten deutschlandweiten Untersuchung gaben immerhin zwischen 4 und 8 % der Frauen an täglich Antidepressiva zu nehmen. Es gibt viele Hinweise darauf, dass entsprechende Gesprächstherapien zum Teil in Verbindung mit körperlicher Betätigung ähnlich gute, wenn nicht gar bessere Erfolge erzielen.

Abschließend möchte ich dafür sensibilisieren, dass unter den 20 absatzstärksten Arzneimitteln im Jahre 2018 acht Schmerzmittel und vier Mittel gegen Schnupfen waren. Gerade die Schnupfenmittel bergen die Gefahr, dass sie bei einer Nutzung von mehr als sieben Tagen zu einer Gewöhnung der Nasenschleimhaut und letztendlich eine Abhängigkeit führen. Dies klingt zwar relativ harmlos, davon los zu kommen ist es allerdings nicht (stellen Sie sich bitte einmal vor, dass sie ohne ein Schnupfenmittel zur Hand zu haben nicht in der Lage wären auch nur ein bisschen durch die Nase zu atmen, das geht auf die Dauer einfach nicht - leidvolle eigene Erfahrung des Verfassers - heute aber überwunden!)

Weitere Daten und Informationen finden Sie z.B. unter: Jahrbuch Sucht 2020, DHS

Über den Autor

Dr. Thomas Klein
Dr. Thomas Klein
Dr. Thomas Klein
Stellv. Geschäftsführer Fachverband Sucht e.V. Bonn

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Aktuelle Ausgabe07.10.