Einfluss der Adipositas auf die weibliche Fruchtbarkeit

Der Ernährungszustand eines Menschen hat entscheidenden Einfluss auf die Entstehung und auch Ausprägung verschiedener Erkrankungen.

So lernen wir beispielsweise gerade jetzt in den Zeiten der Corona-Pandemie, dass die Adipositas ein wichtiger Risikofaktor für die Erkrankung Covid-19 ist. Adipöse Menschen erkranken meistens mit schwereren Symptomen als normalgewichtige Menschen. Sie müssen häufiger ins Krankenhaus und kommen auch häufiger auf eine Intensivstation. Die genauen Mechanismen, die dies bewirken, sind Gegenstand der aktuellen Forschung. Wichtig ist für uns alle, dies zu wissen, zu akzeptieren und entsprechend zu reagieren, indem wir uns und andere durch die bekannten Regeln schützen und uns rasch impfen lassen.

Ähnlich hat der Ernährungszustand einer Frau einen erheblichen Einfluss auf die Fruchtbarkeit. Sowohl untergewichtige Frauen wie auch adipöse Frauen leiden häufiger als normalgewichtige Frauen unter Zyklusunregelmäßigkeiten. Ein Kinderwunsch bleibt häufig unerfüllt, trotz gynäkologischer Beratung und manchmal langjährigen Bemühungen.

Was sind die Ursachen?

Unser Körper wird unter anderem durch die Ausschüttung von verschiedenen Hormonen reguliert. Hierzu gibt es in unserem Körper verschiedene Organe, die diese Hormone produzieren. Die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) ist hierbei quasi ein Koordinator, da sie (vereinfacht gesehen) Hormonkonzentrationen im Blut misst und entsprechend andere Organe veranlasst entsprechende Hormone auszuschütten, wenn das notwendig ist. Hormonaktive Organe sind neben vielen anderen die Schilddrüse, die Bauchspeicheldrüse, die Nebenniere, die Hoden und die Eierstöcke und.......das Fettgewebe.

Die Hypophyse schüttet zwei wesentliche Hormone aus (das FSH – Follikel-Stimulierendes-Hormon, LH – Luteinisierendes (Gelbkörper) Hormon) die unsere Sexualhormone, die Östrogene und Androgene (Testosteron, Progesteron) steuern. Das FSH bewirkt eine vermehrte Östrogenproduktion und die Reifung des Follikels. Nach der Reifung kommt es zum Eisprung und zu einer möglichen Befruchtung.

Dieser Regelkreis ist bei der Adipositas gestört. Beim Diabetes mellitus haben wir gesehen, dass eine Resistenz der Zellen gegen das Hormon INSULIN dazu führt, dass immer mehr Insulin benötigt wird um den Blutzucker zu kontrollieren. Diese hohen Insulinspiegel führen aber auch dazu, dass zu viel männliche Sexualhormone, bei der Frau das Progesteron, produziert werden.
Und jetzt kommt das Fettgewebe ins Spiel. Im Fettgewebe wird ein großer Teil des Progesterons in Östrogene umgewandelt. Es steigen also sowohl die Östrogene wie auch das Progesteron an. Dieser Mechanismus funktioniert nicht mehr zyklisch, wie im normalen weiblichen Zyklus, sondern kontinuierlich. Der Hirnanhangsdrüse wird vermittelt, dass sie die Eierstöcke nicht informieren muss, selbst Östrogen zu produzieren (weil bereits genug in der Blutbahn vorhanden ist) und ein Follikel zu bilden. Der Eisprung bleibt aus.

Vereinfacht gesagt ist es so, dass beim normalen Zyklus die Östrogene und das Progesteron zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich hoch sind. Durch die Adipositas und die Insulinresistenz wird der Zyklus gewissermaßen geglättet, da es zu allen Zeiten hohe Progesteron- und Östrogenspiegel gibt.

Darüber hinaus gibt es Hormone, die das Fettgewebe ganz alleine produziert. Die so genannten ADIPOKINE. Als Beispiel soll das LEPTIN dienen.
Das Leptin ist ein Steuerungshormon für unser Gewicht. Ist unser Gewicht erhöht, steigt das Leptin und reguliert unseren Appetit herunter. Sind wir untergewichtig bewirkt ein erniedrigter Leptinspiegel eine Appetitsteigerung. Das Hormon wird momentan gerne als das „Anti-Fettsucht-Hormon“ bezeichnet.
Da bei der Adipositas ein chronisch erhöhter Leptinspiegel besteht, passiert das gleiche, wie bei der Zuckerkrankheit. Die Zellen werden resistent gegen das Hormon und der Körper benötigt immer höhere Dosen von Leptin, um entsprechend zu reagieren. Dies bewirkt nicht nur, dass der Mensch auch bei einem bereits relativ hohen Spiegel von Leptin im Blut Hunger bekommt, Nahrung aufnimmt und dicker wird, sondern auch, dass die Funktion der Eierstöcke beeinträchtigt wird. Leptin bewirkt dort nämlich eine Verminderung der Hormonproduktion sowohl für Östrogen wie für Progesteron. Die Eierstöcke werden quasi durch das Leptin abgeschaltet.

So wirkt einerseits ein Mechanismus der Blockade der Eierstöcke und andererseits ein Mechanismus der „Eigenproduktion“ von Sexualhormonen zusammen. Insgesamt wird dadurch der Regelkreis der zyklischen Hormonproduktion durch die Eierstöcke gestört und es kommt zu den oben erwähnten Zyklusstörungen und einer erhöhten Unfruchtbarkeit.

Die wirksame und dauerhafte Therapie der Adipositas ist somit ein ganz entscheidender Schlüssel zur Lösung dieses gynäkologischen Problems.
Führt man sich diese beiden Mechanismen vor Augen, ist verständlich, dass nach einer Magenverkleinerung oder einer Bypass-Operation, die eine massive Reduktion des Körpergewichtes und des Fettgewebes bewirken, plötzlich viele Probleme gerade hormoneller Art auftreten können. Beispielsweise klagen sehr viele Frauen während eines langen Zeitraumes nach der Operation über Haarausfall. Dies hat natürlich mit der Produktion von Sexualhormonen (Östrogene) zu tun, die während der Phase der Gewichtsreduktion wieder von den Eierstöcken übernommen werden muss und längere Zeit benötigt, bis sie sich normalisiert hat. Die Mechanismen sind eben wirklich sehr komplex.

Nicht umsonst wird empfohlen, nach einem solchen Eingriff für ca. zwei Jahre eine konsequente Empfängnisverhütung durchzuführen. Die Zahl komplikativer Schwangerschaften und auch von Fehlgeburten ist für diesen Zeitraum nach einer Adipositas-Operation im Vergleich zu Normalgewichtigen Frauen erhöht.

Ich hoffe, es ist mir gelungen einen wirklich komplizierten Mechanismus einigermaßen anschaulich darzustellen, mit allen Unschärfen und Vereinfachungen, die dazu notwendig sind.
Über Leserbriefe würde ich mich freuen, auch über Anregungen für Themen um die Krankheit „Adipositas“, die sie interessieren.

Über den Autor

Dr. med. Thomas Friedrich-Hoster
Dr. med. Thomas Friedrich-Hoster
Ehemaliger Leitender Oberarzt Allgemeine, Viszerale und Onkologische Chirurgie Klinikum Wetzlar
Ärztlicher Leiter des Adipositaszentrum

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