„Augen-Liegestütz“ gegen Rückenschmerzen

 

Es wirkt kurios, steigert jedoch Kraft und Motorik und hilft nach Verletzungen: viele Spitzensportler setzen deshalb auf Neuroathletik.

Immer mehr Profiathleten ergänzen ihre Trainingseinheiten mit speziellen Übungen für das zentrale Nervensystem. Neuroathletik (NAT) heißt die Trainingsform, die vor allem vom amerikanischen Trainer Eric Cobb entwickelt wurde. Was sie von anderen Trainingsformen und Rehamethoden unterscheidet: Sie begrenzt sich nicht auf Muskeln, Gelenke, und physiologische Prozesse, sondern bezieht das Gehirn und seine bewegungssteuernden Funktionen mit ein, nutzt also die aktuellen Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft und Gehirnforschung. Auf diese Weise machte Lars Lienhard (der Pionier des Neuroathletiktrainings in Deutschland) Gina Lückenkemper, Deutschlands schnellste Frau, noch schneller, trainierte mit Per Mertesacker, Olympiasiegerin Tatjana Hüfner und Fußball Nationalspieler Serge Gnabry. Die Spitzensportler kommen aus den verschiedensten Sportarten und Disziplinen.

Doch Warum rückt das Gehirn und Nervensystem immer mehr in den Focus im Spitzensport aber zunehmend auch im Breitensport und in der Therapie? Das Gehirn und Nervensystem sind ursprünglich darauf ausgerichtet, den Körper vor Gefahren zu schützen und seine Gesundheit und Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Hierbei sind, vereinfacht dargestellt, drei Schritte von Bedeutung: Schritt 1: Gehirn und Nervensystem nehmen über die verschiedenen Sinnesorgane Informationen, die aus der Umwelt, eigenen Bewegungen und sämtlichen inneren Prozessen wie der Organtätigkeit oder der Atmung stammen (Input), auf und leiten diese zum Gehirn weiter. Schritt 2: Diese Informationen werden nun integriert, analysiert und miteinander abgeglichen (Interpretation). Schritt 3: Auf der Basis der ausgewerteten Informationen wird ein Programm für die nächste Handlung erstellt und zur Umsetzung in die verschiedenen Bereiche des Körpers gesendet (Output). Gibt es Defizite in den aufnehmenden Sinnesorganen oder in den verarbeitenden Hirnarealen, wird die Beweglichkeit, Muskelkraft und Koordination schlechter. Bewegungen werden dadurch mit geringerer Geschwindigkeit, weniger Kraft und rascherer Ermüdung ausgeführt. Jeder Sinneseindruck - z.B. aus den Augen, oder unserem Gleichgewichtssystem (Innenohr) oder aus den Muskeln und Gelenken (Propriozeption) - läuft durch den Körper ins Gehirn und wird dort verarbeitet.

Nicht nur das viele Sitzen, durch das unsere Bewegungsprogramme kaum gefordert werden, sondern auch durch die Bildschirmarbeit, bei dem unsere Augenmuskeln zu wenige Reize erhalten sind negativer Stress für unser Nervensystem. Dadurch ist das zentrale Nervensystem bei vielen Menschen belastet, häufig treten dann die Probleme im Alltag auf. Beim Sport, bei der Arbeit im Haushalt oder durch chronisch verspannte Muskeln. Für Menschen, die viel Sitzen und am Bildschirm arbeiten oder allgemein wenig Bewegung haben, ist deswegen eine Verbesserung der bewegungssteuernden Systeme besonders wichtig. Auch Muskeln und Faszien sind durch Ihre Rezeptoren wichtig für das Nervensystem und dadurch für die Bewegungssteuerung. Wenn sich jemand wenig bewegt, erhält das Gehirn zu wenig Reize von den Bewegungs(mechano)rezeptoren, dadurch werden nicht nur die zuständigen neuronalen Areale in ihrer Funktion reduziert, es wirkt sich auf das gesamte Gehirn aus. Unser Gehirn „lebt“ quasi von Bewegung - vereinfacht ausgedrückt. Mechanorezeptoren befinden sich vor allem in den Geweben um die Gelenke herum, in den Muskelsehnenübergängen und Bändern. Deshalb gehören zum NAT auch entsprechende Übungen, wie Gelenkmobilisationen, dynamisches Dehnen (Mobility) und die Vibration von Muskeln. Besonders beeindruckend sind die sofortigen Verbesserungen aufgrund von Neuroathletiktraining. Wenn ich zum Beispiel bei der Augenliegestütz die Augen kreuzen lassen, gehen diese Signale ins Mittelhirn. Das Mittelhirn verarbeitet unter anderem visuelle und akustische Informationen und integriert diese mit anderen sensorischen Reizen. Diese Integrationsprozesse sind wichtig für eine optimale Stabilität von Kopf und Nacken sowie eine gute Regulierung der muskulären Tonusmuster. Dies hat Einfluss auf den gesamten Körper.

In der Praxis bedeutet das, dass durch die „Augen-Liegestütz“ die einbeinige Stabilität verbessert werden kann und sich dies in einem besseren und aktiveren Gangbild und Laufstil zeigt. Um dies für sich selbst zu testen, halten sie den Zeigefinger auf Höhe der Nasenwurzel etwa 40 bis 50 Zentimeter entfernt und bringen den Finger dann langsam bis zur Nase; sehen Sie ihn dabei mit beiden Augen an. Die Augen gehen dabei unweigerlich nach innen, schielen also. Nach 5-10 Sekunden entfernen Sie den Zeigefinger wieder auf 40 bis 50 Zentimeter. Dies Wiederholen sie dreimal. Das trainiert Augenmuskeln, die in ihrer Funktion sonst kaum gezielt genutzt werden, wirkt auf das Mittelhirn und stabilisiert zusätzlich die Nackenwirbelsäule – Effekte, die für Schreibtischarbeiter besonders wertvoll sind.

Über den Autor

Ben Griell
Ben Griell
Heilpraktiker/Physiotherapeut, Wetzlar

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe06.01.