Atmung und Nackenverspannung

Schulter-, Kopf- und Nackenschmerzen können stark mit der Atmung zusammenhängen. Dieser Umstand ist vielen Menschen nicht richtig bewusst.

Wann haben Sie das letzte Mal aktiv Bauchatmung (Zwerchfell-Atmung) betrieben?

Die "normale" Atmung beansprucht verschiedene Muskelpartien. Es gibt sogenannte primäre und sekundäre Atemmuskeln. Der mit Abstand wichtigste Spieler der Atmung ist das Zwerchfell (lat. Diaphragma thorakolumbale). Das Zwerchfell gehört zur Gruppe der primären Atemmuskeln, darüber hinaus werden die Zwischenrippenmuskeln dazu gezählt.

Die Atemhilfsmuskulatur oder sekundäre Atemmuskeln beinhalten die Hals-, Brust- und Bauchmuskulatur. Vor allem die Halsmuskulatur (inklusive Schultergürtel) in Verbindung mit der Brustmuskulatur sind bei schneller und flacher Atmung sehr beansprucht.

Atmung bei Stress

Eine Arbeitsstelle, die Partnerschaft, körperliche Beschwerden oder ein anhaltender Konflikt in der Nachbarschaft kann für uns als Stress empfunden werden, je nachdem wie nah einem das entsprechende Thema geht, wie lange es andauert und wie wir dem Konflikt/Umstand begegnen.

Für manche ist das ganze Leben stressig, hier ist große Vorsicht geboten, da diese Dauerbelastung zu körperlichen Folgen führen kann!

Parasympathikus und Sympathikus

Sie haben bestimmt schonmal die Begriffe Sympathikus und Parasympathikus gehört. Diese Begriffe beschreiben zwei grundverschiedene Modi für unseren Körper, die normalerweise im Gleichgewicht stehen.

In Ruhe überwiegt der Parasympathikus, der für die Heilung und Reparaturvorgänge im Körper zuständig ist, sowie für die Verdauung und Entspannung. Die Muskeln sind entspannt, die Atmung geht ruhig und alles ist insgesamt eher träge.

Im Stress dominiert der Sympathikus. Da ist bspw. der Säbelzahntiger, vor dem wir fliehen müssen, die Gefahr, die uns innehalten lässt, geduckt, bereit zum Kämpfen oder Fliehen (fight or flight). In diesem Zustand sind die Muskeln angespannt, die Atmung geht flach und schnell, das Hirn und unser Körper arbeitet auf Hochtouren. Es ist ein Überlebensmodus, der auch in anderen Situationen, wie zum Beispiel zu einer wichtigen Prüfung, einem vollen Terminkalender oder unter dem Arbeitsdruck aktiv werden kann.

Jedoch ist die Lebenseinstellung und der Umgang mit unserem Alltag überaus schwierig zu verändern. Diese Veränderung muss von innen kommen und eine selbstständige Entscheidung sein.

Speziell die Atmung benutzt im Stress/Sympathikus-Modus vor allem die Atemhilfsmuskulatur wozu wie beschrieben die Halsmuskeln und der Schultergürtel gehören.

Diese Muskelgruppen sind jedoch nicht dafür ausgelegt permanent zu arbeiten. Wir brauchen hier das Gleichgewicht, so wie in allen Bereichen unseres Körpers und unseres Lebens.

Die Nacken- und Schulterregion wird überbeansprucht und verspannt mit der Zeit. Folgend entsteht ein Zug an der ersten Rippe Richtung Kopf. Diese Rippe blockiert oft in solchen Fällen.

Hier braucht der Körper meist therapeutische Hilfe, da er dies nicht mehr selbstständig lösen kann.

Eine gezielte Mobilisation der ersten Rippe kann diese wieder lösen. Diese Dysfunktion ist, wenn nicht schon Jahre vergangen sind, relativ gut zu behandeln.

Eigenübung

Mit diesem kurzen Einblick lade ich Sie ein, die Bauchatmung einfach mal auszuprobieren. Gezielte Zwerchfell-Atmung ist sehr effektiv und förderlich; vor allem für Ihre Organe ist es einerseits eine notwendige Bewegung, die sie erfahren müssen, um richtig zu arbeiten und andererseits wie eine Wohlfühlmassage.

Einige weitere positive Wirkungen der Zwerchfell-Atmung sind u.a. die Anregung des Parasympathikus (Ruhe-Modus), Verbindung zu wichtigen Beckenmuskeln, Stärkung des Dantien, auf Deutsch Zinoberfeld, ein Energiezentrum auf Höhe des Nabels.

Aktives Training mit dem Haupt Atemmuskel und Anregung des Parasympathikus führen außerdem zu Entspannung im Hals- und Nackenbereich.

Durchführung

Diese Übung bitte ganz entspannt ausprobieren, bei Beschwerden oder seltsamem Gefühl kontaktieren Sie Ihren Arzt oder Osteopathen.

Sie liegen flach auf dem Rücken. Wir möchten vor allem das Zwerchfell aktivieren, dieses trennt den Brust-vom Bauchraum.

Stellen Sie sich einen großen rechteckigen Raum vor, den wir mittels einer Trockenwand in zwei Teile teilen. In der Mitte dieser Wand lassen wir jedoch mehrere Durchreichen offen (wie bei unserem Zwerchfell Öffnungen für die Blutgefäße, Nerven und die Speiseröhre bestehen). Der Parkett-Boden ist unser Rücken, die Decke unsere Bauchdecke.

In liegender Position legen Sie eine Hand flach auf Ihre Brust und die andere flach auf Ihren Bauchnabel. Nun versuchen Sie erst einmal ein paar Atemzüge und spüren an Ihren Händen, ob sich entweder ihr Brustkorb oder ihr Bauch mehr bewegt.

Ziel ist, dass sich Ihr Brustkorb gar nicht bewegt und Sie vor allem "in den Bauch" atmen. Denken Sie daran, dass das Zwerchfell, welches eine Muskelplatte darstellt, wie die Trockenwand, nicht nur im oberen Bauchdecken-Bereich arbeitet, sondern auch am Rücken, in unserer Veranschaulichung der Parkettboden, also global arbeiten kann und soll.

In der Praxis heißt das: Wenn Sie die Bauchatmung richtig gut beherrschen, dann atmen Sie ein und Ihre Bauchdecke hebt sich, die Seiten drücken auseinander und der Rücken wird ein wenig in den Boden gedrückt.

Die Ausatmung ist ein passiver Prozess, einfach entspannt loslassen.

Osteopathische Therapie geht nebst der Bauchatmung auf diverse andere Strukturen und Zusammenhänge ein. Wie steht die Wirbelsäule? Gibt es Neigungen, Züge oder verspannte Bereiche? Die Ansatzpunkte der Muskulatur sind wichtig, jedoch gilt es immer die ursächlichste Dysfunktion zu finden. Haben wir durch eine Beckenverwringung Züge über den Hüftbeuger fortlaufend in das Zwerchfell, sodass hier per se Bauchatmung erschwert wird und es deswegen zur Beanspruchung der Atemhilfsmuskulatur kommt?

Wir arbeiten ganzheitlich und versuchen die Ursache der Beschwerden zu ergründen. Struktur und Funktion bedingen einander. Wie im oben gezeigten Beispiel kann eine strukturelle Behandlung an der ersten Rippe die Beschwerden lindern und die Funktion der Hals- und Nackenmuskulatur verbessern.

Viel Freude beim Ausprobieren, tun Sie sich und Ihrem Körper etwas Gutes!

 

Über den Autor

Mesut Turgut
Mesut Turgut
Zentrum für Osteopathie Wetzlar

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe1/2022