Wenn Hund und Katze zubeißen –

Tierbissverletzungen,
eine meist unterschätzte Verletzung

Wie häufig treten Tierbissverletzungen auf?

Etwa 70 % der Tierbissverletzungen werden durch Hunde und 30 % durch Katzen verursacht. Bissverletzungen durch andere Tiere wie beispielsweise Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Ratten oder Mäuse sind seltener. In 90 % der Bissverletzungen ist das eigene oder das Tier eines Bekannten verantwortlich. Ursache ist meist, dass das Tier erschreckt, geärgert oder beim Fressen gestört, wurde. In 80 % der Fälle befinden sich die Bisswunden an Händen, Armen und Beinen, in 20 % im Bereich von Kopf, Hals und Nacken. Bei Kindern unter 5 Jahren dominieren Verletzungen im Gesicht und Halsbereich.

Wie sind die Symptome einer Tierbissverletzung?

Der Biss des Tieres kann zu Schürf-, Riss- und Quetschwunden, bis hin zu Ablederungen mit Substanzverlusten und Knochenbeteiligungen führen. Katzen verursachen kleine, punktförmige Verletzungen. Der Tierspeichel wird hierbei in die Wunde tief hineingepresst. Dabei kann durch ein Kulissenphänomen, bei dem die verschiedenen Schichten übereinander gleiten, die wahre Verletzungstiefe unterschätzt werden. Insbesondere an den Händen sind Knochen und Gelenkverletzungen nicht selten. Rötung, Schwellung, eine eitrige Sekretion und Schmerzen in Verbindung mit Unwohlsein und Fieber weisen auf eine Infektion hin. Selten entwickelt sich aus der Lokalinfektion eine Sepsis, die tödlich enden kann. Abbildung 1 a-d sowie ab 2 a und b zeigen das typische Bild einer Hund- und Katzenbissverletzung.

Wie oft kommt es zu Infektionen durch Bissverletzungen?

Bei Bissverletzungen durch Katzen kommt es in bis zu 50 %, bei Hunden in bis zu 25 % der Fälle zu Infektionen. Ein besonders hohes Infektionsrisiko haben tiefe, verschmutzte Wunden, mit starker Gewebszerstörung besonders an Händen und Füßen. Ein besonders hohes Risiko haben Neugeborenen und Säuglinge, sowie Patienten mit einer gestörter Immunabwehr. Aber auch bei Menschen ohne Risikofaktoren kann es zu schweren, unter Umständen tödlich endenden Infektionen kommen.

Welche Maßnahmen müssen bei Tierbissverletzungen ergriffen werden?

Im Vordergrund steht die Schwere der Verletzung richtig einzuschätzen. Dies sollte durch einen mit solchen Verletzungen vertrauten Arzt erfolgen. Das Hauptrisiko besteht in der Fehleinschätzung der Wunde. Insbesondere bei Katzenbissverletzungen täuscht die nur kleine Bisswunde eine oberflächliche Verletzung vor. Das wahre Ausmaß lässt sich nur durch eine gründliche Untersuchung erkennen. Die Anamnese, der Impfstatus, mögliche Risikofaktoren und der Allgemeinzustandes sollten berücksichtigt werden. Bei der Untersuchung der Wunde sollte auf eine Verletzung von Knochen, Muskel-, Gelenk-, Gefäß- und Nerven geachtet werden. Neben dem Röntgen und dem Ultraschall können CT und MRT helfen das Ausmaß der Verletzung zu erkennen. Die Blutuntersuchung mit Bestimmung der Infektwerte, sowie die Entnahme von Abstrichen zur Bestimmung der Keime, ergänzen die Behandlung.

Therapie

Bissverletzungen werden oft von Patienten und Ärzten unterschätzt, da gerade die kleinen, punktförmigen Läsionen der Haut das Ausmaß der Verletzungstiefe kaschieren. Das Säubern der Wunde zur Verringerung der Keimzahl und Optimierung der Durchblutung im Wundbereich unter optimalen Untersuchungsbedingungen in lokaler Betäubung oder Narkose bilden die Grundlage der chirurgischen Therapie. Fremdkörper und eingebrachtes Material müssen aus der Wunde entfernt werden. Die Entfernung von zerrissenem und zerquetschtem Gewebe ist hierbei sehr wichtig.

Antibiotikaprophylaxe

Ein Antibiotikum sollte im Sinne der Frühtherapie für 3–5 Tage bei frischen tiefen Verletzungen gegeben werden. Die Dauer der Therapie richtet sich nach der Schwere der Erkrankung, der Infektionsausbreitung, dem Erreger und dem Ansprechen auf die Antibiotikatherapie. Dabei ist neben der Beurteilung der Wunde der Verlauf der Infektionswerte im Blut geeignet um die Effektivität der Therapie zu beurteilen.

Wann besteht Verdacht auf eine Tollwut- oder Tetanusinfektion?

Tetanus: Die Klärung des aktuellen Immunisierungsgrades gegen Tetanus durch Einsehen des Impfpasses ist notwendig. Bestehen Zweifel an einem ausreichenden Impfstatus, ist die vollständige Immunisierung erforderlich.

Tollwut: Der Hund stellt die potenziell größte Infektionsquelle, dar. Kleine Nagetiere wie Mäuse oder Ratten spielen als Überträger keine Rolle. Tollwutrelevante Expositionen bestehen bei allen Kratz- oder Bissverletzungen sowie Kontamination von Schleimhäuten mit dem Speichel infizierter Tiere. Die Entscheidung, ob eine Tollwutexposition vorliegt und eine medikamentöse Prophylaxe zu beginnen ist, hängt im Wesentlichen von der Art des Kontaktes zu einem potenziell infizierten Tier, der Tierspezies sowie der geografischen Tollwutsituation, ab. Ein Tier gilt als nicht ansteckungsverdächtig, wenn es sich nur in einem tollwutfreien Bezirk aufgehalten hat und keine Kontakte zu Tieren aus endemischen Gebieten (beispielsweise illegal nach Europa importierte Hunde) hatte. Bei unbekanntem Impfstatus sollte der betreffende Hund einer 10-tägigen veterinärmedizinischen Beobachtung unterzogen und ansonsten streng nach den Regeln zur Tollwutprophylaxe vorgegangen werden. Nach dem Infektionsschutzgesetztes besteht eine namentliche Meldepflicht bei Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod an Tollwut, für die Verletzung eines Menschen durch ein tollwutkrankes, -verdächtiges oder -ansteckungsverdächtiges Tier sowie die Berührung eines solchen Tieres oder Tierkörpers.

Wie kann man Tierbissverletzungen vermeiden?

Bissverletzungen sind vermeidbar. Die Prävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss Regeln zum Halten und Führen von Tieren einerseits, die Ausweitung sozialer Kompetenz in allen Bereichen andererseits, sowie Aufklärung und Erziehung von Kindern im Umgang mit Tieren beinhalten.

Über den Autor

Dr. med. Gabor Szalay
Dr. med. Gabor Szalay
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Chirurgie, spezielle Unfallchirurgie,
Handchirurgie, Notfallmedizin,
medizinische Begutachtung
Praxis an der Sportklinik Bad Nauheim

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe3/2022