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Chirurgischer Ratgeber:
Was tun, wenn der Unfall geschah

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder“ wird die Zahl der ärztlich versorgten Unfallverletzungen von Kindern unter 15 Jahren auf etwa 1,8 Millionen Fälle geschätzt. Im Jahr 2019 wurden 194.042 Kinder unter 17 Jahren wegen einer Verletzung im Krankenhaus behandelt. Dies waren rund 16,5 Prozent der Kinder. Jungen sind mit 18,6 Prozent häufiger von Unfällen betroffen als Mädchen mit 14,3 Prozent.

Oberstes Gebot: „Nerven behalten“ und beruhigen

Die Aufregung ist groß und verständlich, die Ruhe als Erwachsener, ob Eltern und Verwandte, ob Verantwortliche in Kindergärten oder Schule, zu bewahren und das weinende Kind zu beruhigen, stehen immer im Vordergrund.

Die Kenntnisse für die 1. Hilfe sind sicher sehr unterschiedlich, die Unterscheidung, ob es sich um eine Bagatellverletzung handelt oder sofort sichtbar, eine erhebliche Verletzung vorliegt, muss natürlich fachlich versiert vorgenommen werden.

Sofort mögliche Hilfen, wenn es (zunächst) nicht so schlimm aussieht

Ist der verletzte Bereich durch Kleidung bedeckt, sollte diese vorsichtig ausgezogen werden. In der Reihenfolge des Ausziehens der Kleidung geht die unverletzte Seite voran. Das verletzte Bein von Schuh und Strumpf befreien, Ringe von der verletzten Hand abziehen, da im Verletzungsbereich die Schwellung des Gewebes rasch zunimmt und damit schon kurze Zeit später dies nicht mehr gelingt.

Unnötige Bewegungen des verletzten Armes oder Beines müssen vermieden werden.

Unterschiedliche Verletzungsfolgen

Eine Prellung (Kontusion) entsteht durch stumpfe Gewalt und erzeugt eine heftige Gewebeerschütterung, die als Schwellung der betroffenen Region sichtbar wird.

Die Verstauchung (Distorsion) ist eine Zerrung der Gelenkkapsel mit Überdehnung des Bandapparates, am häufigsten durch „Umknicken“ mit dem Fuß im Fußgelenk, ein schmerzhafter Bluterguß entsteht. Nur unter Schmerzen kann das Gelenk noch bewegt werden.

Knochenbrüche (Frakturen) sind schwere Verletzungen, da die Stabilität des Knochens unterbrochen ist. Besonders bei Kindern kann man schon durch einfaches Hinsehen erkennen, dass ein Knochen gebrochen ist, besonders dann, wenn sogar ein Teil des Knochens „durch die Haut spießt“, viel häufiger aber verschieben sich die gebrochenen Knochenenden nicht. Gerade kleine Kinder sind in der Lage, trotz Knochenbruch Arm und Bein weiter zu bewegen, sogar zu belasten. Kleinkinder, die nach einem Sturz wieder krabbeln, obwohl sie laufen können, weisen darauf hin, dass möglicherweise ein Knochenbruch vorliegt. Im Kindesalter sind am häufigsten die Schlüsselbeine, Unterarme und Handgelenke sowie der Unterschenkel und Fußbereich betroffen. Bei verschobenen Brüchen sollte überprüft werden, ob die Haut der betroffenen Seite normal warm ist. Beim Bruch des Oberarmes oberhalb des Ellenbogens kann es zu einer gefährlichen Gefäßverletzung kommen, die Haut des Unterarmes wird kalt und weiß. Ein echter Notfall!

Schnittverletzungen

Schnittwunden sollten sofort versorgt werden, bei kleinen Schnittwunden ein ausreichend großes Pflaster auswählen, die Wunde nicht mit den Fingern berühren, kein Spray (außer zur Desinfektion) oder Salbe verwenden und aufkleben. Bei größeren Schnittwunden ist die Verwendung von Wundauflagen aus Mull (Kompressen) nötig.

Eine ordentliche Wundversorgung stoppt die Blutung, verhindert das Eindringen von Keimen in die Wunde und lindert den Schmerz.

Große Wunden (Schürf- und Platzwunden)

Diese Verletzungen müssen genau angesehen werden. Liegt eine Schwellung vor? Ist Arm oder Bein deformiert? Besteht eine offene Wunde?

Derartige Wunden sollten mit einem Wundverband versorgt werden, der z.B. in einem „Erste-Hilfe-Kasten“ gebrauchsfertig erreichbar ist, im Notfall tut es auch ein sauberes Baumwollhandtuch. Die endgültige Versorgung übernimmt der Arzt.

Verletzungsbereich kühlen

Sieht man keine Fehlstellung, kommen als 1.Hilfe-Maßnahmen kalte feuchte Umschläge auf den verletzten Bereich. Kühlen mit einem Kühlkissen, das in ein Tuch eingelegt werden muss, lindert den Schmerz und begrenzt die Ausdehnung eines Blutergusses, im Notfall kann auch Tiefgefrorenes aus der Kühltruhe, ebenfalls mit einem Tuch eingewickelt, dazu verwendet werden.

Ein breiter Schal eignet sich, einen verletzten Arm zu stützen, alle Schienungsversuche, die zusätzliche Schmerzen bereiten, sollten unterbleiben.

Nur der Arzt kann Prellung, Verstauchung und Knochenbruch sicher unterscheiden, das Röntgenbild klärt die Diagnose, verschobene Brüche werden im Kindesalter häufig operativ versorgt. Je nach Schwere der Verletzung und Dringlichkeit sollte die Notfall-Ambulanz aufgesucht werden oder auch über den Notruf 112 ärztliche Hilfe angefordert werden, das trifft besonders auf alle Verkehrsunfälle zu.

Unfälle vermeiden (Prävention)

Im frühen Kindesalter handelt es sich in erster Linie um Unfälle im häuslichen Bereich (rund 44 Prozent) sowie in der Freizeit, Schule oder im Kindergarten. Kinder im ersten Lebensjahr verunglücken meistens in der häuslichen Umgebung. Mit zunehmendem Lebensalter und wachsender Mobilität gewinnen weitere Unfallorte an Bedeutung, wie in Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, auf Spiel- und Sportplätzen, auf öffentlichen Verkehrswegen oder beim Aufenthalt im Freien.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder“ (BAG) ist ein wesentlicher Akteur bei der Prävention von Kinderunfällen. Die BAG verfolgt das Ziel, Kinder und Jugendliche über Informationsangebote für die Eltern und das Fachpersonal in Kindertagesstätten sowie durch das Zusammenwirken verschiedener Akteure vor Unfällen besser zu schützen.

Schon immer gelten grundsätzlichen Ratschläge:

Um so jünger die Kinder, desto wichtiger ist die Beaufsichtigung

 

Kindersicherungen zur Entschärfung von Gefahrenquellen benutzen

 

Kindern altersgemäß die Handhabung von Haushalt -und Sportgeräten immer wieder erläutern

 

Kinder immer wieder auf Gefahrenquellen hinweisen

Experten gehen davon aus, dass viele dieser Unfälle durch richtiges Verhalten und Prävention weitgehend vermeidbar wären. Deshalb kommt der Unfallprävention eine besondere Bedeutung zu.

KiGGS-Studie untersucht unter anderem das Unfallgeschehen

Prävention von Kinderunfällen

Die Verhütung von Kinderunfällen ist ein wesentlicher Beitrag zur Förderung der Kindergesundheit und deshalb ein besonderes Anliegen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Um erfolgreiche und zielgerichtete Maßnahmen ergreifen zu können, bedarf es hierzu valider Daten zum Unfallgeschehen. Das Robert Koch-Institut (RKI), eine Behörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit, untersucht mit der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS)“ unter anderem das Unfallgeschehen im Kindes- und Jugendalter. Die aktuellen KiGGS-Daten der Erhebung von 2014 bis 2017 zeigen: Circa jedes siebte Mädchen und jeder fünfte Junge im Alter von 1 bis 17 Jahren wurden innerhalb der letzten 12 Monate vor der Befragung wegen eines Unfalls ärztlich behandelt. Jungen haben in allen Altersgruppen ein nachweisbar höheres Risiko einen Unfall zu erleiden. Die Unfallhäufigkeit ist in den letzten Jahren weitgehend unverändert geblieben, die Anzahl an Unfallverletzungen mit Todesfolge bei Kindern und Jugendlichen ist erfreulicherweise seit Jahren rückläufig.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) „Mehr Sicherheit für Kinder“

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), eine Behörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), finanzierte deshalb in den Jahren 2017 bis 2019 ein BAG-Projekt im Kindergartenbereich, um die Kompetenzen zur Vermeidung von Kinderunfällen bei Kleinkindern bei Erzieherinnen und Erziehern sowie Eltern und sonstigen Sorgeberechtigten zu stärken.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft führt seit dem Jahr 2000 regelmäßig am 10. Juni den Kindersicherheitstag durch. Mit wechselnden Themenschwerpunkten soll die Verhütung von Kinderunfällen in der öffentlichen Wahrnehmung gestärkt und im Bewusstsein von Eltern, Kindern und Fachpersonal fest verankert werden. Der bundesweite Kindersicherheitstag am 10. Juni 2019 stand unter dem Motto „Gemeinsam den Haushalt sicher machen“ und stellte Unfallgefahren zu Hause in den Mittelpunkt. Der Kindersicherheitstag 2020 fand aufgrund der Einschränkungen von COVID-19 nicht statt. Nähere Informationen zum Kindersicherheitstag finden Sie auf der Internetseite der Bundesarbeitsgemeinschaft.

Datenbank als Vernetzungsplattform

Unter der Adresse servicestelle.kindersicherheit.de haben die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder e. V. und die BZgA seit 2003 ein Fachportal zur Kinderunfallprävention angeboten. Seit 2019 ist eine „Servicestelle Kinderunfallprävention“ eingerichtet, welche Informationen zu Projekten, Maßnahmen und Aktionen individuell vermittelt, Kontakte herstellt und die Vernetzung von Akteuren in der Kinderunfallprävention fördert.

Informationsmedien und Bekanntmachungen auf der Homepage der BAG sowie der BZgA informieren die Fachöffentlichkeit über die Arbeit der Servicestelle.

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Aktuelle Ausgabe07.04.