ALLERGIEN

Vorwort

In den letzten Jahrzehnten hat die Häufigkeit von Allergien und damit zusammenhängenden Krankheiten in den Industrieländern erheblich zugenommen, was als Epidemie von Allergien und allergischen Erkrankungen bezeichnet werden kann. Dabei ist zu bedenken, dass allergische Erkrankungen je nach Schweregrad, Verlauf und medizinischer Kontrolle eine schwere Belastung für den Patienten darstellen kann, die nicht nur die allgemeine Leistungsfähigkeit und den Lebenskomfort erheblich beeinträchtigen, sondern sogar eine direkte Bedrohung für das Leben selbst darstellen. Aus diesem Grund wird seit mehreren Jahrzehnten intensiv nach den Ursachen, Mechanismen und Methoden zur Erkennung und Behandlung von Allergien und assoziierten Krankheiten geforscht.

Was ist eigentlich eine Allergie?

Normalerweise nimmt das menschliche Immunsystem das Vorhandensein kleiner Fragmente biologischer Strukturen (so genannter „Antigene“) wahr, die für den Körper potenziell gefährlich sind, darunter krankheitserregende Bakterien, Pilze, Parasiten oder Viren, und reagiert darauf in Form einer Immunreaktion. Dies geschieht, um krankheitserregende Mikroorganismen zu eliminieren und eine Infektion mit ihren Folgen zu verhindern. Immunzellen und Antikörper, das sind spezielle Eiweißmoleküle mit Immunaktivität, greifen krankmachende Infektionserreger an und zerstören sie. Darüber hinaus kann das Immunsystem auch andere potenziell bedrohliche Ziele angreifen, wie z. B. Krebszellen, die sich aus körpereigenen Zellen entwickeln, die durch ungünstige Genmutationen stark verändert sind. Die Immunmechanismen dienen also dazu, den menschlichen Körper vor der Entstehung oder zumindest dem Fortschreiten von Krankheiten zu schützen, insbesondere von Krankheiten, die durch Infektionserreger hervorgerufen werden, und, soweit möglich, auch von bösartigen Neubildungen.

Dies gilt, solange das Immunsystem in der richtigen Weise funktioniert. Andernfalls kann die körpereigene Immunreaktion auch eine Bedrohung für den menschlichen Körper darstellen, was zur Entwicklung krankmachender Zustände einschließlich Autoimmun- oder allergischer Erkrankungen führt. Das Wesen von Autoimmunerkrankungen besteht darin, dass das Immunsystem aufgrund von Störungen in den Mechanismen der Selbsterkennung dann körpereigene normale Zellen und Gewebe angreift, was zu deren Zerstörung führt. Beispiele für Autoimmunkrankheiten sind Myasthenia gravis, systemischer Lupus erythematodes, Typ-1-Diabetes oder die Hashimoto-Thyreoiditis.

Bei einer Allergie wiederum, auch als Sensibilisierung oder Überempfindlichkeit bezeichnet, handelt es sich um eine übermäßige und unangemessene Reaktion des körpereigenen Immunsystems auf das Vorhandensein eines so genannten „Allergens“, bei dem es sich immunologisch gesehen um eine Art von Antigen handelt, das eine allergische Reaktion hervorruft. Eine solche Immunreaktion ist „übermäßig“ und „unangemessen“, weil das Allergen eine harmlose Substanz ist, die keine direkte Bedrohung für den Körper darstellt. Typische Inhalationsallergene, d. h. solche, die über die Atemwege in den Körper gelangen, sind Pollen (Bäume, Gräser), Hausstaubmilben und Tierhaare (Katzen, Hunde, Meerschweinchen). Zu den klassischen Nahrungsmittelallergenen, d. h. denjenigen, die über den Verdauungstrakt in den Körper gelangen, gehören Kuhmilch, Weizen und Hühnereiweiß, aber auch Fisch, Nüsse, Sellerie, Gewürze, Tomaten usw. Theoretisch sind alle diese Stoffe für uns Menschen nicht gefährlich und bedrohen uns in keiner Weise. Dies gilt sogar für die Gifte von Hautflüglern wie Bienen, Hummeln und Hornissen. Diese selbst sind, zumindest bei einer kleinen Anzahl von Stichen außerhalb der Kopf- und Halsregion, für einen erwachsenen Menschen nicht wirklich gefährlich. Es sei denn, sie lösen eine allergische Reaktion aus, bei der sie neben lokalem Brennen und Juckreiz der Haut zum Tod durch Ersticken bei einem geschwollenen Biss an einer Stelle, die die Atemwege blockieren kann, z. B. im Rachen, und/oder zu einer systemischen allergischen Reaktion des Körpers, d. h. einem anaphylaktischen Schock, führen können. Zu den typischen allergischen Erkrankungen gehören atopisches Asthma, allergische Rhinitis, atopische Dermatitis, allergische Bindehautentzündungen und einige Arten von Nahrungsmittelallergien.

Warum entstehen Allergien?

Die Neigung zur Entwicklung von Allergien gegen Nahrungsmittel und Inhalationsallergene ist weitgehend genetisch bedingt. Zwölf Prozent der Kinder, in deren Familie keine Allergie vorkommt, 30 bis 50 Prozent der Kinder mit einer Allergie bei einem Elternteil und 60 bis 80 Prozent der Kinder mit einer Allergie bei beiden Elternteilen entwickeln eine allergische Erkrankung. In den letzten Jahrzehnten wurden dank der Anwendung moderner molekularer Untersuchungstechniken im Rahmen von Kooperationsprojekten, an denen große Gruppen von Studienteilnehmern aus mehreren Forschungszentren beteiligt waren, enorme Fortschritte im Verständnis des genetischen Hintergrunds von Allergien erzielt. Doch auch damit lässt sich der enorme Anstieg der Häufigkeit allergischer Erkrankungen in den Industrieländern in den letzten Jahrzehnten nicht erklären. Denn unser genetisches Material unterscheidet sich nicht wirklich von dem unserer Vorfahren, so dass andere Faktoren zu der Allergieepidemie geführt haben müssen.

Es wird stark vermutet, dass diese Faktoren umweltbedingt sind. Erstens sind wir in den letzten Generationen von den Dörfern in die Städte gezogen, wodurch wir den frühen Kontakt mit den meist unschädlichen Mikroben verloren haben, die typischerweise in der landwirtschaftlichen Umgebung vorkommen. Außerdem begannen wir, hygienischer zu leben, was unsere Exposition gegenüber Mikroben in der frühen Kindheit weiter reduzierte. Und das sich entwickelnde Immunsystem braucht die Interaktion mit diesen Mikroben, um richtig zu reifen. Andernfalls steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Allergien entwickeln, erheblich. Darüber hinaus ist mit der Verstädterung und der Industrialisierung die Umweltverschmutzung explodiert, was einen weiteren Umweltfaktor darstellt, der zu einem Anstieg der Häufigkeit allergischer Erkrankungen führt. Jüngste Studien bestätigten diese Beobachtungen auf molekularer Ebene, indem sie zeigten, wie die Umweltfaktoren mit den Genen interagieren.

Diese Fortschritte in der Forschung zeigen uns einige Möglichkeiten auf, wie wir das Problem in den Griff bekommen können. Möglicherweise werden wir in Zukunft in der Lage sein, unser Immunsystem positiv zu modulieren und damit die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Allergie oder zumindest deren Schweregrad zu verringern, indem wir es landwirtschaftlichen Mikroben aussetzen, z. B. in Form der Pille, der so genannten „Kuhstallpille“, die Mikroben aus dem Kuhstall enthält.

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe07.07.