Das Kreuz mit dem Kreuz, wenn der Rücken schmerzt!

Oder ist es doch die Hüfte?

Frau Dr. Anna-Maria Fritzsche im Interview mit PD Dr. Matti Scholz zum Thema Rückenschmerzen: Ursachen, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.

Fritzsche: Herr Scholz, sie sind Chefarzt der Abteilung Wirbelsäulenchirurgie in der ATOS Orthopädischen Klinik in Braunfels. Sie sehen dort täglich Menschen mit Rückenbeschwerden. Welchen Trend können sie erkennen?

Scholz: Nun, die Zahlen sagen schon immer, dass es sich bei Rückenbeschwerden um ein großes Problem in der Bevölkerung handelt. Was aber im letzten Jahr sehr auffällig ist, viele Menschen, die sich in unserer Klinik mit Rückenschmerzen vorstellen, berichten, dass sie die Probleme hauptsächlich seit dem Corona Lockdown haben, da die Sportmöglichkeiten wie Schwimmen und Fitnessstudio, Yoga und Rückensportgruppen nicht mehr möglich waren. Wo wir im Prinzip bei einer der Hauptursachen für Rückenbeschwerden gelandet sind. Bewegungsmangel zählt neben Übergewicht und einseitiger Belastung zu den Hauptursachen.

Fritzsche: Kann bei allen Patientinnen und Patienten eine Ursache für die Beschwerden gefunden werden?

Scholz: Nein, nicht immer. Hier müssen wir zwischen den sogenannten unspezifischen und spezifischen Rückenschmerzen unterscheiden. Bei den unspezifischen Rückenschmerzen lässt sich keine richtige Beschwerdeursache finden. Stand des Wissens ist, dass basierend auf dem Konzept des bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell, sowohl körperliche als auch psychologische und soziale Faktoren eine entscheidende Rolle spielen, ob ein Mensch unspezifische Rückenschmerzen entwickelt und diese sich gegebenenfalls chronifizieren. Glücklicherweise bessern sich unspezifischen Rückenschmerzen unter der Einnahme Schmerzmedikamenten meist innerhalb von 4-6 Wochen. Wenn Rückenbeschwerden länger anhalten, sollte spätestens nach 6 Wochen ärztliche Hilfe gesucht werden, um eine spezifische Beschwerdeursache mittels Bildgebung abzuklären.

Fritzsche: Dann wäre es nun interessant, wenn sie uns noch mehr über die spezifischen Rückenschmerzen erzählen können.

Scholz:  Im Gegensatz zu den Nicht-spezifischen Rückenschmerzen haben spezifische Rückenschmerzen einen nachweisbaren Auslöser. Dazu zählen vor allem verschleißbedingte Veränderungen an der Wirbelsäule wie z.B. Bandscheibenvorfälle, Spinalkanalstenosen, Wirbelgleiten aber auch Wirbelfrakturen, Entzündungen der Wirbelsäule und Tumormetastasen. Die Ursachen können aber auch außerhalb der Wirbelsäule liegen. So können auch Erkrankungen wie z.B. Nierenbeckenentzündungen, Herzinfarkte, Prostataentzündungen oder eine Gürtelrose zu Rückenschmerzen führen.

Fritzsche: Also ist es wichtig, dass man vorerst mal organische Probleme ausschließt und mal den Hausarzt aufsucht, um ein paar Grunderkrankungen auszuschließen. Der Hausarzt kennt den Patienten schließlich am besten.

Scholz: Das ist bestimmt ein sinnvoller Weg. Der Hausarzt kann einen allgemeinen Check machen und dabei auch andere Ursache für die Rückenschmerzen ausschließen.

Kommt der Hausarzt nicht weiter und hat Beschwerdeursachen außerhalb der Wirbelsäule ausgeschlossen, sollte der Weg zum Orthopäden oder Neurochirurgen führen, um spezifische Ursachen für Rückenschmerzen abzuklären.

Ich möchte heute etwas näher auf die Problematik Bandscheibenvorfall und Spinalkanalstenose eingehen. Ein Bandscheibenvorfall kann sehr plötzlich entstehen, kann sich aber auch über Wochen oder Monate hinaus langsam entwickeln. Der Verlauf ist sehr individuell. Manche merken gar nichts, andere haben Rückenschmerzen. Wenn der Bandscheibenvorfall auf einen Nerv drückt, können auch Beinschmerzen, in Kombination mit Taubheitsgefühl und Kribbelmissempfindungen auftreten. Sind Nerven betroffen, die für die Bewegung zuständig sind, kann es zu einer Schwäche im betroffenen Muskel kommen. Wichtig ist, dass die Größe eines Bandscheibenvorfalles nicht immer mit dem Ausmaß der Beschwerden korreliert. So kann ein großer Vorfall in der Mitte des Spinalkanals asymptomatisch sein aber ein kleiner Vorfall an einer ungünstigen Stelle zu massiven Beschwerden führen. Sollten Lähmungen auftreten, ist eine rasche Vorstellung beim Arzt sinnvoll, weil Nerven bei länger andauernder Quetschung durch die ausgetretene Bandscheibe im schlimmsten Fall für immer geschädigt bleiben können. Oft kann man Bandscheibenvorfälle konservativ behandeln. Cortison und Schmerzmittel sind eine sinnvolle Kombinationstherapie. Bei ausgeprägten Symptomen und relevanter Lähmung kann es notwendig sein den Bandscheibenvorfall operativ zu entfernen, damit der Nerv schnell entlastet wird. Dies wird dann individuell mit dem Patienten besprochen und aufgrund der Symptome und dem entsprechenden MRT Befund entschieden.

Fritzsche: Also wenn ich isoliert Rückenschmerzen habe kann ich auch mal selbständig eine Schmerztablette einnehmen und mit Wärme und Ruhe selbst therapieren. Bei Ausstrahlungen in das Bein und bei Lähmungen sollte ich mich rasch beim Arzt vorstellen. Welche Therapie können Sie bei neu aufgetretenen Rückenschmerzen noch empfehlen?

Scholz: Ganz eindeutig Sport. Da der Bewegungsmangel, einseitige Belastung und auch Übergewicht die Hauptursachen für Rückenschmerzen sind ist Bewegung die Lösung. Die Muskulatur wird trainiert, das Gewicht kann reduziert werden und einseitige Belastung kann ausgeglichen werden. Es ist ein Irrglaube, dass man mit Ruhe und Pause die Probleme in den Griff bekommt. Wenn es ein akuter neuer Schmerz im Rücken ist, macht es durchaus Sinn, wie sie gesagt haben, dass man eine Schmerztablette nimmt und sich schont. Aber generell kann man sehr häufig den isolierten Rückenschmerz, vor allem wenn er schon länger da ist oder immer wieder kommt, mit Sport deutlich reduzieren. Man kann zur Hilfe Physiotherapie nehmen um individuelle Übungen gezeigt zu bekommen, oder man kann regelmäßig am Rehasport teilnehmen. Und am Ende muss man natürlich zu Hause einiges von den Übungen umsetzen.

Fritzsche: Sie haben die Spinalkanalstenose angesprochen. Was kann man sich darunter vorstellen und wie erkenne ich, wenn ich das habe?

Scholz: Die Spinalkanalstenose ist eine Einengung des Wirbelkanals, durch den das Rückenmark läuft. Bei deutlichen Wirbelsäulendeformitäten oder durch einen Unfall kann man das schon in jungen Jahren haben, in der Regel handelt es sich aber um eine degenerative Erkrankung älterer Menschen, meist über 60 Jahre. Weltweit ist sie der häufigste Grund für eine Operation an der Wirbelsäule. Der Wirbelkanal wird umgeben von der Bandscheibe, von Bändern und von den beidseitigen Wirbelgelenken. Wenn sich an den Strukturen was verändert, kommt es auch zu einer Veränderung der Weite des Kanals. Das wäre z.B. ein Höhenverlust an der Bandscheibe, oder aber auch ein Bandscheibenvorfall in Richtung des Wirbelkanals, was den Spinalkanal einengen kann. Die kleinen Wirbelgelenke können eine Arthrose entwickeln und zusätzlichen Knochen anbauen und Bänder können sich ebenfalls im Alter verdicken. All diese Aspekte können einzeln oder in Summe zu einer Spinalkanalstenose führen.

Fritzsche: Und wie merke ich das, wenn ich eine derartige Enge habe?

Scholz: Meist gehen langjährige schleichende Rückenschmerzen voraus. Bis es schließlich zu Ausstrahlungen in die Beine unter Belastung kommt. Das bedeutet, die Patienten gehen ein Stück und müssen dann anhalten und sich hinsetzen, um eine Beschwerdebesserung zu erfahren. Manche bleiben auch stehen und beugen sich nach vorn und erreichen damit, dass der Beinschmerz sich wieder bessert. Durch die Zunahme der Stenose wird die Gehstrecke im Laufe der Zeit immer kürzer, bis die Patienten nur noch wenige Meter laufen können. Bergauf gehen und Fahrradfahren geht meist besser, weil der Oberkörper dabei nach vorne geneigt ist. Man nennt diese Erkrankung auch orthopädische Schaufensterkrankheit.

Fritzsche: Jetzt haben doch einige Menschen Angst vor Operationen an der Wirbelsäule. Welche Möglichkeiten gibt es? Und muss es immer gleich die Versteifung sein?

Scholz: Natürlich sollte man zuerst alle konservativen Maßnahmen ausschöpfen. Dazu zählt Physiotherapie, Schmerzmitteleinnahme oder andere Alternativen, wie z.B. Akkupunktur oder Manuelle Therapie. Wenn diese jedoch ausgeschöpft sind, der Patient deutlich im Alltag eingeschränkt ist und keine Lebensqualität mehr hat, empfehlen wir eine sogenannte Dekompression. Dabei machen wir im Spinalkanal wieder mehr Platz, in dem wir z.B. knöcherne Anbauten, verdickte Bänder oder verschleißveränderte Bandscheiben operativ entfernen. Bildlich gesprochen sind wir die Handwerker, die Sie rufen, wenn bei Ihnen zu Hause ein Rohr verstopft ist damit das Wasser wieder ungehindert fließen kann.

Die Versteifung macht dann Sinn, wenn der Spinalkanal nicht nur extrem verengt, sondern das betroffene Bewegungssegment zusätzlich auch instabil ist. Das ist z.B. bei einem sogenannten „Gleitwirbel“ der Fall. Würde in diesem Fall nur der Spinalkanal freigelegt werden, wird das Bewegungssegment noch instabiler und es können starke Rückenschmerzen verbleiben oder der Spinalkanal wird nach einiger Zeit wieder enger. Daher empfehlen wir in diesem Fall das Bewegungssegment neben der Freilegung des Spinalkanals zusätzlich mit Schrauben und Stäben zu versteifen.

Fritzsche: Und wenn es doch die Hüfte ist, die weh tut?

Scholz: Man sollte bei Rückenpatienten immer die Hüfte mit untersuchen. Der erfahrene Untersucher kann dabei ziemlich gut unterscheiden, wo der Schmerz herkommt. Auch ein Röntgenbild kann bei Findung der Diagnose helfen. Manche Patienten haben aufgrund der Fehlbelastung bei einer Hüftarthrose Rückenschmerzen. Dann kann es sinnvoll sein, zuerst die Hüfte zu therapieren und am Ende können sich dadurch auch Rückenschmerzen wieder reduzieren oder sogar weg sein.

Fritzsche: Also zusammengefasst ist eine ausführliche körperliche Untersuchung und Bildgebung wie Röntgen und MRT notwendig, um das Hauptproblem Hüfte oder Rücken zu finden.

Scholz:  Genau so ist es. Wir werden am 14. September in Braunfels einen Patienteninformationsabend anbieten. Hier werden wir nochmal ausführlich über Rückenprobleme und auch Hüftprobleme informieren. (Nähere Informationen können Sie ab August im Sekretariat Wirbelsäulenchirurgie unter 06442-939199 erfragen).

Fritzsche: Herzlichen Dank für das Gespräch Herr Dr. Scholz!

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Dr. med. Anna Fritzsche
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