Zauberpilze - „Magic Mushrooms“

Heute soll es um Pilze der Gattung Psilocybe gehen, im Deutschen heißen sie Kahlköpfe.

Es gibt verschiedene Arten der Gattung, die auch bei uns vorkommen, manchmal wachsen sie auf Weiden aus Dunghaufen oder stehen auf totem Holz. Am bekanntesten ist vielleicht noch der Spitzkegelige Kahlkopf, Psilocybe semilanceata (Fr.) Quélet. Klein und unscheinbar sind diese „Kahlköpfe“, meist unbeachtet, als Speisepilze uninteressant, da viele in Pilzbüchern als „giftig“ bezeichnet werden.

Interessanter als die heimischen Arten sind Psilocybe-Species aus Mittel- und Südamerika. Die indigenen Völker Mittel- und Südamerikas verwenden sie seit Generationen bei religiösen Ritualen und Heilzeremonien zur Erzeugung von Rauschzuständen. Erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts erreichte uns dieses Wissen durch Berichte von Menschen, die das Vertrauen solcher traditioneller Heiler gewonnen und an rituellen Zeremonien teilgenommen hatten. In den 60er und 70er Jahren strömten Hippies und Abenteurer nach Mittelamerika und brachten die Rauschpilze mit, die hier illegal angebaut und frisch oder getrocknet in der Drogenszene gehandelt werden. Bereits 1959 gelang dem Schweizer Chemiker Alfred Hofmann, Entdecker des LSD, die Strukturaufklärung, später die Totalsynthese der halluzinogen wirksamen Substanz aus Psilocybe-Pilzen, die er „Psilocybin“ nannte. Es handelt sich dabei um ein Indolalkaloid mit einfacher Tryptamingrundstruktur, chemisch strukturanalog zu den sog. „Weckaminen“, Phenylethylaminderivate wie Amphetamin, die für ihre stimulierende und aufputschende Wirkung bekannt sind.

Was hat es nun mit den „Zauberpilzen“ auf sich und wie gefährlich ist der Konsum? Die unmittelbare Giftigkeit von Psilocybin ist relativ gering, für eine tödliche Vergiftung müßten mehrere Kilogramm frischer Pilze gegessen werden, wobei der Giftstoffgehalt natürlich stark schwankt und es somit nicht möglich ist, eine konkrete letale Menge anzugeben. Das Risiko der Einnahme liegt vielmehr im Rauschpotential von Psilocybin, das zu psychischen Ausnahmesituationen führt. Es kann zu starker Aggressivität kommen, bedrohlichen und suizidalen Gedanken, Verfolgungswahn, starken Halluzinationen („Horror-Trips“, „Flug-Trips“) bis hin zur Depersonalisierung. Tödliche Unfälle, z. B. durch Sprünge aus großer Höhe, nach Psilocybineinnahme sind selten, aber mehrfach beschrieben. Etwa ein Viertel aller „Anwender“ berichtet nach „Pilztrips“ von anhaltenden psychischen Problemen, dauerhaften Angstzuständen und psychotischen Symptomen. Viele beschreiben einen solchen „Pilztrip“ als einschneidende Erfahrung mit mystischen Visionen und Einsichten. Die Entwicklung körperlicher Abhängigkeit ist nicht beschrieben, eine psychische Abhängigkeit eher unwahrscheinlich. Dies unterscheidet Psilocybin deutlich von den Amphetaminen, die zu den am schnellsten zerstörenden Drogen überhaupt gehören und sehr schnell abhängig machen.

Psilocybin wird nach Aufnahme im Körper metabolisiert und es entsteht als eigentliche Wirkform das Psilocin, das derzeit in der Psychotherapie wieder verstärkt untersucht wird. Möglicherweise kann dies in der Zukunft in die Entwicklung eines Medikamentes münden, das zur Behandlung schwerster Depressionen gebraucht werden könnte. Publizierte Studien sind aufgrund der geringen Probandenzahl noch nicht aussagekräftig genug. Es gibt jedoch Hinweise darauf, daß Psilocybin bzw. Psilocin die funktionelle Konnektivität im Gehirn erhöht, also das Zusammenarbeiten verschiedener Gehirnbereiche verbessert wird, vermutlich durch Bildung neuer Verknüpfungen von Nervenzellen im Gehirn. Lassen wir also der Wissenschaft die notwendige Zeit und warten wir auf sichere Wirkstoffe und Dosierungen. Bis dahin gilt: Finger weg von Rauschpilzen! Weder Wirkstoffgehalt noch Anwendungsfolgen sind überschaubar. Die Chancen auf „Horrortrip“ statt „schönem Traum“ sind hoch!

 

Über den Autor

Dr. Karl-Heinrich Horz
Dr. Karl-Heinrich Horz
Apotheker

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