COVID-19 Pandemie im Kindes- und Jugendalter

Eine Zwischen – noch keine Endbilanz . . .

Dass Deutschland schon früher und auch in einer aktuellen “ Forsa-Umfrage“ zur Kinderfreundlichkeit von zwei Drittel unserer Bevölkerung als „eher unfreundlich“ eingestuft wird, ist schlicht beschämend.

Kindeswohl ist trotz großem Engagement vieler Bürger und Institutionen noch immer kein fest verankertes Recht im Grundgesetz. So konnten in der nunmehr fast dreijährigen Viruspandemie teilweise folgenreiche politische, individuelle und institutionelle Entscheidungen getroffen werden, die sich im Rückblick als unangemessen oder gar gesundheitsgefährdend erwiesen haben.

Mittlerweile wissen wir aus weltweiten, seriösen Studien sehr vieles über das Sars-Cov-2 Virus und die Coronakrankheit - auch wenn es sich vom Alpha- über Gamma - bis zum aktuellen Omikrontyp BA-5 in vielerlei Varianten mit unterschiedlicher Infektiosität und Symptomatik mutiert. Die medizinisch wissenschaftliche Leistung der Infektiologen und Immunologen samt Pharmaindustrie sowie der Ärzte und Pflegekräfte im Kampf gegen den allzu oft tödlichen Erreger ist einmalig in der Medizingeschichte. Und doch hat die Umsetzung unverzichtbarer präventiver und therapeutischer Maßnahmen insbesondere in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen zu teilweise schweren „Nebenwirkungen“ geführt. Dabei haben vorwiegend in Klinik und Praxis tätige Pädiater und ihre Berufsverbände schon frühzeitig vor rigider Quarantäne und strengen Isolationsmaßnamen gewarnt. Sie fanden oft wenig Gehör bei politischen, statistischen und epidemiologischen „Entscheidern“.

Die Covid-19 Infektion verlief und verläuft aktuell bei Kindern und Jugendlichen in aller Regel sehr viel milder als bei Erwachsenen – grippeähnlich, nicht selten asymptomatisch. Es gab nur relativ wenige intensivpflichtige Erkrankungen und nur vereinzelte tragische Sterbefälle. Ein schwerer Infektionsverlauf stand nahezu immer im Zusammenhang mit ernsthaften Vorerkrankungen wie angeborener oder erworbener Immunschwäche, Herz-Lungenerkrankungen, Stoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Rheuma, Krebs oder starkem Übergewicht. Eine Intensivbehandlung in Kinderkliniken war für Säuglinge und Kleinkinder nur selten nötig. Hingegen zeigten selbst nicht gesundheitlich vorbelastete Jugendliche durchaus schwere Verläufe bekannt als „long covid“, die eine intensive Langzeitbehandlung z.B. wegen Herz- und Lungendefekten, allgemeiner Schwäche oder Konzentrations- und Bewegungsstörungen benötigen.

Welche allgemeinen Vorbeugemaßnamen und Therapien haben sich bewährt?

Die AHA-Regel: Abstand -Hygiene - Atemschutz (Maske zur Mund/Nasenbedeckung) ist und bleibt die wichtigste Prävention gegen Tröpfcheninfektion für alle Altersgruppen. Wir wissen heute: Kinder- und Jugendliche sind nicht infektiöser als Erwachsene – auch nicht für Eltern, Lehr- und Erziehungskräfte in Schule und Kita. Kinder waren zu keinem Zeitpunkt „hot spots“ Treiber der Pandemie. Die Coronamaske als Eigen- und Fremdschutz wird sicherlich für das nach dem Sommer zu erwartende Aufflammen der Infektionszahlen von Bedeutung sein - auch für die jüngere Generation und immer aktuell bei unkontrollierbar großen Menschenansammlungen insbesondere bei persönlicher Gefährdungssituation.

Der Coronaimpfschutz war für das Abflauen der Pandemie unverzichtbare Prävention. Die Impfungen schützen zwar nicht vor einer Infektion, verhindern aber sehr wirksam schwere und tödlich endende Verläufe. Dies gilt auch für das Kindesalter: Ab dem 5. Lebensjahr in altersgemäß reduzierter Dosis mit offizieller Zulassung und STIKO-Empfehlung. Eine Auffrischung gegen den dann aktuellen Virussubtyp wird zum Herbst erforderlich sein. Ein Corona (m-RNA) Impfstoff für das Säuglingsalter – wie bei vielen Mehrfachimpfungen im Impfkalender seit Jahrzehnten erfolgreich umgesetzt – ist in Entwicklung.

In welchen Lebensbereichen führte die Coronapandemie bei Kindern und Jugendlichen - unabhängig vom klinischen Krankheitsbild – zu großer Beeinträchtigung oder gar verlorener Lebensqualität

Baby - Kitabetreuung, Schule, Vereinsleben, Spielplätze, gemeinsame Freizeitaktivitäten wurde bei Strafandrohung verboten - Lock down!

Häufig wechselnde, landes- und bundesweit heftig umstrittene häusliche Quarantäne- und soziale Isolationspolitik konnte für unsere heranwachsende Kinder- und Jugendgeneration nicht ohne gesundheitliche Folgen bleiben. Mittlerweile liegen übereinstimmende Berichte über konkrete Lebensdefizite aus vielen Lebensbereichen während der Coronazeit bei Jungen und Mädchen aus allen Ländern vor:

Motorische Defizite:

Vom Säugling bis in die Jugend ist der Drang und die Lust an Bewegung ganz zentraler Teil der optimalen persönlichen Entwicklung. Am besten gelingt dies in gut behüteter Umgebung – sei es in Familie, Kita, Schule, Verein oder in Freundschaften bis zur Peer Group der Pubertierenden. Jungen leiden bekanntermaßen mehr unter fehlender körperlicher Auslastung als Mädchen, diese suchen eher emotionale Sozialkontakte zu Gleichaltrigen. Der Verzicht und Verlust erworbener Fähigkeiten im Sport und Freizeitalltag führte häufig zu Lethargie oder Aggression. Bei älteren Jugendlichen stieg der Verbrauch von Alkohol, Nikotin und Drogen deutlich an. Individuelle Kräfte und Fähigkeiten müssen im sozialen Umfeld auch in Krisenzeiten erworben, anerkannt und gefördert werden. Vielseitige Angebote zu sozialisierender Kommunikation und damit selbstbewusster Persönlichkeitsentwicklung zu garantieren liegt in der Verantwortung aller Erwachsenen.

Kognitive Defizite

Lesen und Sprachverständnis, Rechtschreiben, Rechnen oder Zeichnen litten – wie zu erwarten – durch Wechsel zwischen totalem Schulausfall, Präsenzunterricht, oft unbefriedigendem Home Schooling erheblich. Schuluntersuchungen im Frühjahr 2022 zeigen Defizite in fast allen Fächern. In der Lesekompetenz fehlt bei 5. Klässlern ein halbes Jahr. Sind die internen Familienverhältnisse schwierig oder häufig mit Migrationshintergrund beträgt der Wissensverlust bis zu eineinhalb Jahre im Vergleich zu Vorcoronazeiten!

Psychosoziale Defizite

Folge der teils langen Isolation waren Ängste, Depressionen, Frust, Aggressionshandlungen und Verstärkung bereits vorhandener Verhaltensauffälligkeiten oder psychischer Erkrankungen wie Autismus, ADHS, Konzentrationsstörungen oder anderweitige Behinderungen. Dies umso mehr, wenn Kinder in „gestörter“ Familiensituation leben: Wohnungsenge, Armut, Scheidungssituation, Erkrankungen der Eltern oder als Migrationsfamilie mit fehlenden Sozialkontakten und Sprachhürden.

Kinder- und Jugendpsychiatrische und spezialisierte psychologische Praxen sowie offizielle Beratungsstellen sind – nicht nur in der Pandemiezeit - vollkommen überlastet. Es fehlen schlicht Anlaufstellen für Hilfesuchende. Jahrelange Forderungen nach mehr Schul-psychologischer Betreuung, Hilfen durch Jugendamt und ÖGD müssen Gehör finden und zu Lösungen führen.

Gewaltdelikte

Sexueller Missbrauch und körperlich, seelische Kindesmisshandlungen auch Pornographie haben in der Coronazeit in allseits angespannten Lebenssituationen ebenso dramatisch zu genommen wie Gewalt gegen Frauen. Jungen sind von körperlichen Strafen häufiger betroffen als Mädchen. Beratungs- und Hilfeeinrichtungen arbeiten auch hier am Limit.

Körperliche Defizite

Adipositas

Rasante Zunahme der ohnehin schon bedrohlichen Übergewichtigkeit, damit Gefahr von Diabetes mellitus wegen oft unkontrolliertem Konsum von Fertiggerichten und Süßem in häuslicher Quarantäne ohne Bewegung und Sport.

Fehlsichtigkeit (Myopie) wegen viel zu wenig Aufenthalt im Tageslicht und unkontrolliert, ungebremstem, oft bereits suchtartigem Medienkonsum in Computerspielen, Handy und Internetforen samt Fernsehen.

Betreuungs- und Versorgungsdefizite

Persönliche Ängste, schwierige Familiensituation in Quarantänezeiten und Probleme einen Arzttermin zu erhalten verschärften die Gesundheitslage für Kinder und Jugendliche. In der Pandemiezeit gab es deutlich weniger Arztkontakte. Dies führte zu Diagnoseverschleppung akuter Erkrankungen oder notwendiger Kontrollen behandlungsbedürftiger, chronischer Krankheiten mit der Gefahr einer Verschlimmerung und Notfällen von z.B. Diabeteskoma, Asthmaanfällen aber auch Verschiebungen von notwendigen Operationen.

Gehäuft kam es zu potentiell gefährlichen „Impfstofflücken“, weil fällige Impftermine – insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern – seltener wahrgenommen wurden- ebenso die öffentlich empfohlenen Kinder- und Jugendvorsorgen. Aus Personalmangel und Organisationsdefiziten fiel vielerorts die staatlich verpflichtende Einschulungsuntersuchung des öffentlichen Gesundheitsdienstes aus. Die Chance, Schultauglichkeit mit möglichen Hilfsangeboten für diagnostizierte Defizite zu dokumentieren, war vergeben.

 

Fazit

Unverantwortliche Dauerdiskussionen seitens Coronaleugnern, Impfgegnern mit beschämenden Protestkundgebungen und häufig wechselnden Stellungnahmen von Verwaltungs- und Zuständigkeitsbehörden verwirrten große Teile der Bevölkerung und gerade heranwachsende Jugendliche, die auf kompetente Verlässlichkeit zur eigenen Meinungsbildung angewiesen sind.

Nicht nur Pädiater und Kinderschutzverbände fordern für die Zukunft einen Kurswechsel in der Beurteilung und Handhabung der Pandemie. Schulen und Kitas müssen ebenso „offen“ bleiben wie das Sozialleben in Vereinen und auf Spiel/ Sportplätzen. Es geht um möglichst maximale Teilhabe der heranwachsenden, schutzbedürftigen Generation. Situationsbedingt drohende, teilweise auch seit langem bekannte Personal- und Einrichtungsnotstände müssen präventiv erkannt und dringlich behoben werden. Fehlende Kenntnisse von Erziehungspersonal im Umgang mit z.B. digitalen Medien in Betreuung und Unterricht sind ebenso, wie eine nicht ausreichende technische Ausstattung vom Computer bis zur nachgewiesen wirksamen Entlüftungsanlage oder örtlichen Hygienesituation unverantwortlich. Unser eher restriktives – auf höchsten Individualschutz fixiertes Datenschutzgesetz verlangt nach einer Reform. Nicht nur in einer Pandemiezeit ist eine zentrale bundesweite Erfassung medizinisch relevanter Daten unverzichtbar. Das Coronavirus hat die große Unsicherheit in fehlenden bundesweiten Zahlen über Impfstatus, Impfstoffbeschaffung und -verteilung sondern auch über zentrale Themen wie spezifizierte Impfpflicht, Erkrankungs- und Todesfallinzidenzen oder bürokratische wie personelle Ausstattung der Gesundheitsämter aufgedeckt.

Das seit Coronabeginn seitens der Regierung richtigerweise eingerichtete „Expertengremium“ hat für die nächste Zukunft Korrekturen im Pandemiemanagement angekündigt. Dies alles wohl wissend, dass Entscheidungen in der dramatischen Anfangsphase der Pandemie mit unsicherem Wissensstand und der dringlichen Notwendigkeit konkret handeln zu müssen eine „milde“ Beurteilung verdienen.

Das Lebenswohl aller Generationen ist ein hohes gesellschaftliches Gut. Sein Schutz und eine Aktualisierung eine Daueraufgabe für alle Bürger.

Das Virus ist noch unter uns - Prävention unverzichtbar!

Über den Autor

Dr. med. Josef Geisz
Dr. med. Josef Geisz
Kinder-Jugendarzt/Allergologie, Wetzlar

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