„Herr Doktor, ich könnt` mir den Arm wegschmeißen,

das Problem ist nur, ich kann halt überhaupt nicht werfen.“

Nicht selten schmerzt die Schulter so stark, dass den Patienten jedes Mittel recht ist, ihre Schmerzen loszuwerden. Die Schulter wird von der Hand der anderen Seite kräftig gerieben, „ich hab schon wirklich alles versucht, geschmiert, das teure Voltaren, selbst Pferdesalbe hat so gar nichts gebracht“

Die Verzweiflung der Patienten ist sehr verständlich, wenn ein Arm ab der Schulter zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Dabei sind es oftmals die sehr aktiven Menschen, die den Garten auf „Vordermann“ bringen wollen, die noch ein wenig „Holz machen“ wollen. Aber wenn die Schulter schmerzt, kann selbst das Aufhängen der Wäsche zur Qual werden. Besonders für diese aktiven Menschen wird ihre aufgezwungene Tatenlosigkeit unerträglich. Sie sind es nicht gewohnt, andere Menschen um Hilfe zu bitten. „Ach, meinem Mann kann ich das nicht sagen, dass er die Wäsche aufhängen soll, der ist für so was nicht gemacht!“

Wenn ich solche Sätze hören, wage ich das doch sehr stark zu bezweifeln, dass es Menschen gibt, die mehr zum Wäsche aufhängen gemacht sind als andere. Es muss halt einer tun. Man könnte natürlich den Gatten fragen, der würde das bestimmt ohne Murren und Knurren erledigen. Aber damit würde zwar der Wäsche geholfen sein, aber immer noch nicht der eigenen Schulter. So gesehen ist dann der Besuch beim Arzt auf jeden Fall die bessere Alternative, als den eigenen Arm wegen der blöden Schmerzen wegzuschmeißen.

Was ist nun aber der Grund für den unerträglichen Schmerz in der Schulter? Ich frage bei meinem Patienten nach und der kann sich an keinen wirklichen Unfall erinnern. Vielleicht hat er ein wenig viel über Kopf im Garten gearbeitet, „ja, mit der Heckenschere war ich in den Büschen, aber einen Unfall hab ich nicht gehabt. Die Schmerzen traten ja auch erst am nächsten Morgen auf.“

Bei der Untersuchung des Patienten kann dieser erstaunlich gut seine Hand des schmerzenden Armes in den unteren Regionen bewegen. Ein Brot zu schmieren, mit der Maus arbeiten oder auch Kochen bereiten keine Probleme. Dann bitte ich den Patienten, den Arm vom Körper abzuspreizen, am besten mit gestrecktem Ellenbogen. Sowohl in der Bewegung nach vorne als auch zu Seite gelingt das so gerade eben bis 90°. Das bedeutet, dass der Arm die Horizontale erreicht, also parallel zum Boden angehoben werden kann. Aber dann bitte ich den Patienten einmal den Arm über diese Horizontale aktiv anzuheben und dann kann ich erstaunliches beobachten. Wenn man zum Beispiel mit der anderen Hand den schmerzenden Arm anhebt, kann der Arm auf Überkopfniveau gehoben werden. Aktives Heben? Klappt! Zwar mit Hilfe des anderen Armes, aber der Patient kommt hoch.

Sehr beliebt ist auch das Heben des Armes aus der Wirbelsäule heraus. So kann der Arm, der tatsächlich nur unter Schmerzen auf 90° abgespreizt werden konnte, durch das seitliche Neigen in der Lendenwirbelsäule deutlich höher als der Kopf gestreckt werden. Auch dieser Patient weiß sich zu helfen.

Was ist nun aber die Ursache für die eingeschränkte Beweglichkeit? Was ist da im Wege, dass wir uns alle möglichen Verrenkungen ausdenken, um die schmerzenden Bewegungen zu vermeiden?

Wenn man in ein Schultergelenk hineinschaut, erkennt man, dass es eine natürliche Enge zwischen dem Schulterdach und dem Oberarmkopf gibt.

In dieser Enge verlaufen die Sehnen, die den Arm nach außen und innen rotieren (Rotatorenmanschette). Diese Sehnen werden abgepolstert gegen den Knochen des Schulterdaches durch einen Schleimbeutel. Einer der häufigsten Gründe für die schmerzhafte Einschränkung der Beweglichkeit des Schultergelenkes ist eine Reizung und damit Schwellung dieses Schleimbeutels. Der Schleimbeutel kann durch starke Arbeit oder häufige Bewegungen über Kopf gereizt sein. Manchmal ist auch das Schulterdach (Acromion) zu stark nach unten geneigt. Dadurch wird der Raum unter dem Schulterdach eingeengt (Einengungssyndrom – Impingement).

Gezielte Krankengymnastik kann sehr gut helfen, dieses Einengungssyndrom zu verbessern. Bei einer akuten Reizung ist auch die Gabe einer Spritze unter das Schulterdach sehr hilfreich, um den gereizten Schleimbeutel zu beruhigen. Manchmal ist allerdings die Einengung so stark ausgeprägt, dass man mit dem Patienten die Möglichkeiten einer Operation bespricht. Durch eine Operation ist nicht nur der Schmerz verbesserbar, sondern es kann auch verhindert werden, dass der knöcherne Sporn die darunter liegenden Sehnen ankratzt. Dieses „Scheuern“ kann soweit führen, dass die Sehnen ausgedünnt werden oder sogar reißen.

Wenn die Einengung durch einen ausgeprägten knöchernen Sporn des Schulterdaches nach unten besteht, dann können bei einer Gelenkspiegelung der Schulter ein paar Millimeter vom Knochen abgeschliffen werden. Zusätzlich wird der gereizte und vergrößerte Schleimbeutel entfernt, so dass für die darunterliegenden Sehnen wieder genug Platz für schmerzfreie Bewegungen ist.

In einigen Fällen ist auch ein ausgeprägter Kalkherd unter dem Schulterdach die Ursache für ein schmerzhaftes Einengungssyndrom

Einengungssyndrom durch einen Kalkherd unter dem Schulterdach

Der Grund für Entstehung dieser Kalkherde ist noch immer nicht eindeutig erforscht. Bekannt ist, dass die Kalkansammlungen ohne Trauma oder Überlastung entstehen. Oftmals treten die Beschwerden an beiden Schultergelenken auf. Patienten, die unter einer Einengung durch einen Kalkherd leiden, geben teilweise Zunahme ihrer Schmerzen durch Krankengymnastik an. Die Sehnen, die durch die Gymnastik mobilisiert werden, können durch das Reiben am Kalkherd zusätzlich gereizt werden. Sehr hilfreich kann bei Kalkansammlungen der Einsatz von einer Stoßwelle sein.

 

Durch die von außen eingesetzten Impulse werden die Kalkherde zerkleinert und auf eine Größe reduziert, die die beteiligten Sehnen in ihrer Beweglichkeit nicht mehr beeinträchtigt. Durch den schmerzfreien Einsatz der Stoßwellen kann häufig eine Operation vermieden werden. Aber auch die Operation in Form einer Schultergelenksarthroskopie verbessert bei hartnäckigen Kalkherden gelenkschonend (minimal invasiv) die Beweglichkeit und beendet den Schmerz.

So sollte am Ende der Therapie, der Patient seine Schulter nicht mehr wegwerfen wollen, aber dafür wieder werfen können.

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Dr. Georg Springmann
Dr. Georg Springmann

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Aktuelle Ausgabe06.10.