Chirurgischer Ratgeber: Das postoperative Nervus genitofemoralis-Syndrom

„Es schmerzt stärker als vor der Leistenbruch-Operation“

Die Leistenbruchoperation gehört zu den häufigsten Eingriffen überhaupt, sie werden vorwiegend „minimal-invasiv“, also mit winzigen Schnitten ausgeführt, die sogenannten „offenen Techniken“ sind mit einem mehr oder weniger großen Schnitt in dem jeweiligen Leistenbereich verbunden.

Die gängigen Verfahren bringen ein Kunststoffnetz ein, dass die „schwache“ Leistenregion verstärkt und danach kraftvolle Dauerbelastung zulässt.

Die Eingriffe sind tatsächlich wenig belastend, sie werden sehr routiniert ausgeführt und bergen nur geringe Gefahren, auf die eine sorgsame Aufklärung des operierenden Chirurgen vor dem Eingriff aufmerksam machen muss.

Aufklärung über allgemeine Komplikationen

Es ist ein riesiger Unterschied, ob ein schlanker 18jähriger Patient mit einer „weichen Leiste“ operiert werden soll, oder die Operation einem älteren und übergewichtigen Leistenbruchträger zugeführt werden muss, der durch einen „doppeltmannsfaustgroßen“ Bruchsack gequält wird, Medikamente zum „Blutverflüssigen“ einnimmt, herzkrank ist, an Diabetes leidet und chronisch hustet. Zwangsläufig muss über viele allgemeine Komplikationen des Herz-Kreislauf-Atmungssystem gewissenhaft aufgeklärt werden.

Die in den Kliniken verwendeten Aufklärungsbögen sind übersichtlich gestaltet und vergessen nicht das kleinste Detail.

Um Angst zu nehmen, steht das persönliche Gespräch und die damit verbundenen Erläuterungen als wichtigste Operationsvorbereitung im Vordergrund. Die Fragen um die Narkose oder andere Betäubungsverfahren werden separat durch die Fachärzte für Anästhesie vorgenommen, ebenfalls anhand der separaten Aufklärungsbögen.

Chirurgische Komplikationsmöglichkeiten bei Leistenbruch-Operationen

Die Komplikationsrate bei Leistenbruch-Operationen beträgt 5-10%.

Dazu gehören Blutergüsse, Blutung und Nachblutung, Serom-Bildung, Wundinfekt, eine Hodenreizung oder Entzündung, nicht abnehmende Schmerzen und das Wiederauftreten des Bruches (Rezidiv). Sehr selten sind ein Darmverschluss bei „Riesenbrüchen“ und eine reflektorische Harnverhaltung möglich.

Die Häufigkeit schwerer Komplikationen liegt unter 1%.

Besonders wichtig ist die Aufklärung über postoperativen Schmerzen

Jeder „Hernien-Chirurg“ macht früher oder später die bittere Erfahrung, dass es leider ein „Schmerzphänomen“ gibt, gegen dass es praktisch kein einfaches „Gegenmittel“ gibt.

Diese wenigen betroffenen Patienten fühlen sich fast immer nicht richtig behandelt und nicht richtig aufgeklärt. Leider kommt es in der Regel zu juristischen Auseinandersetzungen, die über die Landesärztekammern verhandelt werden.

Fehlt die ausführliche Aufklärung über die möglichen Schmerzfolgezustände, ist eine Sorgfaltspflichtverletzung seitens des Behandlers die Folge. Leider verschwinden aber auch durch Schmerzensgeldleistungen oft nicht die Schmerzen.

Worum geht es? Schmerzen durch den Nervus genitofemoralis!

Bei allen Gesprächen mit dem Patienten gilt vorab: Den Beschwerden des Operierten „Glauben schenken“!

Die Schwierigkeit des Beurteilens der Beschwerden durch die unterschiedliche Empfindung von Schmerzen steht dabei im Vordergrund, denn eigentlich kann ja kein Arzt einen Schmerz „nachempfinden“.

Ein Sprichwort sagt „seltene Krankheiten sind selten“.

Dies trifft vollumfänglich für Dauerschmerzen nach Leistenbruch-Operationen zu.

Der gemischt motorisch und sensibel wirkende periphere Ast heißt Nervus genitofemoralis, er zieht bei der Operation sichtbarwerdend durch die Leistenregion und versorgt Teile des Oberschenkels und der äußeren Geschlechtsorgane.

Er bereitet dann die Beschwerden in den genannten Bereichen. Sie entstehen, wenn der Nerv durch den Eingriff „verärgert“ wird oder „unter Zug“ gerät, sprichwörtlich vom eingelegten Netz „verzogen“ und „gereizt“ wird.

Erhöhtes Risiko beachten

Folgende Faktoren sind mit einem erhöhten Risiko für ein chronisches Schmerzsyndrom nach einer Leistenbruch-Operation verbunden:

 

jüngeres Alter

weibliches Geschlecht

starker Schmerz schon vor der Leistenbruch-OP

starker Schmerz früh nach der OP

Leistenbruch-Rezidive

offene Leistenbruch-OP, ohne Netz

kleinporige Netze

 

Der Arzt achtet nach der Operation eines Leistenbruchs auf eine schnelle und ausreichende Schmerzbehandlung. Wird diese nämlich vernachlässigt, steigt das Risiko chronischer Leistenschmerzen deutlich.

Schwierige Behandlung

Das zur Verstärkung eingebrachte Netz ist für den Körper ein dauerhafter Fremdkörper. Der Organismus kann überempfindlich darauf reagieren, zum Beispiel mit einer Entzündung. Auch eine Netzinfektion ist möglich - auch noch einige Wochen oder Monate nach der Leistenbruch-OP. Bei manchen Patienten verrutscht das Netz, rollt sich ein oder schrumpft.

Bei solchen Netz-spezifischen Komplikationen kann es notwendig werden, das Netz wieder zu entfernen, den Nerv aus Verwachsungen herauszulösen (Neurolyse). In besonders hartnäckigen Fällen sollten die Kenntnisse der Neuropelveologie (Erkrankungen der Beckennerven) in Anspruch genommen werden.

Schränkt diese Schmerzmöglichkeit die Entscheidung zur Leistenbruchoperation ein?

Nein!

Trotz der genannten Probleme sind 90% der am Leistenbruch Operierten zufrieden. Weltweit werden jährlich 20 Millionen Leistenbrüche versorgt, in Deutschland etwa 350000.

„Zertifizierte Hernien-Zentren“, im Internet unter diesem Namen zu finden, sind gute Adressen für den geplanten Eingriff.

 

Über den Autor

Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold
Dr. med. Klaus-Dieter Schiebold

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Aktuelle Ausgabe06.10.