Nervenschädigungen und die TCM

Für die traditionelle chinesische Medizin sind Erkrankungen, deren Symptomatik hauptsächlich die Nerven betreffen, eine Paradedisziplin für die Anwendung von Akupunktur. Hier wird gezielt das Nervensystem angesprochen und stimuliert. Begleitend zur Therapie mit den Nadeln wird geschröpft, das Vakuum, das durch die auf die Haut aufgesetzten Gläser erzeugt wird, fördert Durchblutung und Stoffwechsel, gleichzeitig dient es zur Entspannung der Muskulatur in der Umgebung der Nerven. Zusätzlich wird durch die Gabe einer Kräutermischung der innere Zustand regeneriert und verbessert.

Die mit Abstand am häufigsten auftretende Nervenschädigung ist die Polyneuropathie. Sie ist eine entzündliche Erkrankung der Nerven, die an der Unterseite der Füße beginnt und sich in Taubheitsgefühlen, Missempfindungen, Kribbeln und „Ameisenlaufen“ äußert. Die Nerven lösen sich langsam von ihrem Ende her auf und die Schädigung wandert über Unterschenkel und Schienbeine hoch bis in die Fingerspitzen. Spätere Symptome umfassen ein Brennen und Dauerschmerzen, die ebenfalls an der Fußsohle beginnen, die Beine hochwandern und auch die Finger betreffen können. In der TCM wird die Polyneuropathie als eine schleichende Vergiftung der Nerven betrachtet, die durch ein Zusammenspiel von äußeren und inneren Faktoren ausgelöst wird. Sie entwickelt sich jahrelang unauffällig, bis mit fortschreitendem Alter die ersten Beschwerden auftauchen. Mangelnde Bewegung, Umweltgifte, einseitige Ernährung, Allergien, Infektionen, Immunkrankheiten, Langzeitmedikamente, Alkohol, Diabetes, dies alles sind Ursachen für eine Polyneuropathie. Durchblutung, Kreislauf und Stoffwechsel des Körpergewebes ist gestört, es kommt zu Stauungen, die aufgrund der Schwerkraft zuerst an den Füßen bemerkt werden. In der chinesischen Medizin spricht man vom „Gewebeschleim“, der die Zugangswege für die Ernährung von Muskulatur und Nerven verstopft, zur Störung der Nervenleitung und letztendlich zu Missempfindungen führt.

Die Therapie in der TCM besteht aus Akupunktur und Schröpfen, die Nerven werden durch die Nadeln wieder angeregt und eine ungehinderte Durchleitung im Körper wieder hergestellt. Das Schröpfen führt zum gesteigerten Stoffwechsel und zur besseren Durchblutung, Nervenzellen werden besser ernährt und wieder aufgebaut.

Eine zweite häufige Erkrankung des Nervensystems ist die Trigeminusneuralgie. Sie zeigt sich nur im Gesichtsbereich, der Trigeminus ist ein dreigeteilter Nerv, der beidseitig am Auge, im Bereich der Wange und der Oberlippe und im Kinnbereich verläuft. Wird der Trigeminus durch Faktoren wie Wind, Kälte und Feuchte gereizt, so kommt es zu äußerst heftigen, stechenden Schmerzen der betroffenen Gesichtspartie, die meist nur Sekunden dauern, sich aber mehrmals täglich wiederholen können. Die Schmerzen erscheinen im Stirnbereich, auf der Wange, an den Lippen, im Zahnfleisch oder auch am Kinn. Es ist nur eine Gesichtshälfte betroffen. Schmerzauslöser können alltägliche, harmlose Tätigkeiten sein, wie z.B. Rasieren, Waschen, Essen, Zähneputzen, Lachen oder auch Sprechen. Oft werden Anfälle durch einen raschen Wechsel von warm zu kalt, Heizkörper oder auch Klimageräte ausgelöst.

Hier hilft Akupunktur, vor allem im Gesichtsbereich, den gereizten Nerv zu beruhigen und „umzuprogrammieren“. Da in der TCM der ungeschützte Kopf als Hauptangriffsziel für Wind und Kälte gilt, verursacht dieser ständige negative Einfluss Entzündungen und damit auch Schmerzen. Durch eine zusätzliche Gabe von wärmenden Kräutern werden die Ursachen der Entzündung, der innere Wind und die angesammelte Kälte, vertrieben.

Auch durch Viren ausgelöste Erkrankungen verursachen Schädigungen im Nervensystem. Als Beispiel soll hier die Gürtelrose dienen, die eine Folgeerkrankung eines Herpesvirus darstellt, der im Kindesalter nach einer Windpockeninfektion lebenslang im Blutkreislauf verbleibt. Wird das körpereigene Immunsystem kurzzeitig geschwächt, aktiviert sich das Virus und die Erkrankung bricht erneut aus. Vorwiegend ältere Menschen um das 70. Lebensjahr, auch Menschen mit reduzierter Immunabwehr ab 45 Jahren sind davon betroffen. Der Name „Gürtelrose“ leitet sich von dem sichtbaren Ausschlag her, der sich gürtelförmig über den Oberbauch windet. Die typischen brennenden Schmerzen entstehen durch Entzündung der Nervenstränge. Hinzu kommt meist noch ein quälender Juckreiz.

Aus der Sicht der TCM reagiert der Körper auf eine Schwächung des Immunsystems mit innerer Hitze, um die Stoffwechselprozesse anzustoßen und Viren zu bekämpfen. Diese Hitze und die daraus resultierenden Giftstoffe müssen ausgeleitet werden, um den Körper vor Überhitzung und Vergiftung zu schützen. Die Ausleitung erfolgt über die Hautoberfläche, und der für die Gürtelrose typische Ausschlag erscheint. Der Juckreiz ist eine Begleiterscheinung der Ausleitung von Giftstoffen, während die entzündeten Nervenstränge den brennenden Dauerschmerz verursachen.

Durch Ganzkörperakupunktur ist es möglich, die Nervenbahnen zu beruhigen, indem sie gezielt stimuliert werden und ein Gegenreiz gesetzt wird. Das Schröpfen hilft bei Durchblutung und Ausleitung von Hitze und Giftstoffen. Kräuter wirken von innen her erfolgreich gegen den Juckreiz, fördern die Stoffwechselprozesse und stärken somit das Immunsystem. Die Therapie sollte möglichst frühzeitig beginnen, damit die Schmerzen sich nicht dauerhaft manifestieren und die Nervenentzündung nicht zu einer chronischen Neuralgie wird.

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