Keine Angst vor „Grauem Star“

Der graue Star, medizinisch auch Katarakt genannt, beschreibt eine Trübung der eigentlich klaren Linse des Auges. Ist diese Trübung weit vorangeschritten, so kann man in den Pupillen von Erkrankten ggf. diese gräuliche Eintrübung in der sonst schwarzen Pupille erkennen.

Diese Beobachtung hat sehr wahrscheinlich vor vielen hundert Jahren zur Begrifflichkeit des grauen Stars geführt. Das Wort Star rührt vermutlich vom starrenden Gesichtsausdruck der Patienten her, die z.B. durch eine Katarakt eine deutliche Sehverschlechterung aufweisen.

Nach der Geburt ist die menschliche Augenlinse klar, transparent und ohne Trübung. Nur in sehr seltenen Fällen kann bereits bei der Geburt oder in den ersten Lebensjahren ein grauer Star vorhanden sein bzw. sich entwickeln. Risikofaktoren hierfür sind z.B. Entzündungen des Fetus im Mutterleib wie z.B. bei Röteln oder bei sehr seltene Stoffwechselerkrankungen, wie z.B. der Galaktosämie.

Im Laufe des Lebens trübt sie sich die Augenlinse allerdings physiologischer Weise zunehmend ein. Dies ist ein ganz normaler Alterungsprozess. Weitere, aber weitaus seltenere Ursachen als das Lebensalter für eine Linsentrübung können z.B. andere Operationen im Auge, die Einnahme von bestimmten Medikamenten, wie z.B. Kortison, seltenere Stoffwechselerkrankungen oder auch Augenverletzungen, wie z.B. durch einen Tennisball, Faustschlag etc. sein.

Meistens ist eine dezente und langsam zunehmende Linsentrübung für den Patienten zunächst ohne größere Symptome. Hat aber eine Katarakt eine bestimmte Schwelle überschritten, so können ganz typische Beschwerden bei den Betroffenen auftreten. Hierzu zählen z.B. eine Verringerung der Sehkraft oder eine starke Blendempfindlichkeit. Letztere macht sich oftmals beim nächtlichen Autofahren bemerkbar, wenn ein Betroffener von den entgegenkommenden Fahrzeugen sehr stark geblendet wird. Weitere Symptome können ein verschwommenes und getrübtes Sehen („wie im Nebel“) oder eine Abblasung von Farben sein.

Bei Neugeborenen und Kindern wird eine Katarakt in der Regel bei den nach der Geburt und beim Kinderarzt stattfindenden Untersuchungen festgestellt und es erfolgt dann eine Überweisung zum Augenarzt. Bei Erwachsenen empfehlen sich regelmäßige Kontrolluntersuchungen, ob bereits ein grauer Star vorliegt und ob dieser ggf. bereits zu Beeinträchtigungen des Seheindrucks geführt hat.

Hat die Linsentrübung einen bestimmten Punkt überschritten und bestehen beim betroffenen Patienten entsprechende Symptome, kann Ihr Augenarzt in einer klinischen Untersuchung das Vorliegen und/oder den aktuellen Stand der Linsentrübung feststellen. Liegen dann bei einer diagnostizierten Katarakt zusätzlich subjektiv empfundene Einschränkungen des Sehvermögens beim Patienten vor, so kann über die Durchführung einer Kataraktoperation nachgedacht werden.

Die ursprüngliche Behandlungsmethode eines grauen Stars, die bereits vor vielen hunderten von Jahren in der Literatur zu finden ist, wird als „Starstechen“ bezeichnet. Bei dieser Methode wird die Linse mittels eines Instruments nach hinten in den Glaskörper luxiert und verbleibt dort. Da keine neue Kunstlinse implantiert werden konnte, blieb das Sehen der damals operierten Patienten allerdings recht schlecht. Die heutige Form der Kataraktoperation, genannt „Phakoemulsifikation“, ist im Vergleich zu allen Vorgängermethoden eine sehr schonende Art, die eigene Linse aus dem Auge zu entfernen und eine Kunstlinse an den selben Ort wieder zu implantieren. Das eine Kunstlinse, also eigentlich ein nichtorganischer Fremdkörper, vom Auge überhaupt akzeptiert wird, ist einem Zufall aus dem zweiten Weltkrieg zu verdanken. Hier hatte ein Pilot ein Trümmerteilchen aus Plexiglas ins Auge bekommen und es wurde damals von den Augenchirurgen nicht entfernt. Mit großem Erstaunen wurde im weiteren Verlauf festgestellt, dass ein menschliches Auge gewisse Fremdkörper und eben auch eine Kunstlinse akzeptiert.

Bei der Durchführung einer Phakoemulsifikation werden nur sehr kleine Zugänge ins Auge und somit zur eigenen Linse benötigt; die Linse wird schonend mit Ultraschallenergie zerkleinert und die entstehenden Fragmente dann aus dem Auge abgesaugt. Den Abschluss einer solchen Grauen Star Operation bildet dann die Implantation einer faltbaren Kunstlinse, die sich hinter der Pupille selbst wieder entfaltet und sich selbst positioniert.

Die Rate an ernsthaften Komplikationen ist gesamthaft sehr gering, dennoch können wie bei jedem Eingriff auch solche auftreten. Es ist daher sehr wichtig, den richtigen Zeitpunkt für eine Operation im Zusammenspiel von Patient und Augenarzt festzulegen, um ein möglichst gutes Nutzen-Risiko-Profil der OP zu erzeugen. Neueste Entwicklungen lassen sogar eine Operation mittels Lasertechnik zu. Ob sich diese Methode dauerhaft durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Ein ganz wichtiger Punkt vor der Operation ist die Festlegung der Art der zu implantierenden Linse. Hier reicht das Spektrum mittlerweile von monofokalen Standardlinsen bis hin zu Premiumlinsen, die neben einer bestehenden Kurz- oder Weitsichtigkeit auch eine Hornhautverkrümmung korrigieren können. Multifokale Linsen versuchen, eine Gleitsichtbrille zu imitieren. Auch so genannte EDOF-Linsen weisen einen erweiterten Fokusbereich auf und weitere Linsentypen bieten eine gewisse Filterfunktion für blaues Licht („Blaufilterlinsen“).

Fazit: Mit etwa 650000 Kataraktoperationen in Deutschland jährlich ist diese Operation eine der am häufigsten durchgeführten Operationen. Neueste Operationstechniken haben die Ergebnisse in den letzten Jahren sehr deutlich verbessert. Die Komplikationsrate ist insgesamt sehr niedrig, dennoch hat jeder Eingriff auch seine potentiellen Komplikationen! Besprechen Sie mit Ihrem Augenarzt den Zeitpunkt des Eingriffs sowie die Wahl der zu implantierenden Linse für ein bestmögliches individuelles Operationsergebnis vor der geplanten Operation.

Über den Autor

Prof. Dr. med. Thomas Bertelmann
Prof. Dr. med. Thomas Bertelmann
FEBO
Facharzt für Augenheilkunde

Bildergalerie

Aktuelle Ausgabe04.04.