Krebs – sprechen wir drüber!

(K)ein Tabuthema im Kinderbuch

Es gibt Dinge, die wir in unserer Welt gar nicht haben und über die wir am liebsten auch gar nicht reden wollen. Krebs ist eins davon. Aber wir sollten darüber sprechen, denn auch wenn wir es nicht tun, verschwindet die Krankheit ja nicht einfach. Bilder- und Kinderbücher können auch Erwachsenen helfen zu verstehen, was im Fall einer Erkrankung passiert. Wie eine Brücke zu unseren Kindern können sie außerdem dazu beitragen, mögliche Schluchten aus Sprachlosigkeit zu überwinden.

 

Das großformatige Sachbilderbuch „Was macht der Krebs denn da“ von Sarah Roxana Herlofsen und Dagmar Geisler widmet sich in gut verständlicherweise all dem, was in unserem Körper passiert: Hier werden die Zellen wie kleine Wesen mit Namen und Eigenschaften dargestellt, die Vorgänge im Körper sind wie eine eigene kleine Welt. Als eine der Zellen einen Fehler macht, entsteht eine verwirrte Zelle, die sich weigert, ihre Aufgaben im Körper zu übernehmen. Viel lieber frisst sie sich voll und teilt sich unaufhörlich, denn das Teilen macht ihr großen Spaß. Weil die anderen Zellen mit der Situation überfordert sind, brauchen sie Hilfe von außen: Der Mensch greift mit Strahlen und Medizin ein und schwächt die verwirrten Zellen, so dass sie von den anderen endlich wieder aus dem Körper entfernt werden können. Bunt und phantasievoll wird Krebs hier schon für Kinder ab etwa vier oder fünf Jahren verständlich gemacht, ohne eine emotionale Ebene aufzubauen – sehr guter Ansatz!

Auch das Kinderbuch „Wie ist das mit dem Krebs?“ der beiden selben Verfasserinnen legt den Fokus auf die Sachebene, bietet aber auf insgesamt 108 Seiten viel mehr Raum. Die Informationen zum Körper und zur Funktionsweise der Zellen wird hier eher im Text als durch Bilder vermittelt, wobei fett gedruckte Zwischenüberschriften in Frageform dabei helfen, sich gut zurechtzufinden. Was ist eine Zelle? Was machen Zellen? und Wie entstehen Krebszellen? leiten sowohl Kinder als auch Erwachsene durch das Buch und tragen auf der Sachebene dazu bei, die Krankheit zu verstehen. Doch neben den sachlichen Fragen finden auch persönliche Fragen Berücksichtigung: Sind Krebszellen böse? Warum bin ausgerechnet ich krank geworden? Kann ich wieder so sein wie alle anderen? Die Antworten darauf richten sich direkt an die Leserinnen und Leser, die hier mit der du-Form angesprochen werden. Diese Textpassagen sind durch Kursivsetzung hervorgehoben und regen mit gezielten Gegenfragen meist auch dazu an, sich allein oder im Familien- oder Freundeskreis weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Kleine philosophische Stubser, die allen helfen, selbstständig weiterzudenken. Auch das Thema Tod wird hier nicht ausgespart; kleine Ideen, wie wir einem geliebten Menschen auch nach dessen Tod nahe sein können, bieten Trost. Ein 20 Seiten umfassendes Nachwort gibt gezielt den Erwachsenen Rat, wie sie sich im Fall einer Krebserkrankung dem Thema gemeinsam mit den Kindern nähern. Ein rundum gut gemachtes und sowohl informatives als auch einfühlsames Buch für Kinder ab etwa 8 Jahren und ihre Familien.

Am Beispiel einer an Krebs erkrankten Mutter greifen die beiden folgenden Bilderbücher das Thema auf. „Meine mutige Piratenmama“ zeigt dabei eine phantasievolle Möglichkeit, die Erkrankung begreifbar zu machen. Mama geht als Piratin auf das Schiff Wagemut und erlebt dort wilde Abenteuer, bekommt aber auch Narben und wird seekrank. Das derzeit leider vergriffene Buch kommt ganz ohne Erwähnung der Krebserkrankung aus, erklärt aber auf verspielte Art die Übelkeit, die Müdigkeit, die ausfallenden Haare und die längeren Phasen der Abwesenheit – ideal für jüngere Kinder und Mut machend für die ganze Familie. „Warum trägt Mama im Sommer eine Mütze“ verbindet das Schicksal einer hier beschriebenen Familie mit vielen Sachinformationen. Im Fokus steht dabei der kleine Louis, der sich ausgeschlossen und ungerecht behandelt fühlt, als die Großen mehr miteinander sprechen als mit ihm. Durch diese Art der Darstellung werden Erwachsene für die besondere Situation der Kinder sensibilisiert, die sich schlimmstenfalls schuldig an der Situation fühlen können. Farblich abgehoben vom Erzähltext sind die medizinischen Informationen drumherum. Ein umfassendes Nachwort hilft der ganzen Familie, mit der Diagnose (hier Brustkrebs) umzugehen; eine abschließende Seite listet empfehlenswerte Internetseiten mit Informationen und Anlaufstellen für Betroffene auf.

Einem besonders sensiblen Thema widmet sich Mariangela Di Fiore in „Wie man auf Einhörnern reitet“. Hier ist ein Kind im Kindergartenalter an Leukämie erkrankt und erzählt von seinen Hoffnungen und Ängsten. An der Seite von Vilja erleben wir den Krankenhausalltag mit, lernen Schwester, Ärzte und einen Krankenhausclown kennen und fürchten um ihren besten Freund, in dessen Kopf ein Klumpen wächst. Das eindrucksvoll von Lisa Aisato illustrierte Buch spart den Tod selbst aus, nicht aber die Gedanken daran. Vilja fragt danach und hat durch die verschiedenen Antworten der Menschen um sie herum die Möglichkeit, zu einer eigenen Vorstellung zu finden. Das Buch endet hoffnungsvoll, rührt aber trotzdem zu Tränen.

Einen ganz anderen Zugang zum Thema hat die selbst an Krebs erkrankte Comic-Zeichnerin Josephine Mark gefunden. In dem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten fast 200 Seiten dicken Comic „Trip mit Tropf“ schildert sie eine wilde Verfolgungsjagd voller lustiger Situationen, die aber immer auch auf die düstere Bedrohung der Krankheit zurückkommt: Weil das kranke Kaninchen versehentlich mit der Metallstange seines Tropfs die Kugel des Jägers abgefangen und damit dem Wolf das Leben gerettet hat, steht dieser jetzt in seiner Schuld und will nun seinerseits das Leben des Kaninchens retten. Keine leichte Aufgabe, zumal beide nun vor dem Jäger fliehen müssen und das Kaninchen nur mit Tropf weiterkann ... Rührend findet der Wolf Lösungen, als dem Kaninchen das Fell ausgeht und es immer schwächer wird – aber der Jäger holt auf. Ein vergnügliches und tröstliches Buch, in dem Komik und Tragik so dicht beieinander liegen wie im echten Leben, von Betroffenen ebenso zu lesen wie von Menschen, die einfach gut gemachte Graphic Novels lieben. Sehr beeindruckend!

 

Über den Autor

Maren Bonacker
Maren Bonacker
Lese- und Literaturpädagogin
Phantastische Bibliothek Wetzlar

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