Allergien und Asthma unbehandelt –

Horror für Patienten wie für Volkswirtschaften

Volkswirtschaftliche BelastungFrühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte; süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land…“ So dichtete 1828 der Spätromantiker Eduard Mörike. Doch für viele Menschen heute beinhalten seine verheißungsvollen Zeilen eine unverhohlene Drohung: Allergiker trauen sich dieser Tage kaum mehr vor die Tür, da der Pollenflug begonnen hat. Denn verstopfte Nasen, brennende Augen und entzündete Hälse mindern die Lebensqualität empfindlich. Andere fürchten Restaurants oder Partys: ein Hauch Erdnuss, eine Spur Ei oder ein Stück Muschel im Essen könnte sie schlimmstenfalls töten.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) leidet ein Drittel der Deutschen unter Allergien. Das sind fast 25 Millionen Menschen; dabei hat jeder zehnte Betroffene Asthma. Die Allergien äußern sich nicht nur immer heftiger, sondern auch immer früher: So erhielt, statistisch gesehen, fast jedes vierte Kind, das bei der AOK Nordost versichert ist, im Jahr 2015 eine Allergie-Diagnose.

Schätzungen zufolge werden 90 Prozent der Allergiker gar nicht oder falsch behandelt. Das hat gewaltige Folgen für Patienten wie für Volkswirtschaften: So kommt es bei unbehandelten Pollenallergikern häufig zu einer so genannten Asthmakarriere mit erheblichen stationären Behandlungskosten und auch hohen indirekten Kosten, z.B. durch Arbeitsunfähigkeit und Invalidität. Wie Analysen zeigen, kosten unzureichend therapierte Allergiker die Krankenkassen in der Europäischen Union jedes Jahr zwischen 55 und 151 Milliarden Euro. Würden hingegen alle Allergiker rechtzeitig behandelt, so würde der Kostenaufwand den Daten zufolge lediglich 5 % davon betragen.

Die rechtzeitige Diagnosestellung spielt eine entscheidende Rolle: Je früher eine allergische Erkrankung erkannt wird, desto eher kann sie adäquat behandelt und eine Verschlechterung bzw. Chronifizierung der Beschwerden verhindert werden.

Spezifische Immuntherapie

Durch die so genannte Molekulare Allergie-Diagnostik ist es inzwischen möglich, die Wirkung einzelner Eiweiß-Bestandteile von Allergenen zu untersuchen (Komponenten-basierte Diagnostik). Das erlaubt dem Arzt sicherer und gezielter zu therapieren: Ist die Allergie auslösende Komponente eines Allergens z.B. bei einer Pollenallergie diagnostiziert, kann eine spezifische Immuntherapie (früher Hypo- oder Desensibilisierung) eingeleitet werden. Dazu wird die verursachende allergene Komponente unter die Haut gespritzt oder unter der Zunge verabreicht. Diese Immuntherapie sollte vor Beginn der Blütezeit angewendet werden; denn nur dann hat der Patient genügend schützende Antikörper im Blut, wenn die Pollen schließlich fliegen.

Da diese salopp „Schutzimpfung“ genannte Therapie direkt ins Krankheitsgeschehen eingreift, können die Beschwerden langfristig, mitunter sogar dauerhaft gelindert werden. So wird einer chronischen Erkrankung vorgebeugt. Die Behandlungsmethode wird sehr erfolgreich bei Allergien gegen Tierschuppen, Schimmelpilze und Hausstaubmilben sowie gegen Baum- und Graspollen eingesetzt (Erfolgsquote 60 – 100 %) und ist auch als Prävention gegen schwere allergische Reaktionen auf Bienen- und Wespenstiche ausgesprochen wirksam (Erfolgsquote 90 %). Bei Nahrungsmittelallergien gilt nach wie vor eine Allergenkarenz.

Allergie-Prophylaxe

Für die Ausbildung eines gesunden und leistungsfähigen Immunsystems scheint neben genetischen Faktoren vor allem der Kontakt mit Mikroorganismen und anderen Umweltfaktoren im frühen Lebensalter von entscheidender Bedeutung zu sein: So zeigen Studien, dass Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden, fünf Mal seltener Heuschnupfen und Asthma bekommen als Stadtkinder. Auch stieg die Zahl der Allergiker in Polen nach dem EU-Beitritt des Landes 2004 und der Einführung der dazu gehörenden Regularien für die Landwirtschaft sprunghaft an: 2003 reagierten nur 7 % der untersuchten Dorfbewohner sensibel auf Hausstaubmilben, Katzenhaare, Gras-und Baumpollen, 2012 waren es bereits 20 %. Dem steht gegenüber, dass 2003 24 % der Dorfbewohner Kontakt mit Kühen hatten, 2012 waren es gerade mal noch 4 %.

Bereits 1989 formulierte der britische Wissenschaftler Davis Strachan die so genannte „Hygienehypothese“: Danach fördert eine der menschlichen Natur entsprechende ursprüngliche Umwelt mit einer vielfältigen Mikroflora die Ausreifung des Immunsystems und befähigt es, zwischen gefährlichen Keimen und harmlosen Komponenten zu unterscheiden. Diese Prägung findet vermutlich in einem Zeitfenster rund um die Geburt und in den ersten Lebensjahren statt. Fehlen diese Reize, so bleibt es dem kindlichen Immunsystem verwehrt, diese Mechanismen auszubilden, was in der Folge die Sensibilisierung gegen ansonsten harmlose Stoffe fördern kann. Eine britische Studie hat das untersucht, und zwar mit Erdnüssen. Das Ergebnis war, dass 17 % der Kinder, die Erdnüsse gemieden hatten, mit fünf Jahren dagegen allergisch waren, während die Kinder, die regelmäßig Erdnüsse gegessen hatten, keine Erdnussallergie entwickelten. Vermeidungsstrategien scheinen also das Gegenteil des Erwünschten zu bewirken.

Die Leitlinien wurden im vergangenen Jahr aktualisiert: Zwar gehen die Autoren hierzulande nicht so weit, den frühen Erdnussverzehr zu empfehlen. Aber es wird geraten, Babys bereits mit vier oder fünf Monaten an ganz normales Essen zu gewöhnen. Und - Kinder sollen ruhig frühzeitig Tiere streicheln, in der Erde wühlen und in der Kita in Kontakt mit den Keimen ihrer Mitmenschen kommen.

Darüber hinaus wird empfohlen, Kinder auch unter dem Aspekt zu impfen, dass dadurch Allergien vorgebeugt werden kann. Denn die Injektion von Impfstoffen, etwa mit abgeschwächten Erregern, stimuliert das Immunsystems. Wovor man Kinder hingegen schützen sollte, sind feuchte, verschimmelte Wohnungen und Zigarettenrauch. Auch der Kaiserschnitt begünstigt Allergien: Denn der Eingriff verwehrt den Neugeborenen die Passage durch den mit Bakterien und Pilzen besiedelten Geburtskanal und somit dem unreifen Immunsystem den ersten richtigen und wichtigen Härtetest.

Es gibt also Ansätze genug, damit sich bald wieder mehr Menschen freuen können wie einst Eduard Mörike, als er weiter dichtete: „…Veilchen träumen schon, wollen bald kommen. – Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist´s! Dich hab ich vernommen!

Über den Autor

Dr. Barbara Poensgen
Dr. Barbara Poensgen
Labordiagnostik Mittelhessen
Aktuelle Ausgabe4/2018