
Präzision in der Prostatadiagnostik:
Die MRT-fusionierte Biopsie
Die Prostatakrebsdiagnose stellt eine der größten Herausforderungen in der urologischen Medizin dar. Bei Verdacht auf Prostatakrebs sind Biopsien der Prostata der Standard, um das Vorhandensein von Tumoren auszuschließen bzw. zu bestätigen. Traditionell wurde die Prostatabiopsie in erster Linie ultraschallgestützt durchgeführt. Das Problem dieser Standardbiopsie besteht darin, dass sie „blind“ gegenüber Karzinomen in Arealen ist, die im Ultraschall nicht auffallen. Hier setzt die MRT-fusionierte Prostatastanzbiopsie (MRT = Magnetresonanztomographie) an – eine innovative Methode, die es ermöglicht, die Bildgebung der MRT mit den Biopsiedaten in Echtzeit zu kombinieren.
Der erste Schritt ist die Durchführung einer so genannten multiparametrischen (mp) MRT-Untersuchung der Prostata.
Dabei handelt es sich um eine fortschrittliche MRT-Technik, die mehrere Bildgebungsparameter kombiniert, um Prostatagewebe genauer zu untersuchen und mögliche Tumore oder Veränderungen präziser zu identifizieren. Die Ergebnisse werden in einen standardisierten Bewertungssystem klassifiziert.
Der zweite Schritt ist die Kombinierung dieser hochauflösenden Bildgebung des MRT mit einer transrektalen Ultraschalluntersuchung (TRUS).
Der dritte Schritt ist mit den kombinierten Bildern sehr präzise eine Biopsie aus den auffälligen Bereichen der Prostata zu entnehmen. Dies reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Tumore übersehen werden, und erhöht die Treffsicherheit der Diagnose.
Genauigkeit der MRT-fusionierten Biopsie:
Die Sensitivität (die Fähigkeit, tatsächliche Tumore zu erkennen) der MRT-fusionierten Biopsie liegt bei etwa 90 bis 95 Prozent, während die herkömmliche systematische Biopsie lediglich eine Sensitivität von 50 bis 70 Prozent erreicht.
Die Spezifität (die Fähigkeit, korrekt festzustellen, dass kein Tumor vorhanden ist) ist ebenfalls höher, bei etwa 80 bis 85 Prozent im Vergleich zu 60 bis 70 Prozent bei der systematischen Biopsie.
Bei der MRT-fusionierten Biopsie wird in bis zu 40 Prozent der Fälle ein Tumor entdeckt, der bei einer herkömmlichen Biopsie möglicherweise übersehen worden wäre.
Vorteile der MRT-fusionierten Prostatastanzbiopsie
- Höhere Treffsicherheit: Durch die präzisere Visualisierung und Navigation werden Tumore, die mit herkömmlichen Methoden möglicherweise übersehen werden, genauer angezielt.
- Reduzierung von Überdiagnosen: Da nur auffällige Stellen biopsiert werden, ist das Risiko von unnötigen Biopsien an unauffälligen Geweben geringer.
- Verbesserte Früherkennung: Gerade bei Prostatakrebs, der in frühen Stadien häufig asymptomatisch bleibt, kann die MRT-fusionierte Technik dazu beitragen, Tumore früher zu entdecken.
- Weniger Komplikationen: Durch die präzisere Zielgenauigkeit der Biopsie werden Nebenwirkungen wie Infektionen oder Blutungen reduziert, insbesondere durch den perinealen Zugang (perineale Prostatabiopsie).
- Verbesserte Planung der Therapie: Die genaue Lokalisation hilft auch in der Therapieplanung, beispielsweise bei fokalen Therapieverfahren oder Operationen.
Der Ablauf in der Urologischen Klinik im Klinikum Wetzlar
In der Urologie Wetzlar wird die MRT-fusionierte Prostatastanzbiopsie seit 2021 regelmäßig eingesetzt. Das Ärzte und Pflegeteam der Urologie, Radiologie, Anästhesie sind an dem Ablauf beteiligt.
Die Schritte sind wie folgt:
Vorbereitung: Zunächst wird eine mpMRT der Prostata durchgeführt.
Fusion und Planung: Die MRT-Bilder werden dann in das Biopsiegerät integriert, und eine präzise Planung der Biopsiestellen wird vorgenommen.
Biopsie-Durchführung: Unter Ultraschallkontrolle werden gezielte Biopsien aus den identifizierten auffälligen Bereichen, am häufigsten perineal (über den Damm) entnommen. Dies erfolgt in der Regel in einer leichten Narkose, gelegentlich aber auch unter örtlicher Betäubung.
Postoperative Überwachung: Nach der Biopsie erfolgt die Kontrolle, so dass Komplikationen wir Harnsperre und ausgeprägte Makrohämaturie sofort behandelt werden können.
Befundbesprechung: durch die Oberärzte der Urologie wird der histologische Befund ausführlich besprochen und die möglichen Therapien werden thematisiert und mit dem Patienten besprochen.
Klinische Bedeutung und Ausblick
Die Einführung der MRT-fusionierten Prostatastanzbiopsie hat die Diagnostik des Prostatakarzinoms nachhaltig verändert. Sie ermöglicht eine personalisierte und präzisere Diagnostik, reduziert Überdiagnosen und trägt dazu bei, therapeutische Entscheidungen besser zu steuern. Zahlreiche Studien belegen inzwischen die Überlegenheit der Methode gegenüber der klassischen systematischen Biopsie, insbesondere bei Patienten mit Verdacht auf ein Karzinom bei zuvor negativer Biopsie.
Zukunftsweisend sind Entwicklungen, die eine noch bessere Bildgebung und Automatisierung versprechen. Auch die Kombination mit künstlicher Intelligenz zur verbesserten Interpretation der MRT-Bilder wird weiter Einzug halten.
Über den Autor

Chefarzt
Klinik für Urologie, Kinderurologie und urologische Onkologie - Lahn-Dill-Kliniken
