Sollten wir Omega-3-Fettsäure Kapseln essen?

Die Ernährung hat einen entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit.

Eine ausgewogene, zuckerarme und ballaststoffreiche Ernährung ist ein wichtiger Faktor zum Erhalt der Gesundheit. Doch zunehmen viele Menschen glauben nicht, dass eine gesunde Ernährung ausreicht, um dem Körper das zuzuführen, was er braucht. Nahrungsergänzungsmittel sind das Zauberwort. Eines davon, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut, sind Omega-3-Fettsäuren.

Omega-3-Fettsäuren sind mehrfach ungesättigte Fettsäuren mit einer Doppelbindung an der dritten Stelle des sogenannten Omega-Endes. Für den menschlichen Körper wichtig sind die Eicosapentaensäure (EPA) und die Docosahexaensäure (DHA). Sie sind wichtige Bausteine für Zellmembranen und erhalten deren Funktion und Flexibilität. Das gilt im Besonderen für Nervenzellen. Daneben greifen die Fettsäuren in den Stoffwechsel des Nervensystems ein, sollen vor Gefäßerkrankungen schützen sowie sich auf Glücksempfinden, Lernen und Antrieb günstig auszuwirken.
Der Körper kann diese Fettsäuren nicht selbst herstellen, muss sie daher über die Nahrung aufnehmen. EPA und DHA sind in Algen und Fisch enthalten. Daneben gibt es auch pflanzliche Omega-3-Fettsäuren, die unser Körper begrenzt in EPA und DHA umwandelt kann. Diese finden sich vorwiegend in Nüssen und Rapsöl.

Menschen, die viel Fisch essen scheinen gesünder zu leben, seltener an Herzinfarkten, Lungenerkrankungen, Krebs und sogar Alzheimer zu erkranken. Das legen zumindest die Daten zahlreicher Ernährungsstudien nahe. Und schon in den 60 Jahren viel auf, dass die Bewohner der Arktis, obwohl sie viel sehr fettigen Fisch aßen, vergleichsweise selten an koronarer Herzerkrankung, Diabetes, Asthma oder Multiple Sklerose erkrankten.

Müssen wir jetzt alle mehr Fisch oder Omega-3-Fettsäuren essen?

Koinzidenz ist nicht dasselbe wie Kausalität, d.h. wenn zwei Phänomene – hier Fischkonsum und Gesundheit – gleichzeitig auftreten, können sie dennoch unterschiedliche Ursachen haben. Das ist leider das Problem vieler Ernährungsstudien, die oft auf retrospektiven Befragungen sehr heterogener Gruppen bestehen. Die Bewohner der Arktis unterscheiden sich eben nicht nur in ihrem Essverhalten von uns Mitteleuropäern.

Wissenschaftlich optimierte, d.h. randomisiert-kontrollierte und verblindete Ernährungsstudien sind selten. Einige Studien, bei denen Omega-3-Kapseln mit Placebo verglichen wurden, zeigten keine überzeugenden oder nur sehr geringe Unterschiede.

Woran könnte es noch liegen, dass Menschen, die viel Fisch essen gesünder sind?

Die Hypothese einiger Wissenschaftler sieht so aus: Menschen, die entweder Omega-3-Kapseln oder viel fettigen Fisch essen sind im Durchschnitt reicher als andere. Sie sind gesünder, ernähren sich insgesamt gesünder, haben bessere Sozialkontakte und überall Gesundheitsvorteile. Wer viel Fisch isst, wird wahrscheinlich dafür weniger Fleisch essen und auch das wäre ein gesunder Nebeneffekt. Der entscheidende Unterschied zwischen den Gruppen wäre damit nicht Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren, sondern Wohlstand, Lebensstil und Gesundheitsbewusstsein. Dass die Gesünderen mehr Omega-3 essen wäre dann nur eine sogenannte Scheinkorrelation.

Die Studienlage ist wie so oft bei Ernährungsstudien schwierig. Dennoch sprechen viele Indizien dafür, dass Fischkonsum positive gesundheitliche Effekte hat. Neben Omega-3-Fettsäuren haben auch gesundes Eiweiß, Vitamin D, Selen und Jod einen Anteil daran. Fast alle Ernährungsrichtlinien empfehlen regelmäßig Fisch zu essen. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt zwei bis drei Portionen pro Woche. Mikroplastik, das sowohl in Fisch als auch in Fischölkapseln gefunden wurde, wird dabei nicht thematisiert.

Mein Fazit

Fisch (alternativ Algenprodukte) sind aus meiner Sicht wichtige Bestandteile einer ausgewogenen und gesunden Ernährung. Zur obligaten Einnahme von Kapseln rate ich nicht. Klar ist auch: Wer eine Currywurst mit Pommes isst, macht das nicht gut, indem er einen Löffel Fischöl oder eine Kapsel nachschiebt.

Über den Autor

Dr. med. Roger Agne
Dr. med. Roger Agne
Chefarzt Innere Medizin
Dill-Kliniken

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