KI und Digitalisierung in der Pädiatrie –
Chance und Herausforderung

„Kindergesundheit umfassend schützen“

Der Einsatz von KI oder AI (künstliche/artifizielle Intelligenz) verändert rasant unser Leben in vielen Bereichen – so auch in der Kinder- und Jugendmedizin.

Zum Schutz und vernünftigem Einsatz der Digitalisierung bedürfen Kinder und Jugendliche besonderer Anleitung und Aufmerksamkeit. In der medizinischen Diagnostik, Therapie und Prävention eröffnen sich neue Perspektiven, die Eltern, Pädagogen, Ärzte und Betreuungspersonal herausfordern.

In der pädiatrischen Regelversorgung selbst bei häufigen Erkrankungen wird KI bereits bei telemetrischen Anamnesegesprächen, zur Dokumentation und Klassifikation von Symptomen (Diagnosetools) sowie als „Chatbots“ in verschiedenen Sprachen zur schnellen Verständigung eingesetzt – ohne dass der direkte Kontakt zum Arzt verloren geht. Bei chronischen Erkrankungen kann eine sehr spezifische Software - App die ärztliche Beratungsfunktion erweitern – so auch bei Ernährungsfragen, in Notfallsituationen oder durch Einbeziehung weiterer Bezugspersonen des Patienten. Die unverzichtbare persönliche Arzt-Eltern-Patientenbeziehung darf jedoch nicht unter der neuen Technik leiden. Die „frei“ gewordene Zeit wird nach bisherigen Erfahrungen stärker für andere, insbesondere emotionale Kontakte genutzt.

Im Säuglingsalter bis zum Jugendgesundheitscheck können durch regelmäßige „U – Vorsorge/Früherkennungsuntersuchungen“ oder in der Neuropädiatrie subtile Tests z.B. Motorik, Bewegungs- und Verhaltensmuster, Sprache u.a. sicher erkannt und damit früher einer gezielten Diagnostik oder Therapie zugeführt werden. KI kommt bereits in der Radiologie, Sonographie (Hüfte), Echokardiographie, Röntgen oder CT durch Assistenzpersonal zum Einsatz. Computergesteuerte schnelle Auswertungen sind - nach bisherigen Erfahrungen – eine große Bereicherung zur Diagnosestellung und individueller Therapie. Die dezentralisierte KI -Anwendung samt Vernetzung interdisziplinärer Teams hat sich in der Pädiatrie auch zur Frühdiagnostik genetischer und seltener Erkrankungen durch eine frühzeitige „Whole-Genomsequenzierung“ bewährt.

Eltern müssen selbstverständlich jederzeit über eine mögliche Behandlung - die keinem Kind vorenthalten werden - darf informiert und im Rahmen der gesetzlich gesicherten Kinderrechte eingebunden werden.

In der Neonatologie bei Erst- und Intensivbetreuung Früh- und mangelgeborener Säuglinge mit ungewisser Überlebensprognose oder der pädiatrischen Intensivmedizin seien es Krebs- oder Lungenerkrankungen mit ihrer Vielzahl von Daten und Fakten hilft KI schneller und gründlicher erhobene Befunde auszuwerten, als selbst ein erfahrener Facharzt es bisher vermochte.

Der mittlerweile vielseitig etablierte KI -Einsatz im Krankenhaus oder einer Praxis muss durch ständige Aus- und Fortbildung aller verantwortlichen Mitarbeiter organisiert und überwacht werden. Regelmäßige zertifizierte Schulungen sind ebenso erforderlich wie eine kritische Reflexion im Sinne ethischer Prinzipien – was ist möglich, was ist erlaubt, wer bestimmt die Grenzen des Handelns.

Den mittlerweile unverzichtbaren Fortschritten der Digitalisierung samt Einsatz von KI werden insbesondere im leicht beeinflussbaren Kindes- und Jugendalter – aber auch bei Erwachsenen – zunehmend deutliche „Nebenwirkungen und Gefahren“ des technischen Fortschrittes beobachtet.

 

Negativen Folgen eines übermäßigen bis suchtweise exzessiven, oft nicht altersgerechten Medienkonsums – Handy, Fernseher, Messanger Dienste, Videoplattformen, Chat Groups - reichen vom beängstigenden Anstieg von Übergewichtigkeit durch Bewegungsmangel und ungehemmten Süßigkeiten =Zuckerkonsum. Ess- und Schlafstörungen mit gestörtem Tagesrhythmus, Konzentrationsschwäche und schulische Leistungsdefizite bis zu leidvollen psychischen Erkrankungen mit Depressionen und Phobien haben enorm zugenommen. Sexuelle - juristisch strafbare - Belästigungen aller Art sind an der Tagesordnung. Sie stellen in Angst/Scham- und Versagenssituationen als „Hate speech“, Cybermobbing oder Grooming eine schwere seelische Bedrohung dar und bedürfen nicht selten zur Stabilisierung langer fachärztlicher Hilfe.

Ein unkontrollierter Medienkonsum führt beängstigend häufig zu einem Defizit in altersgerechtem Sozialverhalten. So werden wertvolle Kontakte und Hobbies als unverzichtbare Bausteine zur eigenen Persönlichkeitsbildung durch ständigen Medienkonsum seltener geknüpft und oft aufgegeben Die Empathie im Miteinander leidet. Risiken und Gefahren lauern in vielen „bunten Computerprogrammen durch gezielte bösartige Desinformation= “Fake news“, Verschwörungstheorien mit extremistischen Parolen, finanzielle Kostenfallen bei On-line Glücksspielen oder übertriebener Werbung.

Auf der Bundesärztekammertagung 2025 in Leipzig warnten Pädiater alle sozial verantwortlichen Politiker vor ständig wachsenden Gesundheitsgefahren durch digitale Medien und forderten eine intensive, frühkindliche und systematisch altersgerechte Information. Ein gutes Beispiel für eine gute Medienkultur wäre ein konsensuierter Beschluss zur weitgehenden Einschränkung des „Handys“ in Kita und Schule – aber vorbildhaft auch und gerade in der Familie.

Da die Lebenswelt von Kindern seit der Geburt an von digitalen Medien geprägt ist, müssen ihr Schutz und alle Rechte durch eine frühkindliche, altersgerechte, aktiv und systematisch gesamtgesellschaftliche, empathische Medienerziehung gewährleistet sein.

 

Weitere Informationen

www.kinderschutzbund.de

 

Über den Autor

Dr. med. Josef Geisz
Dr. med. Josef Geisz
Kinder-Jugendarzt/Allergologie, Wetzlar

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