Wieder zurück in Bewegung –
moderne Kniechirurgie bei Sportverletzungen und Fehlstellungen

Ob beim Joggen an der Lahn, auf dem Fußballplatz oder in der Turnhalle: Das Knie ist bei fast jeder Sportart stark gefordert. Ein ungünstiger Tritt, eine Verdrehung beim Richtungswechsel oder ein Zusammenprall – und plötzlich geht vieles nicht mehr wie gewohnt. Schmerzen, Schwellung, Instabilität oder Blockierungen sind typische Folgen, die viele Menschen in Mittelhessen jedes Jahr nach Sportverletzungen am Kniegelenk erleben.

An der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Justus-Liebig-Universität Gießen am Universitätsklinikum Gießen und Marburg hat sich die Sektion Kniechirurgie und Sporttraumatologie genau auf diese Probleme spezialisiert. Unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Dr. Christian Heiß als Klinikdirektor und Dr. med. Gero Knapp als Geschäftsführendem Oberarzt, Sektionsleiter Kniechirurgie und zertifiziertem Kniechirurgen werden sowohl akute Sportverletzungen als auch angeborene oder erworbene Fehlstellungen des Kniegelenkes mit modernen, möglichst gelenkerhaltenden Verfahren behandelt. Ziel ist es, dass Patientinnen und Patienten wieder sicher gehen, arbeiten und – wenn möglich – auch ihren Sport wieder aufnehmen können.

Zu den häufigsten Verletzungen im Sport gehören Schäden an Bändern, Menisken und Knorpel. Besonders der Riss des vorderen Kreuzbandes ist vielen ein Begriff: Oft reicht eine plötzliche Drehbewegung bei feststehendem Fuß, etwa beim Fußball oder Skifahren. Betroffene beschreiben nicht selten ein „Knacken“ im Moment der Verletzung und das Gefühl, dass das Knie „wegknickt“. Ohne funktionstüchtiges vorderes Kreuzband fehlt dem Gelenk ein wesentlicher Stabilisator, vor allem bei schnellen Richtungswechseln und Stop-and-go-Bewegungen. Ebenfalls häufig sind Verletzungen der Innen- und Außenbänder, die das Knie seitlich stabilisieren. Sie treten meist nach einem Umknicken oder direktem Körperkontakt auf und äußern sich durch Schmerzen an der Innen- oder Außenseite des Gelenkes sowie durch ein Unsicherheitsgefühl bei Belastung.

Eine weitere zentrale Struktur im Knie sind die Menisken, die als Stoßdämpfer und Lastverteiler zwischen Ober- und Unterschenkelknochen fungieren. Ein Meniskusriss macht sich typischerweise durch stechende Schmerzen bei Drehbewegungen bemerkbar, gelegentlich kommt es sogar zu Blockierungen, bei denen das Knie nicht mehr vollständig gebeugt oder gestreckt werden kann. Werden Menisken nicht adäquat behandelt, kann das langfristig zu einem vorzeitigen Verschleiß des Gelenkknorpels beitragen. Auch Knorpelschäden selbst spielen eine wichtige Rolle: Sie entstehen entweder durch akute Verletzungen, etwa nach einem Trauma, oder durch wiederholte Überlastung. Da Knorpelgewebe sich nur begrenzt selbst regenerieren kann, ist eine gezielte Diagnostik und Therapie entscheidend, um einer frühzeitigen Arthrose vorzubeugen.

Nicht jede Verletzung am Kniegelenk muss jedoch operiert werden. „Unser Grundsatz lautet: so wenig wie möglich, so viel wie nötig“, betont Dr. Knapp. Häufig lassen sich Beschwerden mit konservativen Maßnahmen wie Physiotherapie, gezieltem Muskelaufbau, temporärer Entlastung, Bandagen oder Schienen gut behandeln. Wann immer möglich, versucht das Team zunächst, die natürliche Heilung zu unterstützen und das Gelenk ohne Operation wieder funktionsfähig zu machen. Erst wenn die Stabilität des Kniegelenks nicht ausreichend wiederhergestellt werden kann, Folgeschäden drohen oder das Aktivitätsniveau der Patientin oder des Patienten dies erfordert, wird eine operative Versorgung empfohlen.

Kommt es zu einer Operation, stehen an der Uniklinik Gießen moderne, überwiegend minimalinvasive, arthroskopische Verfahren zur Verfügung. Bei einem Riss des vorderen Kreuzbandes kann dieses in der Regel durch eine Rekonstruktion mit körpereigenen Sehnen stabilisiert werden. Innen- und Außenbandverletzungen lassen sich – je nach Ausmaß – ebenfalls operativ rekonstruieren, um die seitliche Stabilität des Kniegelenks wiederherzustellen. Bei Meniskusschäden steht der Meniskuserhalt im Vordergrund: Wann immer möglich, wird der Meniskus genäht, anstatt größere Teile zu entfernen. Knorpelschäden können je nach Größe und Lokalisation mit unterschiedlichen Verfahren behandelt werden, etwa durch Glättung, knorpelstimulierende Techniken oder knorpelregenerative und zellbasierte Verfahren. Ziel all dieser Eingriffe ist es, das eigene Gelenk so lange wie möglich zu erhalten und eine möglichst hohe Belastbarkeit zu erreichen – insbesondere bei jungen und sportlich aktiven Menschen.

Nicht alle Knieprobleme sind jedoch die Folge eines Sportunfalls. Manchmal liegt die Ursache in der Form der Beinachse oder des Gelenkes selbst. Ausgeprägte Fehlstellungen wie X-Beine (Valgusstellung) oder O-Beine (Varusstellung) können das Kniegelenk einseitig überlasten. Betroffene klagen dann häufig über Schmerzen beim Gehen, insbesondere beim Bergabgehen oder Treppabsteigen. Bei ausgeprägten Fehlstellungen kann eine sogenannte Umstellungsosteotomie sinnvoll sein. Dabei wird der Knochen so durchtrennt und in seiner Stellung korrigiert, dass die Beinachse wieder besser „gerade“ steht und die Last im Gelenk gleichmäßiger verteilt wird. „Gerade bei aktiven Patientinnen und Patienten kann eine gelenkerhaltende Umstellungsosteotomie eine sehr gute Alternative zu einem frühen künstlichen Kniegelenk sein“, erläutert Prof. Heiß. Durch die Korrektur der Achse lassen sich Schmerzen oft deutlich reduzieren und die Funktion des Knies über viele Jahre erhalten.

Ein weiteres Beispiel für Probleme, die nicht primär auf einen Unfall zurückgehen, ist die Instabilität der Kniescheibe (Patellainstabilität). Betroffene berichten von dem Gefühl, dass die Kniescheibe nicht richtig „in der Spur“ läuft oder sogar aus dem Gelenk herausspringt (Luxation). Dies ist nicht nur schmerzhaft, sondern führt auch zu einer großen Unsicherheit im Alltag und bei sportlicher Belastung. Häufige Ursachen sind eine zu flache oder anders geformte Gleitrinne am Oberschenkelknochen (Trochleadysplasie), Achsabweichungen oder Verletzungen der stabilisierenden Haltebänder. In speziellen Fällen kann eine Trochleaplastik sinnvoll sein: Dabei wird die Gleitrinne für die Kniescheibe so umgeformt, dass die Patella wieder zentriert und stabil geführt wird. Häufig wird dieser Eingriff mit einer Rekonstruktion der Haltebänder kombiniert. Ziel dieser Operation ist es, erneute Luxationen zu verhindern und den Patientinnen und Patienten ein sicheres Bewegungsgefühl zurückzugeben.

Am Anfang jeder Behandlung steht in Gießen eine sorgfältige Diagnostik. Dazu gehören ein ausführliches Gespräch, eine gründliche körperliche Untersuchung sowie moderne bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen und Magnetresonanztomographie (MRT). Auf dieser Grundlage wird im Team ein individueller Behandlungsplan erstellt, der nicht nur den Befund, sondern auch das Alter, die berufliche Situation und die sportlichen Ziele der Patientinnen und Patienten berücksichtigt. Operation – wenn nötig – ist dabei nur ein Baustein. Ebenso wichtig sind strukturierte Physiotherapie, begleitende Schmerztherapie, gezielte Übungsprogramme und eine stufenweise Rückkehr in Alltag und Sport.

Als universitäres Zentrum arbeitet die Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Uniklinik Gießen eng mit niedergelassenen Orthopädinnen und Orthopäden, Hausärztinnen und Hausärzten, Physiotherapiepraxen, Reha-Einrichtungen und Sportvereinen in Mittelhessen zusammen. So entsteht eine Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung, von Akutmedizin, Nachbehandlung und langfristiger Betreuung. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet dies eine Behandlung auf hohem fachlichem Niveau – und das in ihrer Heimatregion.

Die spezialisierte Knie-Sprechstunde der Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (Standort Gießen) richtet sich an Patientinnen und Patienten mit akuten oder chronischen Kniebeschwerden.

Am Ende geht es immer um dasselbe: Bewegung zurückzugewinnen – beim Spazierengehen, im Beruf oder auf dem Sportplatz. Manchmal ist die beste Operation die, die gar nicht nötig ist. Und wenn doch ein Eingriff erforderlich wird, dann so, dass das Knie auch morgen noch trägt, was im Leben wichtig ist.

Terminvereinbarungen erfolgen über die Leitstelle der unfallchirurgischen Poliklinik unter:

Tel. 0641/985-57660 oder

per E-Mail an Kniechirurgie@chiru.med.uni-giessen.de.

Über den Autor

Dr. med Gero Knapp
Dr. med Gero Knapp
Geschäftsführender Oberarzt
Sektionsleiter Kniechirurgie, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie,
Spezielle Unfallchirurgie, Kniechirurg (DKG), Notfallmedizin, Prüfarzt
Univ

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