
Das juckt mich nicht … oder doch?
Chronischer Juckreiz
Jeder Mensch hat sich schon im Laufe seines Lebens gekratzt. Tiere tun es, häufig ist Kratzen mit dem Gefühl der Lust verbunden, weswegen es uns manchmal schwerfällt, damit aufzuhören.
Aber was passiert, wenn der Juckreiz chronisch wird und zur schweren Belastung, ja, zu einer eigenen Krankheit wird?
Dies ist bei einer sehr großen Zahl von Menschen der Fall. Etwa 15% aller Deutschen hat Phasen von Juckreiz, die länger als 6 Wochen anhalten und zur erheblichen Beeinträchtigung des Wohlbefindens führen.
Entwicklungsgeschichtlich ist der Juckreiz ähnlich wie der Schmerzreiz seit Urzeiten tief in unseren Nerven-Schaltkreisen verankert. Dass wir beginnen uns zu Kratzen, erscheint uns deswegen wie ein Reflex, zumindest wie ein Automatismus.
Man kann sich den Sinn dieses Reflexes so vorstellen, dass mit dem Kratzen etwas Schädliches (beispielsweise ein Insekt, Bakterien …) von der Haut entfernt werden soll. Teilweise kratzt man sich, bis es blutet. Die Blutung entfernt eingedrungene Bakterien. Die nachfolgende Entzündungsreaktion der Haut hat den gleichen Sinn und Effekt. Alles erfolgt nach dem Prinzip: Ich schade meinem Körper, aber dem Eindringling schade ich mehr.
Damit der Körper, die beim Kratzen entstehenden Schmerzen besser aushält, schaltet der Körper gleichzeitig ein Belohnungssystem ein. Es sagt uns „Das ist aber angenehm, mach bitte weiter …“ Jeder kennt den Mechanismus.
Aber genau dort liegt das Problem. Das Belohnungssystem bewirkt, dass man sich weiter kratzt, selbst wenn es gar nicht mehr notwendig ist. Obgleich kein wirklicher Grund für den Juckreiz vorliegt, kratzt der Betroffene weiter. Ein Kreislauf entsteht. Unser Körper verfügt nicht über einen funktionierenden Stopp-Mechanismus, um ihn zu unterbrechen. Für die Erkrankten ist es manchmal extrem schwierig sich zu kontrollieren. Die Konzentration leidet, das soziale Umfeld wird beeinflusst. Aus einem einfachen Juckreiz wird ein ernsthaftes Problem.
Die Behandlung des chronischen Juckreizes ist schwierig. Da er nicht nur „ohne Sinn“ auftreten kann, sondern auch Ausdruck zum Teil schwerwiegender dermatologischer (Haut) oder internistischer Erkrankungen sein kann, ist häufig eine umfangreiche Diagnostik notwendig. Für Patienten, die nur den Juckreiz loswerden wollen, manchmal nicht zu verstehen. Aber die Haut ist das größte Organ unseres Körpers und reagiert mit vielen anderen Erkrankungen einfach mit (Lebererkrankungen, Tumorerkrankungen).
Problematisch wird es besonders dann, wenn der Juckreiz ohne Ursache (Pruritus sine Materia – so lautet der Fachbegriff) chronifiziert. Er wird selbst dann wahrgenommen, wenn keinerlei Gründe, sich zu kratzen, zu finden sind. Spätestens in diesem Augenblick sind Patient und Arzt häufig überfordert.
Wie also soll man den Juckreiz behandeln?
Die Vermeidung der Chronifizierung, also das Eintreten in den oben beschriebenen Teufelskreis, muss verhindert werden.
Trockene Haut, die besonders für Juckreiz empfänglich ist, sollte durch entsprechende Feuchtigkeits-Cremes entsprechend gepflegt werden.
Wenn eine Ursache der Haut vorliegt (z.B. Insektenstich) muss diese Ursache behandelt werden. Juckreizlindernde Lotionen, Salben, Cremes sind angezeigt. Manchmal auch die Behandlung einer Infektion der Haut, welche den Juckreiz unterhält.
Liegt eine Grunderkrankung (Internistisch oder Haut) vor, muss diese spezifisch therapiert werden. Man muss dazu wissen, dass der Juckreiz häufig auch nach der Behandlung nicht nachlässt. Dann spricht man von einer Chronifizierung.
Die Behandlung eines chronifizierten Juckreizes bedarf ebenso wie die Behandlung des chronischen Schmerzes einer komplexen Behandlung bei einem Spezialisten. Dabei geht es zunächst darum, die dauernde Stressreaktion zu therapieren. (Psychotherapie, Antidepressiva, Schmerzmittel etc.). Im Idealfall gelingt es, den Juckreiz auszuschalten. Danach müssen die Ursachen gezielt angegangen werden. Immerhin gelingt es, etwa 75% aller Patienten mit chronischem Juckreiz auf diese Weise nachhaltig von ihrem Problem zu befreien.
Über den Autor

Ehemaliger Leitender Oberarzt Allgemeine, Viszerale und Onkologische Chirurgie Klinikum Wetzlar
Ärztlicher Leiter des Adipositaszentrum
