Ausgebrannt - und dann?
Psychosomatische Behandlung in Akutklinik und Reha

Manchmal sehen es Außenstehende eher als man selbst: die ewige Erschöpfung, die ständigen Ausreden, bei gemeinsamen Aktivitäten nicht mitmachen zu können, eine immer wieder auftretende Gereiztheit. Doch die Warnung „Du steuerst direkt auf einen Burnout zu!“ hilft wenig ohne ein gleichzeitiges Lösungsangebot. Wenn Urlaubstage oder eine längere Krankschreibung nicht mehr ausreichen, kann ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik helfen – aber wie kommt man da überhaupt hin?

 

Im Idealfall erkennt ein aufmerksamer Hausarzt die Symptome. Bei regelmäßigem Kontakt wird er merken, wann die Müdigkeit mit ein paar Tagen Pause in den Griff zu bekommen ist, und wann anderer Handlungsbedarf besteht. Schwieriger ist es, wenn der Patient selten oder nie vorstellig geworden ist. Eine Erkältung lässt sich schließlich auch auskurieren, ohne sich vorher in ein volles Wartezimmer gesetzt zu haben. Gegen die Erschöpfung lassen sich die Überstunden abfeiern, da reicht doch sicher eine kleine Auszeit zu Hause! Hartnäckige Nacken- oder Rückenschmerzen? Ab zur Massage oder in die Sauna!
In all diese Fallen ist man schnell getappt, weil sie kurzfristig Lösungen bieten und suggerieren, dass es doch auch wunderbar ohne Arzt geht. Man ist ja nicht krank, man hat nur gerade ein bisschen viel auf dem Plan, sagt man sich – das wird schon wieder, und ein Arztbesuch kostet nur unnötige Zeit, die sich besser mit einer Pause auf dem Sofa verbringen lässt.

Mag sein, dass das funktioniert – wenn es denn gleichzeitig gelingt, die Rahmenbedingungen zu ändern. Eben dafür zu sorgen, dass die Belastung auf der Arbeit nicht dauerhaft die eigenen körperlichen Grenzen überschreitet, darauf zu achten, dass die anfallenden Aufgaben zu Hause nicht dauerhaft ungleich verteilt sind, sich regelmäßige Pausen und Auszeiten einzuplanen.

Und wenn das nicht gelingt? Wenn die Spirale aus Arbeit, Problemen, Erschöpfung und Schmerz immer enger wird? Pausen nicht mehr dazu beitragen, dass sich der Körper erholt? Urlaube nicht mehr reichen, um anschließend gestärkt wieder in den Alltag zu gehen? Der Druck von außen immer größer wird? Körperlich spürbar wird durch einen andauernden beklemmenden Druck auf der Brust? Durch Angst? Durch Schlaflosigkeit? Tränen? Atemnot? Schmerzen?

Geht man erst jetzt zum Hausarzt, kann der ohne entsprechende Vorbesuche nur schwer einschätzen, wie dringend Hilfe wirklich nötig ist. Erkennt er es doch, kann er dazu raten, eine Rehabilitationsmaßnahme bei der Rentenversicherung zu beantragen. Eine Auszeit in einer Reha-Klinik, in der man wieder auf die Beine gestellt wird. Was dabei gut zu wissen ist: Auch man selbst hat die Möglichkeit, eine solche Reha für sich einzufordern und von sich aus den Arzt darauf anzusprechen, dass man sich Hilfe bei der Antragstellung wünscht. Ohne die entsprechenden Vorbefunde könnte sich das zwar schwierig gestalten, aber es geht. Hier ist es gut, Menschen im Umfeld zu haben, die diesen Weg bereits gegangen sind und wissen, was auf einen zukommt. Und die einen immer wieder dazu ermutigen, nicht locker zu lassen, wenn sich Hindernisse auftun. Eine Ablehnung von der Reha etwa, denn es ist nicht auszuschließen, dass diese nach der ersten Antragstellung ins Haus flattert. „ ... sehen nicht den Bedarf ... keine ausreichenden Befunde ...“ Ist ein Patient sowieso schon am Boden, kann diese Ablehnung so entmutigend sein, dass er direkt aufgibt und sich in sein Schicksal fügt. Menschen, die kurz vor einem körperlichen und/oder seelischen Zusammenbruch stehen, der landläufig als „Burnout“ bekannt ist, wissen oft nicht, dass sich hinter ihrem Zustand eine versteckte Depression befindet, die ihnen einredet, dass man es ja anscheinend nicht wert ist, eine Reha zu bekommen, dass es einem noch nicht schlimm genug geht, dass sie eben weiter leiden müssen, weil sie es nicht anders verdienen – und das ist der Haken an dieser Situation: Wie soll man mit diesen Gedanken die Energie aufbringen, sich zu wehren und es weiter zu versuchen?

Idealerweise macht das der Hausarzt, der routiniert genug ist, um zu wissen, dass solche Ablehnungen keine Seltenheit sind. Er schreibt einen Einspruch, begründet diesen mit zusätzlichen Details über den Zustand des Patienten und bringt den Antrag erneut auf den Weg. Doch auch hier ist gut zu wissen, dass man das auch selbst tun kann! Es ist möglich, sich zu wehren, zu schreiben, dass man seine ganze Hoffnung auf die Bewilligung einer Reha gesetzt hat, dass man fürchtet, in die Arbeitsunfähigkeit zu rutschen, wenn man nicht jetzt sofort Hilfe bekommt. Die Rentenversicherung ist dafür da, ihre Mitglieder in einen arbeitsfähigen Zustand zu versetzen. Ihr Interesse daran, dass man arbeitsfähig bleibt, ist hoch. Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Reha nach einem Einspruch und einer ausführlichen Begründung in zweiter Instanz bewilligt wird.

Bleibt die Bewilligung aus oder wird der Druck so hoch, dass aus einem Gefühl der Erschöpfung und Traurigkeit wachsende Angst wird, die bis zur die Unfähigkeit führt, sich etwa in ansonsten vertrauten öffentlichen Räumlichkeiten wie Supermarkt oder Kino aufzuhalten, weil einfach alles dort eine Überforderung darstellt (zu viele Menschen, zu hell, zu laut, zu viele Entscheidungen, die man beim simplen Einkaufen zu treffen hat), bleibt noch die Möglichkeit einer Einweisung in die psychosomatische Akutklinik. Diese wird nicht von der Rentenversicherung getragen, sondern von der Krankenkasse. Das bedeutet, dass es keinerlei Fremdentscheidungen mehr bedarf: Die Einweisung garantiert den nächsten freien Platz in der Klinik. Als Patient hat man nur noch die Hürde zu nehmen, sich für eine Klinik zu entscheiden und ein Telefonat zu führen, um sich nach freien Plätzen zu erkundigen. Auch das scheint jedoch in der entsprechenden Situation eine enorme Belastung, doch es ist tröstlich, dass das Klinikpersonal am anderen Ende der Leitung genau für diese Situationen geschult ist: Geduldig und mit viel Verständnis begleitet es die Anrufer durch das Gespräch, ist auf Tränen gefasst und weiß tröstlichen Rat.

Der Unterschied zwischen der psychosomatischen Akutklinik und der psychosomatischen Rehabilitationsklinik besteht zum einen in der Größe (die Akutklinik ist wesentlich kleiner) und zum anderen im Programm: Drei bis vier therapeutische Termine am Tag, in der Zwischenzeit viel Ruhe für eigene Gedanken. Das Reha-Programm verlangt den Patienten deutlich mehr ab – hier geht es darum, wieder richtig auf die Beine zu kommen. Das kann durch verschiedene Sportanwendungen (Wirbelsäulen- oder Wassergymnastik, Atem- und Körpertherapie, etc), künstlerisch-kreative Betätigung (Töpfern, Basteln, Malen), Gespräche oder Zeit an der frischen Luft geschehen. Die Größe der Klinik bedingt mehr Menschen um einen herum, zu den Mahlzeiten herrscht mehr Trubel als in der Akutklinik.

Zielführend sind beide: Sie helfen dabei, eigene Missstände im Leben und in der beruflichen Situation zu erkennen, ermutigen dazu, sie in Angriff zu nehmen und schicken die Patienten mit vielen guten Anregungen und Tipps seelisch gestärkt wieder in ihr Leben.

Über den Autor

Maren Bonacker
Maren Bonacker
Lese- und Literaturpädagogin
Phantastische Bibliothek Wetzlar

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