
Adipositas und Kinderwunsch
Der Ernährungszustand eines Menschen hat entscheidenden Einfluss auf die Entstehung und auch Ausprägung verschiedener Erkrankungen wie Diabetes mellitus, hoher Blutdruck, Tumorerkrankungen und Gelenkerkrankungen. Ähnlich hat der Ernährungszustand einer Frau einen erheblichen Einfluss auf die Fruchtbarkeit. Sowohl untergewichtige Frauen wie auch adipöse Frauen leiden häufiger als normalgewichtige Frauen unter Zyklusunregelmäßigkeiten. Ein Kinderwunsch bleibt häufig unerfüllt, trotz gynäkologischer Beratung und manchmal langjährigen Bemühungen.
Was sind die Ursachen?
Unsere Körperfunktionen werden unter anderem durch die Ausschüttung von verschiedenen Hormonen reguliert.
Die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) ist hierbei die Steuerungszentrale. Sie misst (vereinfacht gesehen) Hormonkonzentrationen im Blut und veranlasst andere Organe entsprechende Hormone auszuschütten, wenn das notwendig ist. Hormonaktive Organe sind beispielsweise unter anderen die Schilddrüse, die Bauchspeicheldrüse, die Nebenniere, die Hoden, und die Eierstöcke. Dazu kommt interessanterweise auch das häufig als unwichtig angesehene Fettgewebe.
Die Hirnanhangsdrüse schüttet zwei wesentliche Hormone aus, welche den weiblichen Zyklus steuern. Das FSH – Follikel-Stimulierendes-Hormon und das LH – Luteninisierendes (Gelbkörper) Hormon. Das FSH bewirkt eine vermehrte Östrogenproduktion und die Reifung des Follikels. Nach der Reifung kommt es zum LH-Anstieg und zum Eisprung. Danach sinkt das Östrogen und das Progesteron steigt. Dieser Ablauf beschreibt den weiblichen Hormonzyklus.
Dieser Regelkreis ist bei der Adipositas gestört. Im Mittelpunkt steht jetzt das Hormon INSULIN. Es ist dazu notwendig, den Blutzucker zu senken. Bei der Adipositas entsteht eine Resistenz gegen das Insulin. Dies führt dazu, dass immer mehr Insulin benötigt wird, um den Blutzucker zu kontrollieren. Die hohen Insulinspiegel führen aber auch dazu, dass bei der Frau zu viel Progesteron produziert wird.
Jetzt kommt das Fettgewebe ins Spiel. Im Fettgewebe wird ein großer Teil des Progesterons in Östrogen umgewandelt. Es steigen also sowohl die Östrogene wie auch das Progesteron an. Dieser Mechanismus funktioniert nicht mehr zyklisch, wie im normalen weiblichen Zyklus, sondern kontinuierlich. Der Hirnanhangsdrüse wird vermittelt, dass sie die Eierstöcke nicht informieren muss, selbst Östrogen zu produzieren (weil bereits genug in der Blutbahn vorhanden ist) und ein Follikel zu bilden. Der Eisprung bleibt aus.
Vereinfacht gesagt ist es so, dass beim normalen Zyklus die Östrogene und das Progesteron zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich hoch sind. Durch die Adipositas und die Insulinresistenz wird der Zyklus gewissermaßen geglättet, da es zu allen Zeiten hohe Progesteron- und Östrogenspiegel gibt.
Darüber hinaus gibt es Hormone, die das Fettgewebe ganz alleine produziert. Die so genannten Adipokine. Als Beispiel soll das LEPTIN dienen. Das Leptin ist ein Steuerungshormon für unser Gewicht. Ist unser Gewicht erhöht, steigt das Leptin und reguliert unseren Appetit herunter. Sind wir untergewichtig bewirkt ein erniedrigter Leptinspiegel eine Appetitsteigerung. Das Hormon wird momentan gerne als das „Anti-Fettsucht-Hormon“ bezeichnet.
Da bei der Adipositas ein chronisch erhöhter Leptinspiegel besteht, passiert das gleiche, wie beim Insulin. Die Zellen werden resistent gegen das Hormon und der Körper benötigt immer höhere Dosen von Leptin, um entsprechend zu reagieren. Dies bewirkt nicht nur, dass der Mensch auch bei einem relativ hohem Spiegel von Leptin im Blut Hunger bekommt, Nahrung aufnimmt und dicker wird, sondern auch, dass die Funktion der Eierstöcke beeinträchtigt wird. Leptin bewirkt dort nämlich eine Verminderung der Hormonproduktion sowohl für Östrogen wie für Progesteron. Die Eierstöcke werden quasi durch das Leptin abgeschaltet.
So wirken ein Mechanismus der Blockade der Eierstöcke (Leptin) und ein Mechanismus der „Eigenproduktion von Sexualhormonen durch das Fettgewebe“ zusammen. Insgesamt wird dadurch der Regelkreis der zyklischen Hormonproduktion durch die Eierstöcke gestört und in einen kontinuierlichen Hormonspiegel umgewandelt. Es kommt zu Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit.
Die wirksame und dauerhafte Therapie der Adipositas ist somit ein ganz entscheidender Schlüssel zur Lösung dieses gynäkologischen Problems.
Führt man sich diese beiden Mechanismen vor Augen, ist verständlich, dass nach einer Magenverkleinerung, einer Bypass-Operation oder bei Anwendung der Adipositasspritze, die eine massive Reduktion des Körpergewichtes und des Fettgewebes bewirken, plötzlich viele Probleme gerade hormoneller Art auftreten können (z.B. Haarausfall). Dies hat natürlich mit der Produktion von Sexualhormonen (Östrogene) zu tun, die während der Phase der Gewichtsreduktion wieder von den Eierstöcken übernommen werden muss und längere Zeit benötigt, bis sie sich normalisiert hat.
Die Behandlung der weiblichen Unfruchtbarkeit bei Adipositas ist ein schwieriges und komplexes Problem. Aber die modernen Möglichkeiten der Gewichtsreduktion durch neue Medikamente (Adipositasspritze - Wegovy, Mounjaro) und die etablierten, sehr wirksamen Operationsmöglichkeiten versprechen eine gute Hilfe. Die hormonellen Störungen, die während einer starken Gewichtsreduktion auftreten, bedürfen ärztlicher Kontrolle um ungewollte Schwangerschaften und Risiken für Mutter und Kind zu vermeiden.
Über den Autor

Ehemaliger Leitender Oberarzt Allgemeine, Viszerale und Onkologische Chirurgie Klinikum Wetzlar
Ärztlicher Leiter des Adipositaszentrum
