
Schlafstörungen vom Säugling- bis ins Kleinkindalter
Bis zu 20 % unserer Jüngsten finden keinen ruhigen, gar sanft erholsam nächtlichen Ruheschlaf. Das zeigen mittlerweile weltweit umfangreiche pädiatrische und neuropsychologische Studien. Neben vielseitiger Belastung und Verantwortung für die Eltern zeigte sich auch eine Kindeswohlgefährdung durch langfristig körperliche sowie geistig seelische Gesundheitsstörungen, die nicht unterschätzt werden dürfen. Das kleine Menschlein mit seiner „frühkindlichen „Regulations-Interaktionsstörung“ und die betreuenden Eltern bedürfen früher fachlicher Hilfe.
Der Schlaf hat als ganz elementarer Teil unseres täglichen Lebens insbesondere in der frühesten körperlich, geistig und emotional seelischen Entwicklungsphase eine überaus wichtige Funktion: Im Schlafzustand erholt sich der Körper einerseits von den vielfältigen, nicht selten lebhaften und durchaus anstrengend motorischen Aktivitäten des Tages und das Gehirn benötigt diese biologische Zeit zur Verarbeitung des Geschehenen - mannigfaltige Ereignisse, Eindrücke und Empfindungen. Ständig müssen neue Sinnes- und Körpererfahrungen in ein wachsendes „Weltbild“ aufgenommen, eingeordnet, koordiniert und emotional bewertet werden. Dies geschieht direkt nach der Geburt – auch schon bereits im Mutterleib - im Wachstumsalter durch die kontinuierliche Produktion neuer Nervenverbindungen (Synapsen) zwischen bereits differenziert jeweils zuständigen Hirnarealen. Der Aufbau muss sich in Ruhe strukturieren können. Ein hochkomplexer Hirnreifungsprozess wird durch jeglichen unterbrochenen Schlaf erheblich gestört und kann – insbesondere bei häufig, langanhaltend und schwerem Verlauf ernsthafte Folgeschäden verursachen.
„Dreimonatskoliken“ bedeuten hohen Stress für Säuglinge:
3 h/Tag an 3 Tagen/Woche über 3 Monate!
Das natürliche Schlafbedürfnis beträgt in den ersten Lebenswochen 16 – 18 Stunden im 2. Lebensjahr 13 mit 10 Jahren etwa 9. Ein Mittagsschlaf entfällt meist ab dem 7. Lebensjahr, ist aber für alle Kindern – und Erwachsene - eine zusätzliche Erholungsphase einzulegen.
Ursachen von Schlafstörungen sind vielfältig
Genetik als vererbte „Innere Uhr“ bestimmt nicht selten den Schlaf-Wachrhythmus. Es gab schon immer Frühaufsteher „Lerchen“ und spätaktive „Nachteulen“ der individuell Inneren Uhr- dem Chronorhythmus. Kinder und Jugendliche mit neuropsychiatrischen Erkrankungen wie ADHS (70%!), Autismus-Spektrumstörungen, nach zerebralen Infektionen wie Enzephalitis, Meningitis, Epilepsie oder als Unfallfolge mit Schädel-Hirntrauma leiden deutlich häufiger unter langanhaltenden Schlafstörungen.
Nahrungsmittelallergien meist als Milchunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) führt bereits beim Neugeborenen zu blähend quälenden Bauchschmerzen begleitet von Schreiattacken und Ess- und Stillstörungen.
Umweltfaktoren sind die häufigste Ursache von Schlafstörungen. Ein nicht selten hoher elterlicher Erwartungsdruck auf einen frühen regelmäßigen Schlaf. Das soziale Umfeld einer geschäftig, laut und hektischen Umgebung beeinträchtigt bei sensiblen Säuglingen und Kleinkindern den nötigen ruhigen Schlaf – Wachrhythmus. Innerfamiliäre Spannungen nehmen alle Kinder sehr sensibel wahr und reagieren mit nächtlicher Unruhe, Angst oder auch Fütterungsstörungen. In beängstigend zunehmendem Maße reduziert jegliche Bildschirmnutzung durch Blaulicht im Fernsehgerät, Smartphone, Tablet oder Computer die Produktion des unverzichtbar lebenswichtigen „Schlafhormons“ Melatonin und erschwert somit das gesunde Ein- und Durchschlafen. Diese schnell verfügbar und zunehmend häufig eingesetzte „Unterhaltung zur Beruhigung“ ist nicht zu verantworten.
Symptomatik bei Schlafstörungen
Schlafapnoe
ist gekennzeichnet durch wiederholte kurze oder gar längere Atempausen, die durch akuten Sauerstoffmangel im Gehirn im weiteren Wachstum zu kognitiven und emotionalen Schäden führt.
Parasomnie und Albträume (pavor nocturnus)
sind Symptome mit nächtlichem Aufschrecken, Schreien und Weinen, Zähneknirschen (Bruxismus), Schlafwandeln (Somnambulie) sowie Reden im Schlaf. Diese Zustände entstehen meist im Zusammenhang mit emotional ungelösten Konflikten oder individuell bei Kinder-
garten- und Schulkindern durch eine erhöhte mentale, schulisch intellektuelle oder auch körperliche Überforderung.
Folgen des chronischen Schlafmangels sind eindrucksvoll dokumentiert in den Bereichen Konzentrations- und Gedächtnis-störungen, Lernbehinderungen mit schlechteren schulischen Leistungen samt einem nicht alters gemäß angemessenem Verarbeiten neuer Informationen aller Art im Alltag.
Eine emotionale Instabilität fällt bereits bei Kita- und Schulkindern als häufig schnelle Reizbarkeit, impulsives, teils unkoordiniertes Verhalten sowie geringe Belastbarkeit - bei chronischem Verlauf auch durch depressive Phasen und Ängste vor Dunkelheit, Schulversagen, Trennungsängste - bis hin zu Panikattacken auf.
Ein unruhiger Schlaf wurde in Studien auch vermehrt bei hormonellen und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder starkem Übergewicht beschrieben.
Frühe und differenzierte Diagnostik
ist bei hartnäckigen Schlafstörungen unerlässlich!
Welche Methoden stehen pädiatrischen und kinderpsychologischen Experten zur Verfügung? Am Anfang steht immer eine ausführliche Anamnese mit Elternbefragung inklusive standardisierter Fragebögen sowie als „Hausaufgabe“ für die Eltern das Führen eines Schlafprotokolles über Zeit, Umgebungssituation und Art der Schlafstörung statt. Durch die fachärztliche körperliche Untersuchung samt umfassender Labordiagnostik werden mögliche organische Ursachen abgeklärt. Bei Verdacht auf schwerwiegende Störungen wie z.B. Schlafapnoe oder Epilepsien erfolgt eine komplexe Polysomnographie mit Aufzeichnung nächtlicher Augenmuskelaktivität (EMG/EOG), Herzaktion (EKG) plus Hirnkurvenmessung (EEG), Blutsauerstoffsättigung - regelmäßige Verlaufskontrollen werden vereinbart.
Hilfen bei frühkindlicher Schlafstörung
Jede Therapie schlafauffälliger Kinder erfordert einen ganzheitlichen Ansatz mit gründlicher Abklärung und Information zur Ursache und Anleitung mit konkret präventiver Vorsorge und therapeutischen Maßnahmen.
Im Vordergrund steht zumeist die Verbesserung der Schlafhygiene im häuslichen Milieu. Beide Eltern sind mit einem liebevoll geduldig empathischen Verständnis für das Leiden des Kindes der wichtigste, unverzichtbare Teil zur Genesung. Die Kleinen müssen im „Anfall“ vor allem beruhigt und getröstet werden. Regelmäßigkeit ohne Diskussion und bewährte Routine beim Zubettgehen/legen sind altbekannte Routineeinschlafhilfen ebenso wie Erzählen, Vorlesen, sanftes Reden oder Singen, auch Streicheln, Kuscheln in Ruhe und Dunkelheit oder gedämpftem Licht in sauberer Windel und gut gelüfteter Umgebung auch mit Lieblingskuscheltier. Gemeinsames Zähneputzen gehört im Zahnungsalter durchaus auch schon zu einem konsequenten „Einschlafprogramm“. Kein spätes, schwer verdauliches Abendessen und kein spätes viel Trinken, um häufigen Windelwechsel oder Aufstehen zum Wasserlassen zu vermeiden. Als ungünstig erweist sich langfristig die Aufnahme des schlafgestörten Kindes in das Elternbett mit der „Gefahr“ einer Gewöhnung oder später als „Erpressung“. Ein leichtes Dämmerlicht zur Orientierung hilft immer. Bei Schlafwandeln sind Vorsichtsmaßnahmen wie Bettgitter, barrierefreies Zimmer bis zum Wohnungsabschluss mit Schlüsselentzug erforderlich, evtl. Bewegungsmelder mit Lichtschalter. Schlafwandeln verliert sich allermeist während der Pubertät. Immer hilfreich sind häufige tägliche Bewegung in der frischen Luft ohne Überanstrengung, eine normale, ruhige Ruhezeit sowie gezielte Entspannungstechniken wirken bei älteren Kindern ebenfalls günstig. Zur Unterstützung der Eltern werden vielerorts gezielte Kinderkurse angeboten.
Kognitive Verhaltenstherapie durch Kinderpsychiater/psychologen hat sich insbesondere bei chronifizierten Stress - und angstbesetzten Schlafstörungen sehr bewährt. Dies insbesondere, wenn das Kindeswohl durch „ausufernde“ Streitigkeiten völlig überforderter Eltern mit lautem drohendem Schreien, gar körperlicher Misshandlung vom Schütteltrauma bis zur Kindstötung bedroht ist. In solchen Situationen muss ohne Zögern das Jugendamt oder Polizei eingeschaltet werden.
Aus der Apotheke
Medikamente werden bei schwerem und häufigem Schlafentzug meist nur mit zeitlicher Begrenzung und unter fachärztlicher Kontrolle eingesetzt. Dazu stehen Beruhigungspräparate wie Melatonin („Pinealin“), Antihistaminika, Benzodiazepamderivate aber auch milde Antidepressiva in jeweils altersgerechter Dosierung zur Verfügung. Aus der Naturheilkunde helfen Substanzen, die in einer ersten Phase zur Beruhigung eingesetzt werden können: Tee aus Melisse, Passionsblume, Hopfen, Kamille, erst ab 2 Jahren heiße Milch mit Bienenhonig oder Baldrianextrakt - nicht als Reinsubstanz! Vor einer Selbstbehandlung mit meist gemischten Nahrungsmittelergänzungspräparaten wird ärztlicherseits wegen ihrer unkontrollierbaren Dosis bei Vergiftungsgefahr nachdrücklich gewarnt! Für alle von Schlaflosigkeit Betroffenen besteht durchaus eine berechtigt große Hoffnung auf ein Abklingen und ein Ende der Regulationsstörung bei liebevoll aufmerksamer und sachlich-fachlich frühzeitigen Betreuung in jeder Entwicklungsphase ihrer Kinder.
Weiterführende interessante Literatur
Dr. Gunhild Kilian-Kornell und Dr. Annette Eiden: „Der Kinderarzt“ im südwest Verlag
Anna Wahlgreen: „Kleine Kinder brauchen uns“ im Beltz Verlag
A.Jean Ayres: „Bausteine der kindlichen Entwicklung im Springer Verlag“
Annette Kast-Zahn, Dr. Hartmut Morgenrot: „Jedes Kind kann schlafen lernen“ (GU-Verlag)

