
Ultraschall in der Knochenbruchdiagnostik
bei Kindern und Jugendlichen
Röntgenbilder sind seit vielen Jahrzehnten der Standard in der Diagnostik von Frakturen bei Kindern und Jugendlichen. Es ist aber zu bedenken, dass der wachsende Organismus viel empfindlicher auf Röntgenstrahlen reagiert als der erwachsene. Daher ist das Bestreben in der Kindertraumatologie, die Anzahl notwendiger Röntgenuntersuchungen zu reduzieren. Auf dieser Grundlage wurden in den vergangenen Jahren die Möglichkeiten der Ultraschalldiagnostik bei Knochenbrüchen systematisch untersucht und diese Methode in den klinischen Alltag eingeführt.
Die Untersuchungstechnik der Fraktursonographie ist unter entsprechender Anleitung rasch zu erlernen. Sie wird von den verletzten Kindern meist sehr gut toleriert. Das zu verwendende Ultraschall Gel kühlt und wird oft sogar als angenehm empfunden. Ein schmerzhafter Druck des Schallkopfes muss vermieden werden und ist zur Durchführung der Untersuchung auch nicht notwendig. Die Untersuchung ist nicht sehr zeitaufwendig und kann sozusagen als Teil der klinischen Untersuchung des verletzten Kindes durchgeführt werden.
Die Fraktursonographie hat daher schon jetzt einen festen Platz in der Diagnostik von Knochenbrüchen im Wachstumsalter. Es ist zu erwarten, dass in den kommenden Jahren weitere Standards erarbeitet und auf ihre Verlässlichkeit hin überprüft werden. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass jetzt und in Zukunft völlig auf Röntgenbilder und im Einzelfall auf CT- oder MRT-Untersuchungen verzichtet werden kann.
Wir gehen in der Verletzungsdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen grundsätzlich wie folgt vor:
- Unser ausgebildetes Team verfügt über fundierte Vorkenntnisse bezüglich der speziellen Verletzungsmuster und Gegebenheiten bei Frakturen im Wachstumsalter.
- Wir erheben eine Verletzungsanamnese und führen eine körperliche Untersuchung durch, die sich auf das Wesentliche beschränkt und bei der darauf geachtet wird, keine zusätzlichen Schmerzen z.B. durch unnötige Bewegungstests zuzufügen.
- Aus Vorkenntnissen, Anamnese und körperlicher Untersuchung ergibt sich dann eine Arbeitsdiagnose.
- Nun wird geklärt, welche Untersuchungsmethode die Arbeitsdiagnose am sichersten und am wenigsten belastend bestätigen oder widerlegen kann.
Nach diesem Muster wird eine Ultraschalluntersuchung oft, jedoch nicht immer, der erste Schritt der bildgebenden Diagnostik bei Verdacht auf einen Knochenbruch sein.
Es werden zur Fraktursonographie standardisierte Untersuchungssequenzen genutzt, die bereits für einige Körperregionen auf ihre Aussagekraft nach wissenschaftlichen Prinzipien überprüft wurden. Dies gilt in erster Linie für den handgelenksnahen Unterarm (wrist safe Standard) und den schultergelenknahen Oberarm (shoulder safe Standard). Hier hat sich der Ultraschall bei besonders feinen Frakturlinien sogar als sensitiver erwiesen als herkömmliche Röntgenbilder. Am schultergelenknahen Oberarm kann bei standardisiertem Untersuchungsablauf die für die Therapieentscheidung entscheidende Achsabweichung („Abknickung“) der Knochenbruchfragmente sogar exakter bestimmt werden als anhand von Röntgenbildern.
Am Ellenbogengelenk, wo die typischen Knochenbrüche des Kindes- und Jugendalters nicht selten dauerhafte Schädigungen hinterlassen, kann die Ultraschalluntersuchung nur bedingt helfen, da die dreidimensionale Struktur dieser Gelenkregion keine sichere Frakturdiagnostik mit der Sonographie zulässt. Bei minderschweren Verletzungen ist jedoch der sonographische Nachweis oder Ausschluss eines Gelenkergusses von großem Wert (elbow safe Standard). Liegt nach einem Ellenbogentrauma kein Gelenkerguss vor, so ist ein Knochenbruch sehr, sehr unwahrscheinlich, so dass auf ein ergänzendes Röntgenbild im Sinne der reduzierten Strahlenexposition zunächst verzichtet werden kann. Liegt dagegen ein Gelenkerguss vor, sollte die Diagnostik unbedingt um ein Röntgenbild ergänzt werden.
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Schulter |
Obere Extremität |
Rumpf |
Untere Extremität |
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Schlüsselbein |
Gelenkerguss Ellenbogen |
Rippen |
Hüftgelenkerguss |
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Schultereckgelenk |
Radiuskopf |
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Kniegelenknaher Oberschenkel |
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Schultergelenknaher Oberarm |
Handgelenknaher Unterarm |
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Kniegelenkerguss |
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Mittelhandknochen |
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Unterschenkel |
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Mittelfußknochen |
Gute Indikationen zur Frakturdiagnostik per Ultraschall im Wachstumsalter.
Die Ultraschalldiagnostik wird in der Frakturdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung zunehmen und in immer mehr Körperregionen den Vorrang des Röntgenbildes ablösen. Das Team der Sektion Kindertraumatologie der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am UKGM in Gießen ist gut auf diese Entwicklung vorbereitet und an der Weiterentwicklung der Methode zusammen mit anderen führenden kindertraumatologischen Zentren im deutschsprachigen Raum an der Weiterentwicklung beteiligt.
Bei Fragen zu diesem Thema und zu anderen Themen der Knochenbruchbehandlung bei Kindern stehen wir gerne zur Verfügung.
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44. Jahrestagung der Sektion Kindertraumatologie e.V. 12.-13.Juni 2026 in Gießen
Anmeldung siehe QR-Code
Über den Autor

Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie
Bildergalerie
PD Dr. med. Ralf Kraus
Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie
Spezielle Unfallchirurgie, Handchirurgie, Notfallmedizin, Kinderorthopädie
Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie –
Leiter der Sektion Kindertraumatologie
Universitätsklinikum Gießen
Vergleich der sonographischen und der röntgenologischen Darstellung einer stark dislozierten Wachstumsfugenlösung des distalen Radius bei einer 10jährigen Patientin. Es gibt keinen behandlungsrelevanten Informationsgewinn durch das Röntgenbild.
Quelle: Dr. Ole Ackermann, Duisburg.
