Der Blutegel –

seit 2000 Jahren in der Medizin bewährt

Frau K. ist verzweifelt und zornig, ihr Ellbogen schmerzt seit zwei Wochen. Mit dem Beginn des schönen Wetters war sie aktiv im Garten, u.a. musste sie einen alten Baum mit der Axt zerlegen. Seitdem kann sie bei ihrer Arbeit an der Kasse kaum noch die Waren über den Scanner fahren. Eine Salbe kühlt etwas, bringt aber keine wirkliche Besserung. Die verordnete Schiene stört bei der Arbeit. Und es ärgert sie, dass der Arzt das einen „Tennisellbogen“ nennt. „Als hätte ich je Tennis gespielt, so ein Luxuskram!“. Damit sie arbeiten gehen kann, nimmt sie jeden Morgen eine Schmerztablette, jetzt hat sie schon Sodbrennen, immer noch Schmerzen und sucht eine andere Behandlungsmöglichkeit. Eine Nachbarin mit Daumengelenksarthrose erzählt ihr von der Blutegeltherapie und Frau K. macht einen Termin. Auch wenn sie sich fragt, wie ein blutsaugender Wurm, der bei Gelenkschmerzen geholfen hat, ihre entzündeten Sehnen heilen soll.

Der Blutegel, Verwandter unseres Regenwurms, ist ein Ringelwurm, überwiegend im Wasser lebend und seit über 2000 Jahren in der Medizin in Mitteleuropa, aber auch in Asien in der ayurvedischen Medizin in therapeutischer Anwendung. Manch einer hatte schon mal einen Egel am Bein nach dem Bad im See, aber man muss wissen, dass es über 600 Egelarten gibt und nur wenige therapeutisch wirksam sind. Jahrhundertelang war die Blutegeltherapie anerkannt als Volksmedizin, aber auch als Medikament der „Elite“, berühmte historische Persönlichkeiten wie Washington und Napoleon gehörten zu den Patienten. Lange wurde der Blutverlust als die entscheidende „reinigende“ Wirkung der Blutegel gesehen, schonender als der früher häufig eingesetzte Aderlass mit Lanzetten, die zu Vernarbungen oder Infektionen führen konnten. Vor allem war es möglich, die Egel genau im Bereich der Beschwerden anzusetzen. Dass die Egel dabei viel mehr bewirkten als den sichtbaren Blutverlust, wurde berichtet, aber der Wirkmechanismus war nicht bekannt.

Wirksubstanzen im Egelspeichel

Heute sind zahlreiche Wirkstoffe aus dem Egelspeichel bekannt, die der Egel während des etwa einstündigen Saugvorgangs über kleine Kanäle zwischen seinen Zähnen in die Wunde abgibt. Einige dieser Stoffe wurden zu Vorlagen von alltäglich in der Schulmedizin angewandten Medikamenten. Es sind u.a. gefäßerweiternde, schmerzreduzierende, antientzündliche, durchblutungsfördernde, blutverdünnende Inhaltsstoffe. Die Gesamtkomposition aller Stoffe des Blutegelspeichels beinhaltet noch viele Unbekannte und ist in seiner Wirkung einmalig.

Der Blutegel ist rechtlich ein Medikament

Der Egel ist in Deutschland apothekenpflichtig und kommt als „Medikament mit Beipackzettel“, rechtlich gilt er in der modernen Medizin als sogenanntes Humanfertigarzneimittel. Die Tiere sollten aus zertifizierten Betrieben kommen, wo sie regelmäßigen Qualitätskontrollen unterliegen. Blutegel speichern das gesaugte Blut in Darmdivertikeln, so dass sie abhängig von Alter und Größe viele Monate ohne Nahrung auskommen. Deshalb durchlaufen sie vor einem therapeutischen Einsatz eine 8-monatige Quarantäne ohne Fütterung. Damit wird gewährleistet, dass keine Keimübertragung durch eine vorherige Mahlzeit möglich ist und der Egel hungrig als „bissfreudiger Therapeut“ bereitsteht. In Deutschland wird als medizinischer Egel Hirudo verbana genutzt, gut erkennbar an seinem grünen Bauch mit den schwarzen Seitenstreifen. (Bild1)

Der Blutegel raspelt mit seinen sehr kleinen 240 Kalkzähnchen eine oberflächliche Wunde von etwa 1-1,5mm Tiefe. Wer regelmäßig seinen Blutzucker aus einem Pieks in den Finger bestimmt, der weiß, wie man manchmal mühsam melken muss für den Tropfen auf dem Teststreifen. Damit der Egel über eine Stunde eine Menge von ca. 5-10ml Blut saugen kann, muss er mit dem Speichel dafür sorgen, dass die Wunde sich nicht verschließt. Der Speichel enthält dazu verschiedene gerinnungshemmende Stoffe wie Hirudin, Calin und Saratin. Diese lösen Blutgerinnsel auf und verhindern das Gerinnen des Bluts, so dass auch nach Abfallen der Egel tropfenweise Blut aus den kleinen Bisswunden läuft, manchmal bis zu 30ml in bis zu 24 Stunden. Damit die Substanzen ihre Wirkung in der Tiefe entfalten können, bewirken Speichelsubstanzen, dass der Raum zwischen den Zellen, die sogenannte Extrazellularmatrix, durchlässiger wird durch Lyse-Wirkstoffe wie Kollagenasen und Hyaluronidasen. Diese erlauben das Vordringen ins Gewebe. Einige Substanzen fördern die Weitstellung von Gefäßen und machen diese „durchlässiger“. Dies führt zu vermehrter Durchblutung und auch zu einem verbesserten Fluss der Lymphe. Weiterhin sind entzündungshemmende und schmerzlindernde Stoffe im Speichel.

Im Fall von Frau K.s Tennisellbogen sind diejenigen Speichelanteile wichtig, die für die Lysewirkung sorgen und antientzündlich wirken. Die entzündlichen Verklebungen werden auch in der Tiefe gelöst. Bis 10cm um die Bisswunde ist die Wirkung nachweisbar. Und damit wird verständlich, warum ein nicht durchblutetes Gewebe wie eine Sehne dennoch von einer Blutegeltherapie profitieren kann.

Frau K. kommt mit aktuellem Blutbild (zum Ausschluss einer Anämie) sowie ihrer Liste der Vorerkrankungen und der täglichen Medikamente. Sie nimmt einen Cholesterinsenker und einen Betablocker. Nach einer ausführlichen Aufklärung über die möglichen Nachwirkungen der Blutegeltherapie (u.a. bis zu 24 Stunden Sickerblutung, Rötung und Schwellung im Bereich der Bisse, Juckreiz) und wie sie im Bedarfsfall damit umgehen kann, erfolgt 2 Tage später die Therapie. Der Zeitpunkt ist so gewählt, weil sie die Tage danach frei hat und den behandelten Arm schonen und hochlagern kann. Den Betablocker bringt sie mit in die Praxis, um ihn erst nach der Egelbehandlung einzunehmen, denn das Medikament kann die Blutegel müde machen. Es werden 4 Egel um die schmerzende Stelle am Ellbogen neben die Sehnen gesetzt. (Bild 2) Nach 50 Minuten fallen die Egel sattgetrunken von alleine ab. Die Wunden dürfen noch 10 Minuten offen nachbluten, dann wird ein saugstarker Verband ohne Druck gewickelt, der am nächsten Tag kräftig blutgetränkt ist. Frau K. verbringt noch einen Tag mit kühlendem Quarkwickel auf der Couch, bereits am nächsten Tag fühlt sie sich erstmals nahezu schmerzfrei und nimmt den Juckreiz gerne in Kauf, der noch 5 Tage anhält. „Hätte ich nie gedacht, dass die Würmer helfen, aber der Arm ist wie neu! Und ich bin sehr froh, dass es jemand gemacht hat, der weiß, wie das geht, sonst hätte ich mich doch gegruselt.“ berichtet sie 4 Wochen später.

Einen ortsnahen Therapeuten findet man zum Beispiel über eine online Suche https://therapeuten.blutegel.de. Und für interessierte Therapeuten, die sich fortbilden möchten, gibt es Wochenendseminare z.B. unter www.blutegelseminare.de. Hier kann man von erfahrenen Egeltherapeuten die Grundlagen lernen und wird dem Patienten und dem lebendigen Arzneimittel Blutegel besser gerecht. Anregungen und Austausch für fortgeschrittene Therapeuten gibt es in Aufbau-Seminaren zu verschiedenen Schwerpunktthemen.

Über den Autor

Dr. med. Dorle Schmidt
Dr. med. Dorle Schmidt
Ärztin, Kinderkardiologin, Biebertal

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